Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 20.1909

Page: 99
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1909/0058
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
99

Ein neuer Name

100

EIN NEUER NAME
Von Meia Escherich

Die diesjährige Ausstellung für freie Kunst auf der
Darmstädter Mathildenhöhe hat uns mancherlei Über-
raschungen gebracht. Im ganzen zwar nicht so viel neue
Namen, als im Interesse der hessischen Kunstjugend zu
wünschen gewesen wären — man beschränkte sich mehr
auf bewährte Persönlichkeiten mit obligater Pietät großen
Toten gegenüber. Aber eben in diesem Beschränken zeigte
man Kunst Man zeigte, daß im deutschen Südwesten die
Hessenkunst heute bereits einen nicht unbedeutenden Rang
einnimmt. Bantzer, Hölscher, Otto Heinrich Engel, L. v.
Hofmann — solche Namen allein sind schon ein Programm.

Aber zwischen ihnen wurde auch eine neue Persön-
lichkeit ausgespielt. Ein Künstler, der, einem kleineren
Kreise schon längst vorteilhaft bekannt, denn doch endlich
einmal verdient, lauter genannt zu werden. Es ist der in
München lebende Pktlipp Otto Schäfer.

In ihm laufen Linien zusammen. Zwei Namen möchte
man besonders mit ihm in Verbindung bringen: Böcklin
und Boehle. Und doch zeigt sich keine Spur von Ab-
hängigkeit den beiden gegenüber. Der Zusammenhang ist
ein rein entwickelungsgeschichtlicher. Schäfer geht streng
seinen eigenen Weg.

Wenn wir von den anderen kommend, plötzlich vor ihn
treten, sagen wir uns: das ist etwas ganz anderes, eine
andere Technik, eine andere Weltanschauung. Und doch
kann man nicht sagen: es ist etwas Neues. Im Gegenteil,
es kommt einem so uralt bekannt vor, als hätte man schon
irgendwo im Homer davon gelesen. Homer! Das ist der
Schlüssel für diese Kunst. Es ist homerisches Leben,
homerischer Geist, der uns aus diesen Gemälden entgegen-
weht. Und das ist der Punkt, wo sich Schäfer mit Boehle
berührt. Auch Boehle hat am Brunnen der homerischen
Dichtung getrunken. Die nackten Jünglinge, die ihre
Pferde schwemmen — man vergleiche, wie die matte
Panoramenkunst Matthiesens das gleiche Motiv verwässert
hat! — sind homerische Gestalten, denen der Gott Anmut
um die Schultern gießt. Und der göttliche Stier, der mit
der Europa in großem Bogen ins Meer springt, ist einer
der schönsten Zugeständnisse deutscher Kunst an klassische
Mythenpoesie.

Aber Boehle geht dann wieder von Althellas fort ins
Mittelalter hinein, das klassisch Freie mit der ehrfürchtig
frumben Art des Nordens verbindend. Die volkstümlichen
Heiligenhelden des Mittelalters sind seine Lieblingsgestalten
und dann die Schilderung völkischen Lebens, mit der er
endlich wieder die Gegenwart betritt. Schifferlypen vom
Main, hessisches Dorfleben. Aber auch in diesen sitten-
bildlichen Darstellungen, die er altmeisterlich naiv auffaßt,
wirkt etwas von Homer nach. Wir erleben ähnlich wie
bei einigen Niederländern eine Umwertung des Antiken in
den nordischen Akzent. Nicht der vollendeten und zur
Neige gehenden Antike, von der sich die italienische Re-
naissance befruchten ließ, sondern jenes alten, mythischen
Geistes des heroischen Zeitalters, in dem sich die großen
Vorgänge des Lebens nöch völlig innerhalb einer länd-
lichen Kultur zwischen den frühvölkischen Problemen der
Seßhaftigkeit, des Familiensinnes und einer durch die ein-
fachsten Erscheinungen der Natur vermittelten Religion
entwickelten.

Schäfer geht einen Schritt weiter. Auch ihn sehen
wir an die einfachen Vorstellungen des frühen Altertums
anknüpfen: Den Kreis des Götter- und Heldenlebens.
Seine »Allegorie des Feuers« ist eine solche Darstellung.
Rauhe riesenhafte Menschen sind um ein prasselndes Feuer
versammelt. Die uralte Heiligkeit des Herdes kommt
einem in den Sinn. Das sind homerische Helden. Ihre

Umrisse recken sich ins Mythische auf, ins Halbgotthafte.
Aber im Norden eingewohnte Halbgötter, Thursenrauheit
in ihrem Wesen, darin sich den spukhaft heidnischen
Heiligen des Ekstatikers Matthias Grünewald nähernd.

Doch Schäfer geht weiter. Das Barbarische weicht.
Der einfältige Mythos wird zum Träger einer ästhetischen
Weltanschauung. Als ein durchdachtes Kunstwerk baut
sich auf ihn die Philosophie des Schönen. Hier hat die
alte deutsche Kunst im 16. Jahrhundert aufgehört. Nach-
dem sie durch den Humanismus zu einer größeren Freiheit
der künstlerischen Ausdrucksform aufgerüttelt worden, und
auf dem besten Wege war, das ihr noch anhaftende, »alt-
fränkische« Wesen abzuschütteln, nachdem man einmal
gewagt, schöne Nacktheit zu schildern und mit nackten
Leibern zu symbolisieren, zu allegorisieren, nachdem
Cranach, Naturgefühle versinnlichend, seine Puttenschwärme
schwirren ließ, Baidung seine dithyrambischen Hymnen auf
hüllenlose Weibesschönheit sang, — nach alledem brach
die deutsche Kunst ab. Widrige Zeitläufte verschlugen
ihre letzten Kräfte. Erst im 19. Jahrhundert begannen
wieder die Quellen heißer Lebensgluten zu springen. Das
lyrisch idyllische Philisterium, in das sich die Kunst der
ersten Hälfte des Jahrhunderts eingewiegt, störte Bacchanten-
lärm, Böcklin und Stuck trieben zottige Faune, Tritone,
Centauren, in unsere von Stadtluft angekränkelte Natur-
erinnerung herein. Es ging eine Weile toll zu, toll um des
Gegensatzes willen zur grauen Armeleutmalerei.

Schäfer hat von Böcklin den jauchzenden Naturlaut
übernommen Über das Meer oder durch den Hain hören
wir bei Böcklin das Schallen der Tritonshörner, das lang-
hingezogene Rufen und schmetternde Lachen. Dieses
Lachen, das auch L. v. Hofmann hat, dieses Lachen, das
zum Rhythmus wird, zum Motiv . . .

Aber gebannt in ein ganz eigenartiges Kolorit, eine
merkwürdige Technik überhaupt. Schwarze Schraffierung,
die stark durchdringt, eine ausgesprochene aber abgedämpfte
Buntheit, die in ihrer Wirkung alter Webekunst abgelauscht
ist. Gobelinton mit viel Altgold gehöht. Die Komposition
dem malerischen Prinzip der Antike gemäß ziemlich flächig.
Die Gestalten kraftvoll, Vollblutrasse aus der animalischen
Schönheit heraus gesehen, von der sorglosen Wildheit des
Rubens, aber ohne die vlämische Lust am fetten Fleisch.

Schäfer nennt seine Werke oft bloß dekorative Füllungen.
In dieser Bezeichnung scheint eine Absicht erkennbar.
Tendenzen von Marees. Die Malerei als dienendes Glied
der Architektur. In der Tat: Auf Tafelbildwirkung ist
nirgends abgezielt. Darum hängen diese Gemälde etwas
fremd unter den anderen. Sie sind nicht für die Staffelei;
wollen irgendwo eingefügt werden. Man möchte sich von
dem Meister ein vornehmes Landhaus ausgemalt denken.
Da würde diese Kunst zu voller Geltung kommen. Etwa
der »Bacchuszug« mit seinem volltönenden dionysischen
Festesrhythmus. Der Götterreigen rauscht. In tanzenden
Wogen wirbelt es an uns vorbei, der bacchantische Trupp
aus dunklem Hain. Im Gegensatz zu dem tieftraurigen
Adagio von Botticellis Primaverazug ein feuriges Allegro.
»Evoe! Von neuem Schauer noch bebt das Herz und voll
des Bacchus jauchzt es in stürmischer Entzückung.« (Horaz.)

Oder ein anderes Bild. Goldene Wellen rollen schäu-
mend heran. In langen Bänken schieben sich die ge-
kräuselten Flutenkämme über die leuchtende Meeresweite.
Die See erschauert, wie unter geheimen Wundern. Gold-
glanz kränzt die triefenden Stirnen der aufschluchzenden
Wogen. Und in diesen Wogen ein neues Gewoge, ein
Geschlinge von Gestalten, die sich Jubelworte zurufen.
Und eine in ihrer Mitte, vom Reiz der Kaum Vollendung
reich umgössen, strahlend und alle überstrahlend, die
Schaumgeborne, die Ewige — Venus Anadyomene.
loading ...