Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 20.1909

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Nekrologe — Personalien

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NEKROLOGE

X Am 27. November starb in Oroßlichterfelde bei
Berlin der Maler und Illustrator Hermann Lüders im
73. Lebensjahre. Er gehörte Jahrzehnte hindurch zu den
meistbeschäftigten Zeichnern der illustrierten deutschen
Blätter. In der Periode, da*rder Holzschnitt noch nicht
von der Momentphotographie und dem »Klischee« ver-
drängt war, wurde Lüders von den Verlegern der »Illu-
strierten Zeitung*, der »Gartenlaube« und ähnlicher Organe
als zeichnerischer Berichterstatter immer wieder zu den
großen Ereignissen Europas, ins Kriegslager und aufs
Manöverfeld, zu Hochzeiten, Festlichkeiten, Begräbnissen
und Trauerfeiern an den Fürstenhöfen, zu Hofbällen und
Kaiserreisen geschickt, und in unzähligen Blättern hat er,
zuerst sehr lebendig und geschickt, später freilich immer
äußerlicher und schablonenhafter, von allen diesen Dingen
erzählt. Lüders war am 25. November 1836 in Osterwieck
am Harz als Sohn eines Olasermeisters und Freiheits-
kriegsveteranen geboren. Sein Lehrer war Steffeck in
Berlin, der Schüler Franz Krügers, der von seinem Meister
die Freude am Pferde- und Soldatenzeichiien übernommen
hatte. Die Kriege von 1866 und 1870 machte Lüders als
Landwehrmann mit, nicht ohne den Aufenthalt im Felde
durch fleißige künstlerische Studien auszunutzen. Auch
als Maler hielt er sich am liebsten an militärische Themata;
für das Kasino der Oardeschützenkaserne in Oroßlichter-
felde arbeitete er ein großes Bild der Schlacht bei Le
Bourget. Den Rathaussaal dieser Berliner Vorortgemeinde
schmückte er mit einem historischen Friese. Auch als
Schriftsteller hat sich Lüders auf demselben Gebiete ver-
sucht, wie seine Erinnerungen »Unter drei Kaisern« und
seine von ihm selbst illustrierten Bücher »Soldatenleben
in Krieg und Frieden«, »Erinnerungen eines Legionärs von
Jena bis Belle-Alliance«, »Anno 70 mitgelaufen« beweisen.

Turin. Lorenzo Delleani, einer der besten italienischen
Maler, aus der spätromantischen Schule Piemonts, welche
Italien so viel tüchtige Künstler gegeben hat, ist gestorben.
Im Jahre 1840 bei Biella geboren, folgte er lange der aka-
demischen Richtung, bis ihn eine Reise nach Venedig und
das Studium der großen Meister dort auf einen ganz neuen
Weg brachte, so daß er einer der besten Naturalisten
wurde und noch jetzt zu den tatkräftigsten-gehörte, be-
sonders in seinen Bildern aus den piemontesischen Alpen.

PERSONALIEN

Der neue Direktor des Bayerischen National-
museums. Vor drei Wochen wurde an dieser Stelle von
der Not gesprochen, die es mit der Neubesetzung des
Direktorpostens am Bayerischen Nationalmuseum habe.
Inzwischen ist diese lang und schmerzlich erwartete Er-
nennung, die soviel bittere Fehde unter den interessierten
Parteien entfacht hatte, nun erfolgt: Der künftige Direktor
heißt Dr. Friedrich H. Mo/mann bisheriger Konservator
am Nationalmuseum. Wird diese Wahl in vielen Kreisen
zunächst Erstaunen hervorrufen, da der Name Dr. Hof-
manns unter den vielen Kandidaten kaum genannt worden
ist, so wird sie doch vor allem auch überall mit höchster
Befriedigung begrüßt werden. Dr. Hofmann, der noch
verhältnismäßig jung ist, war der Anciennetät nach noch
nicht »daran«, an so hohe Stelle aufzurücken. Niemand
dachte deshalb an ihn. Von den älteren Bewerbern aber
schien keiner, so geeignet, daß seine Wahl allgemeinen Bei-
fall finden würde. Dr. Hofmann genießt überall die leb-
haftesten Sympathien, sowohl wegen seiner persönlichen
Eigenschaften als seiner bedeutenden wissenschaftlichen
Fähigkeiten halber, und so kann man das Ministerium zu

dieser unerwarteten, aber vortrefflichen Wahl aufs wärmste
beglückwünschen. Das Gefühl, daß hier einmal lediglich
die Tüchtigkeit entschieden hat, gibt uns die schönste
Hoffnung wieder auf eine Sanierung der Münchener Mu-
seumsverhältnisse, die bei der bestehenden Personalkala-
mität von manchem schon fast aufgegeben war.

Eine prinzipielle Frage aber sei hier kurz noch er-
örtert: Es hat sich natürlich auch bei dieser Ernennung
darum gehandelt: Künstler oder Kunsthistoriker? Die
Fragestellung (um die ein heißer Kampf entbrannte) dürfte
falsch sein. Es sollte immer nur heißen: tüchtig oder
untüchtig? Prinzipiell sollte niemand ausgeschlossen sein,
als der Faule und der Unverständige. Das National-
museum verdankt wahrlich nicht wenig den Künstlern.
Und auch heute birgt es noch zahlreiche Aufgaben in sich,
deren gute Lösung davon abhängt, wie sich der neue
Direktor mit den Künstlern auseinandersetzen wird. Eine
Anzahl neugebauter Säle harrt seit langem der Einrichtung;
hoffen wir hier auf gedeihliches Zusammenarbeiten!

Im gegebenen Falle ist zweifellos das Richtige ge-
troffen worden, da ein Kunsthistoriker da war, der allen
Anforderungen entspricht. Wäre der aber nicht gefunden
worden, — hätte man da lieber einen nicht einwandfreien
Kunsthistoriker nehmen sollen, oder einen ernsthaften und
verständnisvollen Künstler, der sich bereit gefunden hätte,
die mühevolle Aufgabe zu übernehmen? Die Frage wird
für München bald wieder brennend werden: Der hoch-
verdiente Direktor der alten Pinakothek, Geheimrat v. Reber,
steht in seinem 75. Lebensjahre. So lebhaft zu wünschen
wäre, daß er die über ein Menschenalter mit Umsicht und
Glück geführten Zügel noch länger in Händen halte, muß
man doch damit rechnen, daß er sie eines Tages nieder-
legen wird, ja — in wessen Hände? Sicher doch

— müssen wir wünschen — nur in verständige! Unter
den Beamten der Pinakothek selbst den Nachfolger zu
suchen, würde wohl das Natürliche sein: sie haben die
praktische Erfahrung für sich und die Vertrautheit mit
dem von ihnen zu verwaltenden Gemäldeschatz. Bis vor
Jahresfrist war Professor Voll Konservator der Alten Pina-
kothek. Er vor allem wäre der berufene Nachfolger Herrn
v. Rebers. Wird er an diese Stätte gerufen werden? Und
falls nicht? — An der Pinakothek ist zurzeit außer dem
Direktor nur ein wissenschaftlicher Beamter tätig, — ein
noch allzu junger, als daß er auch nur von ferne in Be-
tracht käme. — Wer aber hat unter den Münchener Ge-
lehrten intimes Verständnis genug für die alten Meister?
Fast alle haben sich zu sehr für irgend ein kleineres Ge-
biet — Architektur, Kunstgewerbe, Kupferstiche, Plaketten
usw. — spezialisiert, als daß es gut wäre, sie diesem zu
entziehen, und ein wertvolles Schiff auf ungewohntem
Fahrwasser steuern zu lassen. Wir wollen auch hier
wieder nur fragen: Wer ist der tüchtigste? und uns er-
innern, daß — falls unter den Gelehrten keiner gefunden
werden kann — unter den Künstlern Münchens doch
manch einer ist, der Herz und Verständnis auch für alte
Kunst hat, und dies auf mancherlei Weise betätigt hat1).

— Der Verderb der Museen und der Feind aller gesunder
Fortentwickelung ist nicht der ausgeprägt persönliche Ge-
schmack eines Einzelnen (Künstlers oder Nichtkünstlers!),
sondern die überallhin lächelnde »Objektivität« und die
blutlose, schwächliche Kompromißarbeit hoher Kommis-
sionen. □

1) Nicht alle Künstler sind Werners und Knackfuß's.
Und die schwierigsten und wesentlichsten Aufgaben der
Museen erheischen weniger ungeheure Aufstapelung von
Kenntnissen, als ein freies Auge für das Wertvolle und
der Gegenwart Nötige.
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