Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 20.1909

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Die Kunst und die süditalienische Erdbebenkatastrophe

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(Neolithique) nähert die Prähistorie ihrer intimsten Schwester,
der Archäologie, von der sie kaum mehr etwas trennt und
mit der sie hoffentlich in Zukunft identisch sein wird.
Einige Stichworte wie Kjökkenmöddings, Pfahlbauten,
Dolmens, Menhirs und Cromlechs, Tätowierung und Be-
malung, Religion, Bestattungsarten, Kunst, Handel und
Industrie, Werkzeuge und anderes mehr sollen nur er-
kennen lassen, welche Gebiete von allgemeiner Wichtigkeit
hier ihre Darstellung gefunden haben, Gebiete von einer
universellen Bedeutung, wo, wie z. B. bei den Dolmens, an
den Grenzen Europas nicht Halt gemacht werden kann,
sondern Afrika, Asien bis zum fernsten Japan und selbst
die neue Welt in Betracht gezogen werden müssen. Zwei
Appendizes mit speziellen, Frankreich betreffenden Biblio-
graphien — französische Höhlen mit geritzten Renntier-
knochen und Malereien aus der Renntierzeit, dann neoli-
thische Stationen in Frankreich — sind angefügt. Der
Index general alphabetique macht dann das Buch zu
einem brauchbarsten Besitztum. Auf Details können wir
hier nicht eingehen. Die erstaunliche Arbeitsleistung eines
bewährten Forschers liegt uns vor. Möge er uns bald
das Werk vollenden, das schon jetzt als die maßgebendste
Zusammenfassung betrachtet werden darf. So sieht man
dem zweiten Bande, der das Bronzezeilalter und die frühe
Eisenzeit bis zur Eroberung Galliens durch Cäsar schildern
wird, und dem dritten, gallo-römischen Bande mit be-
rechtigter Erwartung entgegen. — Druck und Ausstattung
sind ganz vortrefflich, die Abbildungen klar und deutlich
und mit der sichersten Sachkenntnis ausgewählt. m.
Franz Xaver Kraus, Geschichte der christlichen Kjunst.
II. Band: Die Kunst des Mittelalters und der italienischen
Renaissance. 2. (Schluß-) Abteilung: Italienische Re-
naissance. Zweite Hälfte. Fortgesetzt und heraus-
gegeben von Joseph Sauer. Mit Titelbild in Farben-
druck, vielen Abbildungen im Text und einem Register
zum ganzen Werk. Lex.-8°. (XXII u.S.283—856) M. 19.—.
Nur etwa der zehnte Teil des neuen Bandes rührt
noch von Franz Xaver Kraus unmittelbar her. Aber die
nachgelassenen Bruchstücke sind von dem Herausgeber
Prof. Sauer in Freiburg im Geiste des ersten Urhebers
und der Anlage des Gesamtwerkes entsprechend zu diesem
Band vortrefflich ergänzt. Die eigentümliche Doppelseitig-
keit des Buches, die sich durch die Verbindung geschicht-
lichen und theologischen Wissens zur Schilderung der Ge-
schichte der christlichen Kunst ergibt, lag in dem Beruf
und in der Person des Urhebers und im Plan des Werkes
von Anfang an begründet und hat dieser Kunstgeschichte
ihr eigenes Gepräge gegeben. Der Fortsetzer und Heraus-
geber ist — und zwar nicht bloß als der dem verstorbenen
Freiburger Gelehrten am nächsten stehende Schüler — in
der Lage, hierin zu folgen. Dem Verzicht des Urhebers
auf eine Darstellung der Geschichte der Kunstformen bleibt
natürlich der neue Band treu, ohne daß man bei seiner Art
das als Mangel empfände. Er umfaßt die Hochrenaissance.
Eine erstaunliche Kenntnis der Literatur, der kunstgeschicht-
lichen und der allgemeinen, gibt den Urteilen des Verfassers
sichere Grundlage. Seine theologische Fachkenntnis be-
fähigt ihn, in der Tat manches zu verstehen und auszu-
legen, was aus dem Vorstellungskreis der kirchlichen Kultur
herausgewachsen ist und nur dem gründlich darin Erfah-
renen sich erschließt. Das gilt besonders für die Sixtini-
sche Kapelle und die Raffaelischen Stanzen. So viel tiefer
wir auch in den letzten Jahren in die Absichten der Künstler
und ihrer päpstlichen Auftraggeber eingedrungen sind, dank
den Arbeiten einer Schar hervorragender Gelehrten, so
kann der Theologe, dem die religiösen Kategorien und
Grundgedanken der Darstellungen geläufig sind, uns oft
doch noch etwas weiter führen.

Tritt in dem Buche auch die katholisch-theologische
Seite an dem Doppelberuf des Verfassers hervor, so macht
sie ihn doch nicht befangen und namentlich seine histo-
rischen Urteile zeugen von bemerkenswerter Sachlichkeit.

Einige Einzelbemerkungen möchte ich anfügen. Der
Madonnone in Vaprio wird dem Lionardo zugeteilt (S. 308),
ist aber wohl eher ein Werk des Bazzi. Bei der Literatur
über Gaudenzio Ferrari (S. 331) könnte das kuriose, aber
recht interessante Buch Samuel Butlers »Ex Voto, an account
of the Sacro Monte or New Jerusalem at Varallo-Sesia«,
London 1890, aufgeführt werden. Die urbinatische Epoche
Raffaels wird abgelehnt. Die stilistischen Gründe dafür
sind nicht ausreichend gewürdigt. Die Druckfehler »Neu-
mann«: (statt »Naumann«, S. 394 Anm. 1) und »Freres«
(statt »Fleres«, S. 482 Anm. 1) lassen sich bei der folgenden
Auflage berichtigen.

Das Buch ist ebenso reich als gewählt illustriert; für
das letztere ein Beispiel das famose Bildnis Julius II. S.322.

Neben allen bestehenden Kunstgeschichten hat es sein
besonderes Daseinsrecht. Es wird sich auch seinen be-
sonderen Leserkreis heranziehen: diejenigen, die sich neben
der Freude an der formalen Erscheinung darum bemühen,
auch den weitläufigen Zusammenhang der Tatsachen zu
erfassen, die den geistigen Inhalt des Kunstwerks bedingt

und so auf seine Gestaltung mittelbar eingewirkt haben.

__f. r.

DIE KUNST UND DIE SÜDITALIENISCHE
ERDBEBENKATASTROPHE

Bei dem ersten tiefen Jammer, der alle Herzen bewegt
hat, um das entsetzliche Los von Messina, Reggio und den
unzähligen kleinen Städtchen und Dörfern, die in wenigen
Sekunden von der rohen Kraft des Erdbebens zerstört
worden sind, war es nicht möglich, an etwas anderes als
an die Menschen zu denken und man getraute sich kaum,
nach den Kunstwerken zu fragen, welche besonders in
Messina, wenn nicht ungemein zahlreich, doch interessant
und kostbar waren. Die großen Erdbeben des 17. und
18. Jahrhunderts hatten ja schon viel zerstört, aber einige
alte feste Bauten hatten sich doch aufrecht gehalten; nun
melden die Nachrichten, daß die fürchterliche Gewalt der
Stöße fast nichts verschont hat, so daß man bis auf einiges
Nebensächliche von messinesischen Monumentalbauten
nicht mehr sprechen kann. Professor Antonino Salinas, dem
verdienten Direktor des palermitanischen Nationalmuseums,
der das köstlichste Kunstkleinod Messinas, die Tafel
Antonellos vom Jahre 1463, aus den Ruinen der Pinakothek
gerettet hat, erzählte mir, daß die Kirchen der Stadt samt
und sonders zerstört sind bis auf einige kleine Bruchteile.
Auf Antonellos Tafel war eine Mauer gestürzt und doch
kann man das herrliche Werk des Großmeisters gerettet
nennen, denn die Figur der Jungfrau mit dem Christus-
kind hat nur leichte Verletzungen und das Antlitz ist tadel-
los erhalten, die Seitenflügel sind wohl in ihrem unteren
Teile zersplittert, im oberen aber unversehrt und können
leicht restauriert werden. Zerstört sind die meisten Lein-
wandbilder, aber Salinas ist es gelungen, fünfundsiebzig
alte Majolikavasen aus Urbino und Castel durante zu retten,
die der Zufall unter Balken geschützt hatte und auch eine
Anzahl wichtiger Handschriften und Miniaturen. Wahr-
scheinlich sind die Bilder von Vasari, Polidoro da Cara-
vaggio, Catalano, Honthorst und Mariano Riccio, die in
dem vollkommen eingestürzten großen Saal aufbewahrt
waren, zugrunde gegangen, aber man kann über ihr Los
nicht sicher sein, bis nicht der ganze mächtige Schutthaufen
entfernt sein wird. Keine Nachricht haben wir von der
Kreuzabnahme, welche kürzlich im ersten Heft des Cicerone
von Hermann Voß dem Colijn de Coter zugeschrieben
worden ist.
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