Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 20.1909

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Wettbewerbe — Denkmalpflege — Denkmäler — Ausstellungen

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Absichtslose Schönheit ist das Prinzip dieser Kunst.
Und darin liegt ihre große Wirkung. Es gibt freilich noch
viele, die von der großen Wirkung noch nicht berührt
wurden. Sie laufen an den Gemälden Schäfers vorbei,
einmal weil ihnen der Name noch nicht bekannt ist, denn
selbst ästhetische Nasen müssen gelegentlich auf den
Gegenstand ihrer künftigen Bewunderung gestoßen werden,
bis sie ihn entdecken und zum andernmal, weil die Ge-
mälde keine »Schlager« sind. Das viele Altgold gibt ihnen
eine Zurückhaltung — sie verlangen gebieterisch nach
einem Eigenraum, in dem man sich ganz ihnen hingeben
kann. Möchten sie ihn finden!

WETTBEWERBE
Für den Bau eines Deutschen Theaters in Dorpat

wird vom Dorpater Handwerkerverein, in dessen Garten
das Theater errichtet werden soll, ein Wettbewerb ausge-
schrieben. Das Preisrichteramt besteht aus Architekt
A. Hammerstedt-Petersburg und den Professoren J. Koch
und O. Hoffmann-Riga. Zur Verteilung gelangen drei
Preise von insgesamt 1000 Rubeln. Schlußtermin ist der
l. Februar 1909.

DENKMALPFLEGE
Der Entwurf eines Gesetzes gegen Verunstaltung
von Stadt und Land im Königreich Sachsen ist von

beiden Kammern des Sächsischen Landtags angenommen
worden. Nach ihm soll die Polizeibehörde u. a. befugt
sein, aufdringliche Reklamen, Aufschriften, Bemalungen
usw. zu verbieten, die die Straßen, Plätze, einzelne Bau-
werke oder das Ortsbild oder Landschaftsbild verunstalten.

-f Für die möglichste Erhaltung des alten, malerischen
Strohhauses im Aargau tritt im »Heimatschutz«, der
Zeitschrift der Schweizerischen Vereinigung für Heimat-
schutz, Architekt Otto Senn in Zofingen in einem Aufsatz
ein. Die begleitenden photographischen Aufnahmen solcher
Häuser belegen die charaktervolle Heimeligkeit dieser
bodenständigen Bauten.

DENKMÄLER
Dem Begründer des Kronberger Künstlerbundes, An-
ton Burger, ist unweit des Schlosses Friedrichshof ein
Denkmal errichtet worden, ein Werk des Münchener Bild-
hauers Carl Ludwig Sand. Es zeigt die Bronzebüste des
Künstlers über einem Brunnenbassin, auf dessen Rande
zwei Rehe die Liebe Burgers für die Jagd andeuten.

AUSSTELLUNGEN
Berlin. Bei Keller & Reiner hatte der Münchener
Otto Hierl-Deronco eine ganze Serie großer Porträts des
Papstes ausgestellt, die nicht gerade auf der Linie seiner
besten bisherigen Schöpfungen standen. Namentlich die
umfangreichen Repräsentationsbilder, die Pius X. in vollem
Ornat auf dem Thron Petri als geistlichen Beherrscher der
katholischen Christenheit zeigten, waren recht äußerliche
Prunkstücke, die weder von einem tieferen Eindringen in
die Persönlichkeit des Kirchenfürsten, noch von einem
feineren Verständnis für den malerischen Reiz der römischen
Pracht Kunde gaben, in der die sympathische Erscheinung
des greisen heiligen Vaters hier auftritt. Das alles ist mehr
auf sachliche, dokumentarische Richtigkeit als auf künst-
lerische Wirkung hin gearbeitet, und die blassen, kreidigen
Fleischtöne des Antlitzes wie ein obenhin angebrachter,
etwas süßlicher, rötlich-violetter Schimmer, der über die
großen Leinwandflächen gebreitet ist und scheinbar für
Toneinheit sorgen soll, erwecken einen nicht angenehmen
Eindruck. Besser sind die wenigen Porträts, die sozusagen

»le Pape intime« schildern, und in denen der würdige alle
Herr in weißem Priestergewande schlicht vor uns sitzt
oder steht, während die Hand sich an einen Sessel lehnt.
Hier ist Hierl-Deronco im farbigen Ausdruck wie in der
Darstellung des Individuellen erheblich weiter gekommen.

Wien. Die Herbstausstellung im Künstlerhause,
über 400 Nummern stark, läßt keinen neuen, auch keinen
besonders frischen Zug hervortreten. Rahmen und Füllung
bleiben Jahr um Jahr das nämliche, und Gäste werden nicht
herangezogen. Die ältere Garde hat sich das Ausstellen
überhaupt schon mehr abgewöhnt; bloß Prof. Pochwalski
bringt diesmal mehrere Herrenbildnisse, in denen er sich
besonders zusammennimmt. Unter den jungen Leuten sind
einige modischere Talente und sie finden auch schon Leute,
die das Talent haben, sich von ihnen malen zu lassen.
Adams, der soeben auch für das Rathaus den jubilierenden
Fürsten von Liechtenstein, diesen großdenkenden Kunst-
förderer Wiens, gemalt hat, geht in einem großen Doppel-
reiterporträt (Fabrikant Kurz in Jägerndorf) und einem fesch
kolorierten Ganzbild der Schauspielerin Lili Marberg (als
Jolanthe im »Teufel«) doch wieder aus einer schwärzlich
zusammengewürzten Interieurschablone heraus, in der er
sich die letzten Jahre her festgerannt hatte. Dann ist
W. V. Krauß einer der Kommenden, vielmehr schon Ge-
kommenen. Seine Miß Thompson, die voriges Jahr mit
dem schwarzen Muff so viel Erfolg hatte, tritt diesmal
»füll length« auf, in rot-blau gemischtem Kostüm mit blauem
Modehut, und wird ein Ensemble von pikanter Starkfarbig-
keit, die doch nicht ohne ihre vornehme Dämpfung ist.
Auch Schattenstein gelingt ein Herrenbild, dem ein leichter
Beigeschmack von Ungefähr gelassen ist, recht fein. Veith
dagegen wird mit seinen Pomade- und Bonbonfarben in
immer gleicher Zurüstung unleidlich. Neuestens hat sich
Joannovits von seinen stärkeren Antezedentien auf diese
bequemere Ausstattungsmalerei zurückgezogen. Uberhaupt
gilt von all dieser Bildnismalerei, daß sie die größte Angst
hat, irgend mit dem Pinsel aus dem Salonläufigen heraus-
zufahren. Auch den Jungen geht nur allzubald das Ge-
heimnis der Zahmheit und Windelweichheit auf. Darum
war die »Kunstschau«, die sich soeben schloß, eine wahre
Wohltat für das mit Zucker und Honig vergiftete Wiener
Auge. Unter den Landschaftern sind es Brunner, Baschny,
Poosch, Beck, Jungwirth und Suppantschilsch, die in der
DarstellungfaibigerStimmungen vorwärtskommen. Quittner,
der die größten Erfolge hatte, erholt sich leider nur sehr
langsam von einer schweren Operation, die ihn vor einem
halben Jahre lahm legte. Das Genrebild heißt wenig. Nur
Windhager hat Erfolg mit einer aus altwiener Tonart gehen-
den Szene »Beim Heurigen«, wo der äußere und äußerste
Wiener wirklich fein beobachtet und mit einer Pointe von
verdünnter Niederländerei gegeben ist. Von Plastik ist
nichts Wesentliches vorhanden. Im ganzen eine sehr durch-
schnittliche Ausstellung. — In der Galerie Miethke hat
man eine recht interessante Wilhelm Leibi-Ausstellung.
Meist sind es Arbeiten der Jugendzeit (»vor Courbet«), bis
in die Schulzeit zurück, aus der man mehrere blühend be-
lichtete lebensgroße Akte, richtige »Moiceaux«, sieht. Sehr
interessant sind aus dieser Zeit allerlei im Fluge hin-
geworfene Freundesbildnisse, fast nur aus einem Ton heraus-
gewischt und mit ein paar Drückern akzentuiert (sein Freund
Splittgerber z. B.). Man erinnert sich, daß damals Mun-
kacsy so viel Einfluß bekam (selbst auf Uhde und Lieber-
mann) und Künstler wie Lenbach und Makart von ursprüg-
licher Farbigkeit zur Tonigkeit übergingen. Lenbach wurde
tatsächlich Makartschüler, was nur noch wir Mit- und Uber-
lebende seiner Wiener Zeit wissen. Auch eine Leibische
Kopie aus der Pinakothek (nach Van Dyck) sieht man hier;
selbst Courbet kopierte dort, als er 1869 in München war,
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