Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 20.1909

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Die Quellen der mittelalterlichen Kunst

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schatten von J. C. Eduard Averberg (1811—1868),
einem Hamburger Künstler, der bisher in der Samm-
lung nicht vertreten war, während Christian Morgen-
sterns »Blick über die Alster« von 1825, in der Haupt-
sache als wohl frühestes selbständiges Ölbild des da-
mals 20jährigen Malers interessiert. Ein farbig ganz
reizvolles Kinderbildnis von Julius Asher von 1838
und »Alte Eichen« von Valentin Ruths seien unter
den Werken älterer Hamburger noch genannt.

Eifrig werden die deutschen Landschaften von
1800—1850 seit Jahren in der Kunsthalle gesammelt.
Die bedeutendsten unter den neuen Erwerbungen sind:
»Hafen von Greifswald« von Kaspar David Friedrich,
der aber in Hamburg bereits mit interessanteren und
charakteristischeren Bildern vertreten ist. W. v. Kobells
»Landschaft vom Tegernsee« um 1800 ist sehr frei
von der Tradition des 18. Jahrhunderts und antizipiert
im Verhältnis von Luft- und Wassertönen Trübners
beste Wirkungen. Von Heinrich Reinhold, der in der
Kunsthalle bereits vertreten ist, wurden fünf kleine,
sehr charakteristische Landschaften um 1822/23 er"
worben. Trotz ihrer geringen dimensionalen Größe
spricht aus einzelnen ein Sinn fürs Monumentale. —

Die Berliner Franz Krüger und Steffeck waren bis
jetzt in der Kunsthalle nicht vertreten. Von Krüger
wurde ein kleines Pferdestück erworben, von Steffeck
zwei sehr schöne Pferdebildnisse, Araberfuchs und
-Schimmel, die ihm seinerzeit in Paris die goldene
Medaille eingetragen haben, und ein frisch empfun-
denes »Waldinnere«, das Liebermann ahnen läßt. —
Steffecks Bilder leiten zu Erwerbungen späterer Meister
über, zu Schuchs »Sandgrube im Walde« mit intensiv
leuchtendem Gelb und Grün und zu drei Landschaften
von Spitzweg. Die eine: Ausflügler, die einen Berg
hinaufsteigen, aus amerikanischem Privatbesitz, ist bis-
her in Deutschland unbekannt geblieben.

Aus englischem Privatbesitz stammt »Christus und
der reiche Jüngling« von Overbeck. Gemälde von
ihm sind selten; es hat malerische Qualitäten und
gehört zu den wenigst unerfreulichen unter den
religiösen Kompositionen der Nazarener. In England
scheint das Bild populär gewesen zu sein, wie ver-
schiedene Reproduktionen in Zeitschriften beweisen.

ROSA SCHAPIRE.

DIE QUELLEN DER MITTELALTERLICHEN
KUNST

(Zum neuen Buch Emile Males.)1)
»L'art religieux du XIII« siede en France. Etüde sur
l'iconographie du moyen äge et süsses sources d'inspiration«
war der Titel des Werkes, das Emile Males Namen mit
einem Male in die Reihe der ersten Kunstforscher der
Gegenwart rückte. Nun kommt die Fortsetzung der großen
Arbeit. »L'art Religieux de lafin du Moyen Age«. Die
Bedeutung der darin dargelegten Forschungen ist kaum zu
überblicken. Eine solche Fülle von feinsinnigen Beobach-
tungen, gelehrten Darlegungen mit der größten Originalität
vorgetragen; wie es kaum je in einem Werk über mittel-
alterliche Kunst geschah. Male scheidet jede stilkritische
oder historische Betrachtungsweise aus, er wendet seine

1) Emile Male: L'art religieux de la fin du Moyen Age.
Paris, A. Colin, 1909. 25 Frcs.

ungeteilte Aufmerksamkeit dem Studium der Quellen der
Inspiration der mittelalterlichen Kunst zu. Er faßt die Kunst
des Mittelalters als ein organisches Ganze auf und sein
Werk kann mit einem System der Philosophie verglichen
werden: es ist allumfassend. Grundlegend ist gleich der
erste Teil des Werkes, der dem Einfluß der Mysterien auf
die mittelalterliche Kunst gewidmet ist. Male ist wohl der
erste, der nicht nur dabei bleibt, die allgemeine Bemerkung
zu machen, daß die Mysterien die mittelalterliche Kunst
beeinflußt haben, sondern diesen Einflüssen bis aufs Ge-
naueste nachgeht. Das Buch der »Meditationes«, das, im
13. Jahrhundert entstanden, gewöhnlich dem Bonaventura,
obwohl aller Wahrscheinlichkeit nach ohne Grund, zuge-
schrieben wird, hat die ganze Auffassung der Mysterien,
wie dies Mäle mit schlagenden Beweisen (p. 14 ff.) darlegt,
bestimmt. So hat es, eigentlich auf dem Wege der My-
sterien, auf die mittelalterliche Kunst ungeheuer eingewirkt.
Solch wichtige Darstellungen wie die Pietä gehen allein
auf ihn zurück. Von den Mysterien (und Pseudo-Bona-
ventura) wendet sich Mäle der pathetischen Note zu, die
die religiöse Kunst des ausgehenden Mittelalters in einem
großen Grade beherrscht. Während das hohe Mittelalter
das Christentum in der Kunst mit einem Nimbus von
Güte, Milde und Liebe umgab und den Tod nur selten
in religiösen Darstellungen heranzog, zeigt uns die Kunst
des späteren Mittelalters eine Sucht nach dem Tragischen
und Düstern. Martyrien, die früher von einer Poesie von
Seligkeit erfüllt waren, werden realistisch dargestellt; mit
der verklärenden Kunst des 13. Jahrhunderts verglichen,
wirken sie tief ergreifend, aber auch oft schauerlich. Der
Jesus des hohen Mittelalters, der magister mundi, wird
zum großen Leidträger, der für die Sünden aller Menschen
vor den Augen der Gemeinde blutet. Und dieser Zug geht
durch die ganze Kunst des ausgehenden Mittelalters. Male
verfolgt ihn bis in die kleinsten Details. Wie die Darstel-
lungen der heiligen Legenden sich mehr und mehr auf die
ausführliche Erzählung der Martyrien konzentrieren, so das
Leben Jesu, das vorher der Hauptsache nach in heiteren
Szenen, die sich an die hohen Feste knüpfen, dargestellt ward,
sich allmählich fast ganz auf die Passion beschränkt. Dieser
tragische, schmerzhafte Zug zeigt sich auch in der zeit-
genössischen Literatur. Kein größerer Gegensatz, als der
zwischen der ruhigen Größe der Doktoren des 11. und
12. Jahrhunderts und der nervösen Sensibilität, die sich in
der religiösen Literatur mit dem Heiligen von Assisi auf
einmal geltend macht.

Aber mit dieser pathetischen Note zusammen erscheint
Hand in Hand ein anderes Charakteristikum, das der reli-
giösen Kunst bis dahin fremd war: die menschliche Tend-
resse. Es ist schwer, das Wort in dem Sinne, wie es Mäle
gebraucht, zu übersetzen. Die Zärtlichkeit und die Liebe,
die in den spätmittelalterlichen Darstellungen der Mutter
Gottes, der Kindheit Jesu usw. zutage tritt, ist ebenfalls
dem Einflüsse der Franziskaner, ganz besonders dem der
Medilation.es zuzuschreiben. Diese Auffassung sticht grund-
sätzlich von der hieratischen Art des früheren Mittelalters
ab. — Der Anblick der Heiligen in den Darstellungen des
späteren Mittelalters ist ebenfalls ein anderer, als in der
vorhergehenden Zeit. Früher waren sie über Zeit und
Ort erhaben, sie bewegten sich in ihren langen Tuniken
über den Generationen, die sich zu ihren Füßen erneuerten.
Mit dem Ausgang des 14. Jahrhunderts werden sie auf
einmal menschlich, sie nehmen die Kleidung, die Gebärden
der Umgebung an. Ihr Äußeres ändert sich mit der Mode
der Zeit. Nicht nur die Tracht, aber auch die Physio-
gnomie dieser spätmittelalterlichen Heiligen hat einen aus-
gesprochen nationalen Charakter. Die Szenerie, in die die
Miniaturisten des 15. Jahrhunderts die Christen- und Hei-
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