Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 20.1909

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Nekrologe —

Personalien

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erfüllbaren Bedingungen eines anderen privilegierten Photo-
graphen zu schieben.

Bei der Wahl des Textes ist Loga, der uns selbst
gewiß vieles zu sagen hätte, in fast übertriebener Be-
scheidenheit hinter den trefflichen spanischen Sammler und
Kenner Aureliano de Beruete zurückgetreten, dessen Buch,
mit einigen Kürzungen, sorgfältig, nur hin und wieder etwas
zu frei, ins Deutsche übersetzt worden ist. Über dieses
Buch als Ganzes ist nicht viel Neues zu sagen, zumal da
die handliche und billige englische Ausgabe von 1907
wohl jedem Freunde des Velazquez bekannt ist. Es sei
darum nur nochmals betont, daß es das unvergängliche
Werk unseres Carl Justi besonders nach der Seite der
Bilderkritik und in der Beurteilung der Ausdrucksmittel des
Meisters aufs Wertvollste ergänzt. Beruete ist in seinen
Zuweisungen und Ablehnungen sehr streng. Wenn ihm
bei einem Bild irgendwie begründete Zweifel auftauchen,
merzt er es unerbittlich aus dem Werke seines Meisters
aus. Und dieser Standpunkt hat sehr viel für sich. Wenn
wir von einem Meister über achtzig authentische Werke
besitzen, so kann sein Ansehen nicht dadurch gewinnen,
daß wir noch ein oder zwei Dutzend als »vielleicht von
ihm herrührend« bezeichnen. Ich habe in den »Klassikern
der Kunst« etwa zehn Bilder mehr als Beruete in den
ersten Teil aufgenommen, nicht weil ich sie für durchaus
eigenhändige Arbeiten erklären wollte, sondern weil ich
einen mehr oder minder großen Anteil des Meisters bei
ihnen für wahrscheinlich oder wenigstens möglich hielt
und ich sie von den im zweiten Teil abgebildeten scheiden
wollte, die bloße Kopien sind oder, zum Teil vielleicht,
zum Teil sicher, mit Velazquez überhaupt nichts zu tun
haben. Streng genommen müßte man viel mehr Ab-
teilungen machen: eigenhändige Werke, Werkstattbilder,
im eigentlichen Sinne »zweifelhafte« und endlich fälschlich
unter dem großen Namen gehende Bilder. Aber wer ver-
möchte da feste Grenzen zu ziehen! Keiner von uns hat
zugesehen und kann mit Bestimmtheit sagen, ob Velazquez
bei einem Werke dem Mazo nur einen guten Rat gegeben
oder die Komposition vorgezeichnet oder einige wichtige
Pinselstriche hinzugetan hat.

Kaum eines anderen großen Meisters Werk ist in den
letzten Jahren durch die Forschung so bereichert worden,
wie das des Velazquez. Nicht alle »Entdeckungen« fanden
zwar die Zustimmung der Kenner — bei manchen konnte
man sich kaum eines Lächelns erwehren —, aber eine
ganze Reihe kann doch jetzt als dauernd gesicherter Be-
sitz gelten. Insbesondere der jugendliche Velazquez ist
uns dadurch viel greifbarer geworden. Beruete selbst ent-
deckte in der Sammlung Canaveral in Sevilla zwei un-
zweifelhafte Werke, von denen er das eine, den ungemein
charakteristischen Apostel Petrus, seiner eigenen Samm-
lung einverleibte, während das andere, die Jünger in
Emmaus, in den Besitz des Don Manuel de Soto in Zürich
gelangt ist. 1906 wurden die »Musikanten« für die Ber-
liner Galerie erworben, in denen wir vielleicht das früheste
aller erhaltenen Bilder des Meisters zu erblicken haben,
und ungefähr zu gleicher Zeit tauchte im englischen Kunst-
handel der seit 1892 verschollen gewesene »Winzerbursche«
wieder auf, der jetzt leider übers Meer in den Besitz des
Herrn Francis Bartlett in Boston gewandert ist. Diese
Werke konnten bereits in die 1908 erschienene zweite Auf-
lage meines kleinen Buches aufgenommen werden. In-
zwischen aber sind schon wieder zwei neue Werke bei
den Frereschen Erben in London entdeckt worden, die
zum erstenmal — wenigstens in Deutschland — in dem
neuen Prachtwerk reproduziert worden sind. Obwohl
ich die Originale nicht kenne, scheint mir ein Zweifel
an der Echtheit kaum möglich. Der Johannes auf Patmos

rührt sicherlich von derselben Hand her, die den
Berueteschen Petrus geschaffen, und auch die in rotem
Gewand und blauem Mantel auf der scharf beleuchteten
Erdkugel stehende, lieblich herbe Madonna fügt sich aufs
harmonischste in die Kette der jetzt von allen Seiten an-
erkannten Jugendwerke ein. Von den neu entdeckten
späteren Werken des Velazquez waren der von Venturi
aufgefunden, 1902 in Paris zuerst ausgestellte, dann nach
Amerika gelangte Kardinal Pamphili und das früher bei
Kann in Paris befindliche Bildnis eines jungen Mädchens
auch von mir unter die echten Werke aufgenommen wor-
den. Bei dem Calabazillas, den Beruete jetzt »trotz der
Zeichenfehler« dazu rechnet, hatte ich mich nicht dazu ent-
schließen können und befand mich dabei in Überein-
stimmung mit trefflichen Kennern. Ich gestehe aber zu,
daß es zum mindesten unvorsichtig war, ein unbedingtes
Urteil über ein Bild abzugeben, das ich nur aus einer
Nachbildung kannte. Aus dem gleichen Grunde muß ich
mein Urteil über das von Beruete unter die authentischen
Werke aufgenommene, aber nicht in dem Prachtwerk ab-
gebildete Bildnis der Maria Anna zurückhalten, das Herr
Henry Clay Frich in New-York von der Firma Trotti in
Spanien erworben hat. walther oensel.

NEKROLOGE
Mr. Louis Loeb, der bekannte amerikanische Maler,
ist kürzlich gestorben. Er war in Cleveland, Ohio, ge-
boren im Jahre 1866 und begann seine Karriere als Litho-
graphenlehrling. Er gehörte zu den tüchtigsten der jüngeren
Generation amerikanischer Künstler und vertrat die Prin-
zipien der modernen Pariser dekorativen Richtung. Als
Porträtist hat er auch Tüchtiges geleistet und seine Werke
waren oft mit Auszeichnungen des »Salon« gekrönt.

PERSONALIEN
Von der Dresdner Galerie. In Berliner und
Dresdner Zeitungen ist in den letzten Wochen ein Streit
darüber ausgefochten worden, wer der Nachfolger Karl
Woermanns als Direktor der Dresdner Galerie werden soll.
Es hieß, ein bekannter Dresdner Maler sei dazu bestimmt.
Man kann diesen Streit nicht gerade als erfreulich be-
zeichnen, denn einerseits hat Woermann bisher seine Stellung
noch gar nicht aufgekündigt, obgleich er jetzt im Alter
von 65 Jahren dazu berechtigt wäre, er beabsichtigt dies
auch für dieses Jahr noch nicht — und anderseits darf
man doch wohl nicht annehmen, daß die Regierung einem
Manne von so großen Verdiensten kündigen wolle. Denn
solche hat sich Woermann allerdings um die Dresdner
Galerie in hohem Maße erworben. Sein Katalog der
Galerie ist ein wissenschaftliches Werk ersten Ranges,
während der Katalog seines Vorgängers — eines Malers
— nur eine dilettantische Stümperei war und von Fehlern
und Unsinnigkeiten wimmelte. Woermann hat ferner die
Galerie um einige hervorragende ältere Werke — z. B.
einen Murillo, einen Hobbema, einen Philips Köninck
und ein Bild des Meisters des Hausbuchs — sowie um
mehrere hundert moderne Gemälde vermehrt. Dabei be-
denke man, daß ihm — abgesehen von den Zinsen der
Pröll-Heuer-Stiftung, die für Gemälde lebender deutscher
Meister verwendet werden müssen und vom akademischen
Rate verwaltet werden — ein ständiger Vermehrungsfond
in der horrenden Höhe von 5000 Mark — fünftausend
Mark — jährlich zur Verfügung steht. Woermann hat end-
lich die Galerie wiederholt neu angeordnet, z. B. als er
den östlichen Flügel des Semperschen Galeriebaues im
Erdgeschoß erhielt und in diesem die Gemälde des
18. Jahrhunderts unterbrachte. Er hat ferner ein paar
hundert Gemälde an andere öffentliche Gebäude und
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