Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 20.1909

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Bauliche Veränderungen in Rom — Nekrologe

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BAULICHE VERÄNDERUNGEN IN ROM
Wieder gehen durch die internationale Presse alle
möglichen Klagen über die Verwüstungen, welche die
städtischen Behörden Roms im Herzen der ewigen
Stadt vornehmen. Wie immer ist in den Klagen
einiges richtig und vieles übertrieben. Was das System
des Hochschraubens der Schäden, welche die modernen
Römer ihrer Stadt zufügen, betrifft, so möchte man
im Interesse derselben ein weniger intensives und
weniger hochgradig hitziges Verteidigungssystem wärm-
stens raten, weil man doch eben auch immer mit
einer höchst natürlichen Reaktion rechnen muß. Man
muß sich eben einmal im Auslande überzeugen, daß
es hier nicht weniger Leute gibt als anderswo, denen
die althergebrachten Schönheiten und der eigentüm-
liche Charakter Roms am Herzen liegen, und die
selbst mit Rat und Tat ihr möglichstes tun und gewiß
nicht zu allem, was die Behörden tun, Beifall klatschen.
Der Froschmäusekrieg wegen des Baus des internatio-
nalen Ackerbauinstituts in der Villa Borghese ist ein
leuchtendes Beispiel dieses lokalen Interesses. Mancher
zieht sich aber vom Kampfe zurück, wenn er die aus-
wärtigen Klagen hört, welche gar zu oft den unsym-
pathischen Ton einer Bevormundung annehmen. Im
eigenen Hause will jeder sein eigener Herr sein und
man kann gern wohlgemeinten Rat hören und be-
folgen, lehnt sich aber gegen systematische Anklagen
direkt auf. Zu den ungerechtesten Anklagen, welche
man in letzter Zeit gegen das moderne Rom los-
gelassen hat, ist die wegen der »Zerstörung« des
Krankenhauses von Santo Spirito in Sassia zu rechnen.
»Das altehrwürdige Hospital, eines der ältesten, viel-
leicht das älteste Europas, wird abgetragen, um einer
modernen Brücke freie Mündung zu schaffen!« Man
nimmt einen Teil und zwar den kleinsten, unwichtig-
sten Teil für das Ganze und erhebt jammervolles
Klagen. Nun ist aber schon vor fünfundzwanzig
Jahren, als der Corso Vittorio Emanuele durch das
Häusergewirr der alten Stadtteile am linken Tiberufer,
zwischen Piazza di Venezia und San Giovanni dei
Fiorentini, gebrochen wurde, die Richtung dieser
Straße so gelegt worden, daß die Brücke, auf die sie
münden sollte, um eine Verbindung des Herzens der
Stadt mit der Cittä Leonina herzustellen, den alten
Teil des Hospitals verschonte. Das Hospiz bestand
bis vor kurzem aus zwei Teilen. Der ältere, dessen
Gründung Vasari Innocenz III. (1198—1216) zu-
schreibt, und der in der Form, die Sixtus IV. (1471
—1484) ihm gegeben hatte, bis auf uns gekommen
ist, mit der schönen achteckigen Kapelle und den
Fresken eines Melozzoschülers, ist und bleibt unver-
sehrt. Abgetragen hat man nur einen neueren Flügel,
den Benedikt XIV. (1740—1758) gebaut hatte. Durch
diese Abtragung wird das ganze Gebäude die Form
und die Verhältnisse, die es im Quattrocento hatte,
wiedererlangen. Bei dieser Gelegenheit soll vieles an
dem alten Gebäude verbessert werden, um es für die
Kranken nützlicher zu gestalten, und da in Italien alle
alten öffentlichen Anstalten über einen angestammten
Besitz an Kunstschätzen verfügen, so hat die jetzige
Hospitalsverwaltung beschlossen, in dem großen Re-

naissancepalast, welcher neben dem Krankenhaus im
sechzehnten Jahrhundert errichtet wurde und wo die
Direktion aller römischen Krankenhäuser ihren Sitz
hat, einige Säle als Museum einzurichten. Die vielen
kostbaren alten Apothekertöpfe, die an plastischem
Schmuck reichen Mörser, vier schöne Brüsseler Tapeten
aus dem sechzehnten Jahrhundert, eine Anzahl guter
Bilder und viele interessante Renaissanceskulpturen,
worunter die schöne, als Opus Andreae bezeichnete
Madonna mit dem Kinde, die einst die Treppe des
Ospedale di S. Giacomo schmückte, sollen darin würdig
aufgestellt werden. Man kann sich über diese Idee
nur freuen, weil dadurch vieles, was nur wenigen
erreichbar war, nun allen zugänglich sein wird, aber
besser wäre es doch gewesen, wenn die Gegenstände
dem neuzugründenden Museo del medio evo e del
rinascimento in der Engelsburg zugeteilt worden
wären. Die Sucht, kleine Winkelmuseen einzurichten,
nimmt immer mehr zu und für den Besucher Roms
wird die Aufgabe von Jahr zu Jahr schwieriger. Wie
man sieht, wird aus der beklagten Zerstörung dem
altehrwürdigen Hospital nur Nutzen erwachsen.

Nicht zu entschuldigen ist statt dessen die Behand-
lung, welche der kleinen Kirche von Santa Marta
in Piazza del Collegio Romano zuteil geworden ist.
Von Ignaz de Loyola mit dazugehörigem Kloster für
die mal maritate, die »Schlechtverheirateten Frauen«,
gegründet, war sie i696 von Carlo Fontana umgebaut
und das Innere, das seit Jahren, seitdem die Kirche
als Militärequipierungsmagazin gebraucht wurde, jedem
verschlossen blieb, war reich an köstlichen Spätbarock-
ornamentierungen in Stuck und Malerei von Leonardo
Lombardo, Paolo Albertoni und Baciccia.

Nun hat man das Kloster der Mal-Maritate in
eine Polizeikaserne verwandelt und die Kirche mit
dazu. Stuck und Malereien hat man nicht abge-
hauen, aber verhüllt, so daß es wohl möglich sein
wird, sie in einigen zwanzig Jahren wieder ans Licht
zu fördern. Die Verwandlungen der Gebäude sind
in Rom altgebräuchlich und die Kirche von Santa
Marta war ja schon während der römischen Revolution
Freimaurerloge geworden. Von Ignaz von Loyola
durch die Freimaurerloge zur modernen Polizei-
direktion Roms; auch ein interessantes Lebensbild
aus der ewigen Stadt. FED. HERMANIN.

NEKROLOGE

Die größte Teilnahme ruft die überraschende Trauer-
meldung hervor, daß der Worpsweder Fritz Overbeck im
Alter von noch nicht ganz vierzig Jahren in Brocken bei Vege-
sack, wohin er im Jahre 1905 übergesiedelt war, am 7. Juni
gestorben ist. Er war am 15. September 186g in Bremen
geboren, wo er auch das Gymnasium besuchte. 1889—93
studierte er auf der Akademie in Düsseldorf. In Gemein-
schaft mit Modersohn, Mackensen, Am Ende und Vogeler
hat er die allbekannte Gruppe der Worpsweder gebildet
und ihr mit seinen Genossen zu so hohem Ansehen und
so starker Volkstümlichkeit verholten. Overbeck vertrat mit
Mackensen in der Gruppe das schwerere, kräftigere Element;
wer seines prachtvollen »Stürmischen Tages« im Ehrensaal
der Bremer Kunsthalle gedenkt, wird die Stärke des Ver-
I lustes für die deutsche Kunst schmerzlich fühlen.
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