Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 20.1909

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Die Winterattsstellung

der Berliner Sezession

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reuth führt neben dem Subjektivisten Liebermann die
mehr objektiv gestimmten treuen Diener der Natur.
Hinter ihm stehen mit ausgezeichneten Blättern der
Dresdener Otto Fischer, Philipp Franck, der sich mit
zäher Energie von Jahr zu Jahr zu freierem Ausdruck
durchringt, Heinrich Reifferscheid, Hermann Struck
und, zwei Träger bei uns weniger bekannter Namen,
Adolf Schinnerer und Rudolf Stumpf (Weimar), jener
mehr mit zarten Linien, dieser mit kräftigen Licht-
und Schattenkontrasten wirkend. Kflyser-Eichberg ver-
tritt mit Landschaften in Brachts Kompositionsart die
farbige Radierung. Die Phantastik kommt in Olaf
Langes reizvollen Mystizismen und vor allem in einer
Kollektion von Marcus Behmer zu Worte, die mit
ihren grotesken Linienvisionen, mit ihren gierigen,
unheimlichen oder lebensmüden Insekten und mit
ihren zierlichen, an die Schmuckfreude alter Ornament-
stichblätter erinnernden neuen Stücken außerordent-
lich interessiert. Zwischen den graphischen Künsten
stehen die vielseitigen Beherrscher aller Techniken,
wie Edvard Münch, den der Dämon treibt, sich in
allen Sprachen auszusprechen, oder Emil Orlik, dessen
leichtfüßig-charmanle Geschicklichkeit überall zu Hause
ist, oder E. R. Weijl, den, ähnlich wie Orlik, die
redliche Freude am handwerklichen Arbeiten durch
alle Möglichkeiten künstlerischen Ausdrucks vagieren
läßt. Alle drei haben auch zum farbigen und
schwarzen Holzschnitt Beziehungen, auf dessen auf-
fallendes Vorrücken schon oben hingewiesen wurde.
Eine ganze Reihe junger Begabungen tummelt sich
auf diesem Gebiete, unter denen vor allem Charlotte
Rollius (mit zwei entzückenden Stilleben im Cezanne-
geschmack), Wassily Kandinsky (mit originellen im-
pressionistischen Farbenstücken), Hans Neumann jr. in
München (mit zwei frischen Sportbildern), Eugen
Schüfftan (mit einem vorzüglichen Porträtkopf) sich
auszeichnen. Eine Anzahl weiterer Holzschneider ist
noch nicht über das Stadium des Tastens hinaus-
gelangt. Für Emil Noldes anspruchsvolle Primitivi-
täten, die aber mehr roh als einfach sind, kann ich
mich gleichfalls nicht erwärmen. Unter den Litho-
graphien nehmen Max Slevogts hinstürmende Märchen-
illustrationen den ersten Platz ein, die der Künstler
seit einiger Zeit mit solcher Vorliebe pflegt, diese
leidenschaftlichen Zeichnungen zu höchst abenteuer-
lichen Geschichten, wie »Sindbad dem Seefahrer«,
dem Indianerbuch »Coronna«, »Rübezahl« (zu den letz-
teren sah man die Zeichnungen), alles Federdichtungen,
die mit unheimlichem Elan über das Reale weg ins
Reich der Poesie fortsausen. Ein kostbares Blatt
stellt die Szene dar, wie Slevogt selbst, erschauernd
in seiner menschlichen Kleinheit, den Riesengebirgs-
geist porträtiert, der ihm grimmig und doch gehorsam
auf hohem Felsengipfel Modell steht. Auch in dieser
Provinz der Lithographie machte sich ein neuer Name
bemerkbar: Max Pechstein, der Pariser Szenen mit einer
an Lautrec geschulten Keckheit auf den Stein trägt.

Auch bei dem weiteren Umblick sei mir gestattet,
das Hauptaugenmerk auf die weniger Bekannten zu
legen. Neben den Graphikern würden die Illustra-
toren und Buchkünstler stehen, unter denen allerdings

auch außerhalb des Simplizissimus-Saales die Be-
währten ziemlich unter sich waren: Christophe, Ernst
Stern, Zille, Karl Walser. Um so lebhafter rückte der
Nachwuchs auf dem Felde der freien Studie an. Ich
nenne, nach einem kurzen Hinweis auf die pracht-
vollen Blätter aus Corlnths Atelier, die feinen Kon-
turen - Aktzeichnungen von Karl Abiker (Ettlingen),
einen anderen Frauenakt von Max Feldbauer (Mün-
chen), die kräftigen, in ihren energischen Strichen sehr
persönlich - ausdrucksvollen Landschaftsimpressionen
von Theo von Brockhusen, die famosen Barbaren-
typen von Ernst Barlach, der russische Bauern, Ar-
beiter, Bettler und dergleichen in derben, scharfen
Charakterlinien in einer monumentalen Karikaturart
aufs Papier bringt und mit diesen originellen Proben
eines eigenwilligen Talents diesmal in die erste Reihe
einrückte. Ebenso hoffnungsvoll stand es um das
Kapitel der leichteren Farbenkunst. Auch hier sei
die Ernte der alten Garde übergangen (bei der Ba-
luschek mit einem großen neuen Ölkreidezyklus über
sein geliebtes Eisenbahnthema auftrat, ungleichen
Stücken, die bald hart und steif dreinblickten, dann
aber wieder die Sachlichkeit und Strenge einer finstern
maschinellen Welt wahrhaft künstlerisch bezwangen).
Dagegen marschiere nun das junge Volk auf. Lieber-
mannsche Pastelleinflüsse wurden bei Ernst Gabler,
bei Emil Pottner und Kpnrad von Kardorff bemerk-
bar, die sich dem weichen, vertriebenen, gewischten
Stimmungsstrich anschlössen, den der Meister seit
seinen Bildchen von der Unterelbe gern pflegt. Neben
Ludwig von Hof mann, der unter anderem seine fest-
lichen Skizzen zum Wandfries des neuen Jenenser
Senatssaales ausstellte, erschien sein noch zaghafter,
aber begabter Schüler Ivo Hauptmann, Gerhart Haupt-
manns ältester Sohn, mit träumerischen Szenerien aus
südlichen und nördlichen Strichen. Ernst Matthes
zeigte pikante Pariser Aquarelle, Hans Meid flotte
berlinische Ausschnitte, Demetrius Galanis talentvolle
Gouachen. In Wilhelm Claudius lernten wir einen
fleißigen Schüler Bantzers kennen. Waldemar Rößler
rechtfertigte, mit Landschaftsstudien aus dem Revier
um Berlin, den guten Ruf, den er sich auf der letzten
Sommerausstellung so rasch erwarb. Eine ganz neue
Erscheinung aber war Eugen Zack (Paris), der in
flächig - breiten, sorgsam geglätteten Malereien von
Kinder- und Frauenköpfen gegen weite landschaftliche
Hintergründe primitive Stilisierungen früher Zeiten
mit einem eigentümlich modernen Empfinden und
Farbengeschmack erneuert.

Neu war diesmal eine mit besonderer Sorgfalt
zusammengestellte Kollektion von kleinen Skulpturen,
die im großen Mittelsaal des Sezessionshauses in
Reihen aufmarschierten. Auch das könnte bei syste-
matischem Ausbau für Künstler und Publikum wert-
volle Anregungen bringen; denn für die Kleinplastik
herrscht in Berlin immer noch eine ganz besondere
Verständnislosigkeit. MAX OSBORN.

NEKROLOGE
-f In Basel, seiner Vaterstadt, starb noch im alten
Jahre der dort 1841 geborene Architekt Gustav Kelter-
born. Am Polytechnikum von Hannover geschult, dann
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