Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 20.1909

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Nekrologe

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schon einen neuen Fall zur Kenntnis: das spätroma-
nische Portal einer Klosterkapelle in Langheim (Franken)
ist abgerissen und nach Berlin verkauft worden, wie
schon unzählige bewegliche Kunstschätze aus Franken
geräuschlos verschwunden sind. Interessant ist dabei
ein Umstand: kaum war der Handel in den Zeitungen
gemeldet, als er auch prompt von Berlin dementiert
wurde, während doch nachgewiesenermaßen damals
das Portal bereits im Hof des Kaiser-Friedrich-Museums
aufgestellt war, — eine Politik, die, aufs Haar der
im Würzburger Fall befolgten gleichend — vielleicht
nicht geeignet ist, das Mißtrauen der bayerischen
Kunstkreise gegen Berlin einem so sehr zu wünschen-
den freundlich-fördernden Verkehr weichen zu lassen.

Während solchermaßen das Generalkonservatorium
— glücklich oder unglücklich — auf eigene Beine
gestellt worden ist, harrt die nicht minder wichtige
Frage nach der Zukunft des Nationalmuseums noch
immer der Lösung. Die provisorische Direktion liegt
nach wie vor in den Händen des Oeneralkonservators
Dr. Hager, obwohl die Trennung auf dem Papier seit
i. November vollzogen ist. Es ist nicht zu leugnen,
daß das Museum unter der betriebsamen Leitung
dieses Mannes enorm gewonnen hat, daß ein neues
wissenschaftliches Leben an ihm erwacht ist, wovon
die in jüngster Zeit erschienenen mustergültigen
Fachkataloge der Straf Werkzeuge, Gemälde, Glas-
malereien und der Porzellansammlung Zeugnis ab-
legen. Aber es sind dies rein wissenschaftliche
Leistungen der betreffenden Unterbeamten die mit
dem Verwaltungsbetrieb nur locker zusammen-
hängen. Diesen aber hat schweres Mißgeschick be-
troffen. Die Zeitungen berichten von großen Münz-
unterschleifen eines jungen Mannes, der sich als
Numismatiker ausgab und von der leichtgläubigen
Direktion die wertvollsten Objekte in die Hände be-
kam. In Wahrheit hatte er es nicht einmal bis zur
Universität gebracht. Eine Köpenikiade also! Zum
Glück sind die meisten und wertvollsten Stücke, wie
man hört, wieder herbeigeschafft worden, aber es
fragt sich doch, ob dieser Fall als ein vereinzeltes
Malheur, das überall passieren kann, aufzufassen ist,
oder nicht vielmehr als ein Symptom für ein gewisses
unpraktisches Verwaltungssystem, das vielleicht ge-
ändert werden muß. Jedenfalls gibt die Angelegen-
heit mancherlei zu denken, was bei der längst er-
warteten Neubesetzung des Direktorpostens mitsprechen
sollte. Diese muß bald erfolgen. Die Trennung von
Museum und Generalkonservatorium wurde beschlossen,
weil beide Institute mehr Arbeit erfordern, als eine
Person leisten kann. Manchen Fehler der letzten Zeit
mag die Überbürdung des gegenwärtigen Direktors
verschuldet haben. Eine Entlastung ist dringend nötig.
So sauer die Auffindung eines geeigneten Mannes
der ministeriellen Überlegung zu werden scheint, muß
sie doch endlich energisch gefordert werden. Aus
dem kleinen Ereignis aber kann man vielleicht die
Lehre ziehen, daß in erster Linie ein Direktor gesucht
werden muß, der sich auch praktisch gut zu betätigen
weiß, mit den Museumsbeständen und -Verhältnissen
gut vertraut ist und mit weitem Blick für das

Große das oft so gefährliche Kleine nicht übersieht,
kurzum, der, energisch und praktisch, vor allem eben
ein guter Museumsdirektor ist. Die Vorkommnisse
der letzten Zeit im Museum wie Generalkonservatorium
sollten wenigstens als Warnungen Gutes wirken.
Videant consules! □

NEKROLOGE
Effrest Hdbert. Der am 5. November "verstorbene
französische Maler Antoine Auguste Ernest Hebert war
einer jener Malgreise, deren unablässige Tätigkeit bis ins
höchste Alter hinein Staunen und Ehrfurcht erweckt. Der
im Jahre 1817 geborene und somit einundneunzig Jahre
alte Künstler zog sich seinen Tod durch eine Erkältung zu,
die er sich beim Arbeiten im Freien geholt hatte, und
jedes Jahr stellte er im Salon des artistes francais seine zwei
Bilder aus, gewöhnlich weibliche Bildnisse, die sich durch
sehr geschmackvolle und distinguierte Farbengebung aus-
zeichneten. Die Zeichnung war allerdings mit den Jahren
etwas weich und unbestimmt geworden, aber die Farbe
hatte ihren alten Reiz behalten, so daß man diese Arbeiten
keineswegs für Oreisenarbeiten einschätzen durfte. Wenn
man dann im Luxembourg auf dem Gemälde Malaria die
Jahreszahl 1850 las, staunte man ein wenig, aber das
Staunen wurde noch größer, wenn man sich erinnerte, daß
Hebert im Jahre 1839 m't dem Rompreise über die Alpen
gegangen war. Diesem ersten Aufenthalte in Rom und in
der herrlichen Villa Medici folgte später ein anderer, denn
Hebert ist nicht nur Pensionär der Villa Medici gewesen:
im Jahre 1866 kehrte er als Direktor der Akademie wieder
in die Villa Medici zurück und blieb hier sieben Jahre, und
1885 kam er zum dritten Male, um wieder als Direktor der
Akademie sechs Jahre dazubleiben. Ja, dem alten Herrn
genügte das noch nicht, und als der Bildhauer Ouillaume,
der ihn auf dem Direktorposten abgelöst hatte, starb,
meldete sich der Fünfundachtzigjährige zum dritten Male,
um seine Jugendliebe Rom wieder aufsuchen zu können.
In Paris aber hielt man einen jüngern doch für geeigneter
und entsandte Carolus Duran. Der beste und schönste
Teil der Arbeiten Heberts hängt mit Rom und Italien zu-
sammen: er ist einer der tüchtigsten Vertreter jener Rich-
tung, die wohl von Leopold Robert ihren- Ausgang ge-
nommen hat, und die man vor siebzig Jahren für grimmig
realistisch hielt. Heute kommen uns diese Gestalten aus
der römischen Campagna, diese Frauen und Männer von
Cervara und Tivoli, diese Fischer von Neapei und Ziegen-
hirten von Frascati etwas romantisch und theatralisch vor,
damals, wo man Courbet noch nicht kannte, wurden sie
für sehr naturalistisch gehalten und sogar aus diesem
Grunde angefeindet. Hebert verlieh diesen italienischen
Volksfiguren durch seine warme, die Gestalten gleichsam
einhüllende Farbe einen Reiz, den sie bei Robert nicht
haben. Sind diese Arbeiten der anziehendste Teil des
Lebenswerkes Heberts, so werden sie an Zahl und Um-
fang weit von andern Arbeiten überragt. Hebert hat un-
zählige Bildnisse gemalt, die meisten durch geschmackvolle
und aparte Koloration ausgezeichnet. Außerdem hatte er
sich als Hauptsäule der staatlichen Kunstakademie vieler
offiziellen Aufträge zu erfreuen, wovon nur das in Mosaik
ausgeführte, das Gewölbe des Chores im Pantheon schmük-
kende Gemälde »Christus als Weltlenker mit französischen
Heiligen« erwähnt sei. Hier arbeitete Hebert nach römi-
schen Vorbildern alter christlicher Kirchen und suchte den
strengen archaistischen Stil nachzuahmen. Alles in allem
war Hebert zwar kein Entdecker und Führer auf neuen
Bahnen, aber als fleißiger und talentierter Maler der fran-
zösischen Schule verdient er die Achtung, die ihm während
seiner langen Tätigkeit gezeigt worden ist.
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