Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 20.1909

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Neurussische Malerei

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den russifizierten Ludwigsstilen, im Allongen- oder
Fontangengeist, mit Zopf oder Taubenflügeln. Die
Pariser Ausstellung russischer Porträts hat den dicken
Spinnwebschleier von dieser lebenstrotzenden Welt
gehoben. Von dem Prachtmilieu Katharinas, von der
Cäsarenmystik Alexanders. Noch stehen die alten
Paläste, und in ihren Prunksälen spuken unsichtbare
Wesen, von denen man nur die Talons rouges be-
merkt oder eine brillantenbesetzte Tabatiere, die sich
zwischen unsichtbar gewordenen Fingern noch immer
dreht. Auch in diese Romantik sind die Maler ver-
liebt, und die heutige Stimmungskunst — eine Kunst,
Stimmung zu rekonstruieren — flößt solchen In-
terieurs ein Leben von seltsamer Wahrheit ein. Dieser
Louis XVI.-Salon der letzten Herzogin von Kurland,
der Wiener Kongreß-Beaute, deren Leben ihr Seelen-
freund Tiedge in einem ganzen seufzerreichen Buche
geschrieben hat, dieser in seinem erstarrten Silbergrau
und Silberblau wie vereist dastehende Empfangssaal
von A. Srjedin haucht sichtbare Grabeskälte aus. Diese
beiden Ansichten des dunkelblauen Empirezimmers
mit neuerfundenem weißem Kachelofen aus dem Palais
des Alexander-Günstlings Grafen Araktschejew, mit
ihrer gar wohlgemut hineinknallenden Sonne, sind
Kapitalstücke von O. Bras. Solche Dinge werden
mit jetziger Breite und Wucht auf Tonflecke und
Lichtwerte hin gegeben, mit goldenen Akzenten, unter
denen die Buchstaben fehlen. Bis in die laufende
Tolstoizeit reichen diese Umweltbilder. So ein Bild
ist »Tolstoi im Kreise seiner Familie« von Leonid
Pasternak, der seinen Tolstoi seit Jahren in allen
Farben, Kreiden, Wässern und Säuren malt, zeichnet,
radiert und lithographiert. Dieses ganz meisterfeine
Pastellbild mit der breitbeschirmten Tischlampe in
der Mitte, unten halb hell, oben halb dunkel, ein
Raum voll hörbarer Stille, eine Generalauflösung in
jetzt modernem Chiaroscuro. Wer könnte das besser
machen? Und auch dieses Zeitbild von heute hat
etwas angenehm Veraltetes, das Angealterte alles Fa-
milienhaften und obendrein Provinziellen. Dort stockt
die Zeit und bekommt eine Patina, die Runzeln der
Gegenwart stilisieren sich ins Archaische. Dieser
starke Neumaler Boris Kustodijew, wenn er so eine
lebensgroße Familie auf dem Lande, auf der hölzernen
Veranda des Väterlandhauses abzumalen hat, die Damen
in ihren bunten Sonntagskleidern, die Herren in ihren
schwarzen Bratenröcken, bekommt plötzlich einen
biedermeierischen Stil, etwas ganz Annodazumaliges,
ungefähr wie unser wackerer Runge in Hamburg es
hatte und noch andere Verläßliche im damaligen
Sinne. So hängen sie in den alten Herrenhäusern
des Turgenjewschen Flachlandes an weißen oder pa-
tronierten Wänden, von irgend einem Dimitri Iwano-
witsch aus . . . sagen wir Rostow (»Rostow le vieux«
steht auf so einer zwiebelkuppelstarrenden Stadtsilhouette
Roerichs), zu . . . sagen wir 25 Rubel das Stück. Den
Charakter solch ehrlicher Hausmannsmalerei in ihrer
ungeschickten Sorgfalt (man möchte analog sagen:
ungeschicklichen Sorgfältigkeit) und, mit Respekt zu
sagen, respektvollen Zurückhaltung von allem Schein
der Virtuosität, diesen behaglich engen Horizont der

Kunstempfindung ad hoc hat Kustodijew zu einer
Art Stil erhoben. Man denkt an die hausbackene
Gediegenheit eines Leempoels, an unseren Thoma
etwa, angesichts solches russischen Biedermeier. Aber
dies hindert Kustodijew nicht, in dem Bildnis des
jungen russischen Dichters Gorodezky (ganze Figur,
schwarzer Anzug, Hände in den Hosentaschen, durch-
sichtiges Blond des Kopfes) eine modern nervöse
Silhouette zu geben, mit einem Zickzack von vielfach
geknicktem Umriß und einem Anflug von Boheme.
Ich weiß nicht, wenn ich so ein modernes Hoch-
und Schmalbild des heutigen Geistesarbeiters im
Rahmen sehe, habe ich immer den Eindruck, als
sähe ich den Mann in sein letztes Schwarz gekleidet
im schmalen Sarge liegen. So ein Menschenkind hat
auch W. Sjerow porträtiert, wie es sich eben vom
Ruhebett aufrichtet. Einen wilden Apollo in schwarz-
violetter Bluse, mit heftig ausfahrenden Armen, einen
aufgeregten Schattenriß von Jüngling, der eben Dosto-
jewsky gelesen hat; den fünften Bruder Karamasow
möchte man sich so vorstellen. Auch zwei lebens-
große russische Geistliche, in schwarzen Talaren mit
blauen Aufschlägen en face nebeneinander sitzend,
hat Kustodijew so gemalt. In ihrem vielen ge-
stimmten Schwarz mit allerlei goldenen Blitzen an
Pektorale, Gebetbuch und Brille und ihren umschim-
merten Gesichtern von unübersetzbarer Rasse, vor
blauer Tapete mit großen weißen Blumen, wie sie
Vuillard liebt. Wie laut doch das Stillebenzeug das
Auge anschreien kann. Gewiß, dieser Künstler kennt
sein Paris, aber welcher Pariser brächte solche po-
pische Popen heraus?

Auch eine große Landschaft von Kustodijew ist
zu sehen. Ein »Dorffest« unter hellblauem Himmel,
in dem das letzte goldgelbe Birkenlaub wie Feuer-
werk am Tage prasselt; buntes Volk vor hügeligem
Dorfgelände, das alles aber in einem dünnen gelb-
grauen Lehmton zusammengedämpft. Bei der Wucht,
mit der die Farbe in ganz großen, fetten Streifen und
Flecken hingestrichen ist, hat man den Eindruck, als
sei mit verschiedentoniger Butter gemalt. Auch unsere
treffliche Münchener »Scholle« und in Belgien Cour-
tens verstehen diese Streichtechnik nicht übel. Der
Urquell freilich ist Paris. Die luftige Harmonie der
so machtvoll auftretenden Malerei ist vollkommen.
Was eigentlich an einer Landschaft »russisch« sein
kann, ist schwer zu definieren. Es gibt in Rußland
auch schwedische, ungarische und dalmatinische Ge-
genden. Nationalrussisch erscheinen sie doch meist
nur durch Mitschwingen eines besonderen Untertones
in uns, den wir aus Puschkin, Tolstoi, Turgenjew haben,
oder durch Aufpflanzung eines nurrussischen Symbols,
sei es als Staffage oder als bauliche Zutat. Nehmen
wir etwa Sarubins große Landschaft: »Pilgerzug«.
Ein inselartiges Terrain steigt, steigt, aus dunkler Flut
bis zum Gipfel, den ein weißes Gnadenkirchlein krönt.
Dieses Gebäude lokalisiert das Bild sofort. Und nun
stimmt auch alles zusammen; das bunte Volk, das
schweißtriefend, atemlos, gruppen- und schwarmweise
emporkeucht, und besonders auch das bleiche, fahle
Tageslicht, in das unter düsterem Wolkenhimmel alles
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