Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 20.1909

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Das nordische Element in griechischer Architektur und Skulptur

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ordentlich kräftig in der etwas düsteren Umgebung, die
andere Bilder, wie das Roeland Saverys, entschieden drückte.
Sehr am Platze waren hier ein Hühnerhof von Melchior
(VHondecoeter und ein Hund, der Pawel de Vos mit Recht
zugeschrieben wird. Durch ihre kräftige Färbe sprach hier
sehr eindrucksvoll eine bezeichnete und datierte Wirtshaus-
szene von Pieter Aertsen. Bei zwei holländischen genre-
artigen Allegorien auf die Jahreszeiten vermißte man an-
gesichts ihrer höchst persönlichen Mache ungern einen Autor-
namen. Merkwürdigerweise fehlte an dieser Stelle die hier-
her am besten passende Bilderkategorie gänzlich: die Stilleben.
Wie schön hätte sich hier ein Pieter Claesz oder ein Beyeren
gemacht! Aber das Material mangelte und das bezeichnete
Kücheninterieur von Philips Angel konnte nur unvollkomme-
nen Ersatz bieten. Das letzte Kabinett brachte einen Scherz,
mit dem die Komiteemitglieder ihre kuntsverständigen Gäste
zu necken Gelegenheit hatten. Es war eine der Cranach-
imitationen von Rohrich, über die man durch v. Frimmel
orientiert ist. Wären die verschiedenen Äußerungen, die
davor gefallen sind, protokolliert worden, so gäbe das
einen hübschen Beitrag zur »Psychologie des Gemälde-
bestimmens« ab. Ankeinen besonders günstigen Platz war
in diesem mangelhaft beleuchteten Räume ein imposantes
Männerbildnis von Abraham, van den Tempel gelangt; auch
einer großen Landschaft in der Art van Goyens hätte man
einen besseren Platz gewünscht. Relativ gut waren drei
Bilder von Cornelis Troost zu sehen, die in nichts das Hol-
ländertum ihres Schöpfers verrieten. Die Treppe, die zum
Ausgange zurückführte, schmückten drei Hubert Roberts
von der schönsten dekorativen Wirkung, deren dieser
Piranesi der Farbe fähig war.

Es bliebe die Frage übrig, wie weit die Ausstellung
ihre Zwecke erreicht hat. In wissenschaftlicher Beziehung
ist sie ohne weiteres zu bejahen, denn das in ihr ver-
einigte Material von hoher Qualität, das übrigens Stück
für Stück photographiert worden ist, kann von nun ab der
kritischen Erforschung nicht mehr verloren gehen. Auch
in künstlerisch-erzieherischer Hinsicht kann sie, wenn auch
keinen vollen, so doch einen schönen Erfolg verzeichnen.
Ihre zahlreichen Besucher, die durch persönliche Empfeh-
lung der Mitglieder des Ausstellungskomitees Zutritt er-
langten, repräsentierten so ziemlich das ganze Publikum
Petersburgs, das für künstlerische Fragen in Betracht
kommt und widmeten ihr ein so eifriges Studium, daß
dieses allein den Veranstaltern, deren hohe Pläne empfind-
lich gestört wurden, eine Genugtuung sein konnte. So stellt
sich denn das Fazit dennoch als ein den Leitern der »Staryje
Gody« relativ günstiges heraus. JAMES v. SCHMIDT.

DAS NORDISCHE ELEMENT IN GRIECHISCHER
ARCHITEKTUR UND SKULPTUR.

Der ausgezeichnete englische Archäologe und Gräzist
Prof. William Ridgeway, dessen interessante Hypothesen
überden »Ursprung der Tragödie«, »die Herkunftder Achäer«,
»die verschiedene Abstammung der römischen Patrizier und
Plebejer« und anderes an dieser Stelle früher berichtet
wurden, hat in der Sitzung der »Society of hellenic stu-
dies« am 10. November vier Propositionen vorgetragen,
die von äußerstem Interesse für die Geschichte der grie-
chischen Architektur und Skulptur sind. Er versuchte nach-
zuweisen: 1. daß es bei Homer zwei Häusertypen gibt
und nicht bloß einen; 2. daß hohe abfallende Dächer vom
Norden nach Griechenland eingeführt worden sind; 3. daß
die Giebel des griechischen Tempels von dem nördlichen
Haus mit abfallendem Dach und Giebel übernommen sind
und nicht von dem südlichen Haus mit flachem Dach;
4. daß der Stil von figürlicher Dekoration, der sich in

Friesen, Metopen und Giebeln entwickelt hat, ebenfalls
aus dem Norden stammt.

Im einzelnen wies er, wie das Athenaeum berichtet,
bei Homer die Existenz von zwei Häusertypen und in
Griechenland die Existenz von Häusern des nördlichen
Typus in sorgfältiger Analyse Homerischer Stellen nach.
Die zahlreichen Schriftsteller, die darüber gehandelt haben,
haben immer nur von einem einzigen Homerischen Haus
gesprochen, als wenn es nicht nur nicht mehr als einen
Typus, ja nicht einmal verschiedene Varietäten dieses
gleichen Typus gegeben hätte; und doch ist es klar, daß
Paläste, wie z. B. der des Alkinoos sich bedeutend von
den Häusern des gewöhnlichen Volkes unterschieden. Es
gibt aber auch ganz spezifische Verschiedenheiten in der
Architektur. So war das Haus, das die Myrmidonen für
Achilles bauten, mit einem Giebeldach versehen; denn wie
es Ilias XXIV, 448 ff. heißt: »deckten sie es von oben
herab mit von der Sumpfwiese geholtem Schilf«. So muß
man auch annehmen, daß, wenn die Ringer Ilias XXIII,
712 mit Dachsparren verglichen werden, dies sich nur auf
die Sparren eines hochgiebeligen Daches beziehen kann.
Endlich läßt sich der Freiermord im Hause des Odysseus,
dessen nordischen Charakter Prof. Ridgeway bereits im
I. Band seines hervorragenden Werkes »Early Age of
Greece« nachgewiesen hat, nur erklären, wenn dieses Haus
ein hohes, abfallendes Dach hatte und von dem Palast
von Tiryns sich stark unterscheidet. Andererseits hatte
das Haus der südlichen Zauberin Kirke ein flaches Dach,
auf dem die Leute schliefen. Dies ist das typische süd-
liche Haus, gerade wie das Haus des Achäers Achilleus
das typische nördliche ist. Auch in klassischen Zeiten er-
wähnt Pausanias noch abfallende Dächer (orsyai xoiÄai) in
einer griechischen Stadt: zu Panopeus in Phokis, Dächer,
die er als durchaus ungriechisch bezeichnet, während die
Einwohner der Stadt sich für Phlegyer aus Thrakien er-
klärten. So gilt auch in historischen Zeiten das abfallende
Dach als ein Eindringling aus dem Norden. Dörpfeld und alle
anderen Autoritäten stimmen darin überein, daß die Paläste
des Bronzezeitalters, wie der von Tiryns, flache Dächer hatten;
die Schreine, die sich auf den Goldplaketten von Mykenä
zeigen, haben flache Dächer und auch der Tempel auf der
Francoisvase hat noch ein flaches Dach. Man muß daher
annehmen, daß die älteren Tempel flache Dächer hatten
gleich den Palästen, ihren Prototypen. Das geht auch
aus Pindar hervor (Ol. XIII, 21), wo man lesen kann, daß
die Korinther die ersten gewesen sind, die Giebel auf die
Göttertempel setzten, was beweist, daß dieser Typus für
griechische Tempel in einer verhältnismäßig späten Zeit
aufgekommen ist. (Darüber ist auch zu vergleichen der
Aufsatz von S. Reinach »Aetos Prometheus«, Revue Archeo-
logique 1907.) Der älteste griechische Tempel, von dem
wir Überreste besitzen, das Heraion von Olympia (11.
Jahrhundert v. Chr.), glich in seiner Konstruktion vielfach
dem Palast von Tiryns. Sicherlich war es auch einmal wie
der Palast flach gedeckt und erst später wurde ein ab-
fallendes Dach darüber gesetzt, wie das Heraion denn
auch nach Pausanias V, 16 ein flaches und über demselben
ein abfallendes Dach besessen haben muß. So muß man
annehmen, daß das abfallende Tempeldach aus der klassi-
schen Zeit von den Häusern des nördlichen Typus ent-
lehnt ist, zu denen die Hütte des Achilleus oder die Häuser
der Phlegyer von Panopeus gehören; aber es könnten
auch dorische Häuser sein, die von Einwanderern aus dem
Norden mitgebracht worden sind.

Die Künstler der griechischen Bronzezeit liebten he-
raldische Gruppen in der Skulptur oder in anderen Kunst-
formen, wobei die untergeordneten Elemente sich nach
einem Zentralpunkt kehrten. Das gleiche Prinzip zeigt
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