Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 20.1909

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Der Salon der Societe nationale

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L. W. ist mit einer besonders stattlichen Anzahl von
Schnellen vertreten und Hans Hilgers mit mehreren
Hauptstücken. (Von ihm bewahrt die Sammlung auch
den im Siegburger Scherbenlager gefundenen Siegelring.)
Die meisten Objekte sind von guter Erhaltung, doch
kämen sie mehr zur Geltung, wenn man zur Bespannung
der Wandschränke und Vitrinen einen farbigeren Stoff,
etwa Seegrün, gewählt hätte; die weiße Siegburger
Keramik vor weißem Leinenstoff in weißgelbgestrichenen
Räumen macht in ihrer Gesamtheit einen gar zu
kalkig-nüchternen Eindruck, zumal wenn man an ihren
ursprünglichen Zweck als Schmuck braungetäfelter
Renaissance- und Barockzimmer denkt. Außer diesen
kunstvollen, oft so schön profilierten Objekten be-
merkt man noch in zahlreichen Dubletten einfachere
Formen, wie die bekannten Trichterbecher, ferner eine
verwirrend reiche Anzahl von alten Hohlformen und
Patrizen, auch Original-Sandstein-Matrizen. Als Selten-
heit seien die wenig erfreulichen Spätsiegburger Ar-
beiten erwähnt, dabei ist ein rein-plastisch dekoriertes
umfangreiches Schreibzeug, das auf einem phantastischen
Aufbau von Totenschädeln Christus als Weltenrichter
zeigt: derartige Abirrungen von der guten keramischen
Tradition sind mir bisher nur als aus dem Wester-
wald herrührend bekannt geworden.

Für das Studium von Raeren vor dem Auftreten
des Hauptmeisters Jan Emens hat das Hetjens-Museum
eine ganz besondere Bedeutung. Die älteren Er-
zeugnisse, im wesentlichen Nachahmungen von Sieg-
burg und Köln, sind übersichtlich in einem Wand-
schrank des oberen Geschosses zusammengestellt;
nur Nuancen der Färbung geben bisweilen die Mög-
lichkeit der Unterscheidung, doch ist fast alles als
Raerener Fundstück beglaubigt. Man findet hier
Drillings- und Trichterbecher, genau wie sie in Sieg-
burg hergestellt wurden, aber von einer aus Weiß
und Hellbraun gemischten Glasur, ferner Krüge mit
Eichen- und Rosenranken nach dem Kölner Maximins-
straßen-Muster. Auch fehlt aus späterer Zeit nicht
blaues Steinzeug im Anschluß an den Westerwald.
All diese nur historisch fesselnde Kopistentätigkeit
wird dann aber abgelöst von der Wirksamkeit des
großen Meisters Jan Emens, des eigentlichen Be-
gründers von dem, was wir unter »Raeren« verstehen.
Er ist hier besonders anziehend und reich vertreten;
spielerische Arbeiten, wie sie das Provinzialmuseum
in Trier aufweist, fehlen vollkommen. Das Haupt-
stück ist wohl der in Grau mit sparsamem Blau ge-
haltene, herrlich profilierte Josephskrug von 1588,
der aus der Auktion Spitzer stammt; ferner ist ein
besonders anziehendes Werkchen, die kleine Schnabel-
kanne, die Falke II, S. 30 abbildet, geradezu ein Para-
digma von dem, was wir unter deutschem Kunst-
gewerbe der Renaissance verstehen. Unter den Nach-
folgern des Jan Emens finden wir auch bei Hetjens
Engel Kran mit einem der nicht seltenen braunen
Susannenkrüge von 1584, und mit mehreren guten
Werken den bekannteren Bälden Mennlcken.

Die Stadt Düsseldorf war nicht nur Erbin des
rheinischen Steinzeuges, sondern auch der ganzen
übrigen beweglichen Hinterlassenschaft des Herrn

Hetjens. Es sind Dinge dabei, die sich ebensowenig
für ein öffentliches Museum eignen, wie etwa die
Schlafzimmer-Einrichtung des so verdienstlichen Ka-
nonikus Bock im Aachener Suermondt-Museum, die
man mit Grauen gesehen haben muß, um die Ge-
fahren kennen zu lernen, die unschuldigen Museums-
direktoren aus der Befriedigung persönlicher Eitel-
keiten erwachsen. Mit nicht geringem Geschick
hat man in Düsseldorf diese disparaten Dinge,
unter denen am bemerkenswertesten die italienischen
Medaillen sind, in den verschiedenen Zimmern und
Vorräumen verteilt; das eigentliche Mobiliar ist in
zwei Räumen des oberen Geschosses mit vielen
Familienbildern zu ganz behaglichen Interieurs ver-
einigt worden. Unter den übrigen — recht wert-
losen — Gemälden sei ein Ecce-Homo im gutgemalten
Blumenkranz erwähnt, das nach einer jetzt unleser-
lichen Bezeichnung von dem seltenen Meister Jan
Baptist Brueghel, dem Sohne des Ambrosius Brueghel,
stammen soll. Man geht mit der Absicht um, im
anstoßenden Flügel des Kunstpalastes ein Museum
für alte Kunst einzurichten und mit dem Museum
Hetjens zu vereinigen; auf diese Weise kann dann
hoffentlich auch die Bestimmung des Testators um-
gestoßen werden, daß an allen Tagen, auch Sonntags,
Eintrittsgeld erhoben werden muß.

WALTER COHEN.

DER SALON DER SOCIETE NATIONALE
Der diesjährige Salon der Societe nationale gehört
wohl zu den interessantesten der letzten Jahre. Es
gibt zwar keinen eigentlichen großen »Clou«, aber
die Leute, die es nun einmal nicht ohne den Clou
tun wollen, finden einen solchen in jeder Abteilung.
Die Plastik, die Malerei, die Zeichenkunst, die Archi-
tektur und das Kunstgewerbe, sie alle haben in dieser
Ausstellung ihren »Nagel«, ihren hervorragenden Mittel-
punkt.

In der Malerei ist dies das dekorative Ensemble
von Rene Menard für die juristische Fakultät der Uni-
versität Paris. Der Bestimmungsort verdient unter-
strichen zu werden, weil er dartut, daß die Pariser
Professoren nicht in den Fehler verfallen, den ihre
Kollegen an anderen Orten — zum Beispiel seinerzeit
in Wien bei Gelegenheit der Klimtschen Gemälde —
nicht immer zu vermeiden wissen. Die Darstellungen
Menards haben nämlich nicht das allergeringste mit
dem Code Napoleon oder sonst irgend einer Recht-
sprechung der Welt zu tun. Alles, was der Künstler
anstrebte, war die möglichst schöne und würdige
Ausschmückung einer Wandfläche, und diese Aufgabe
hat er mit den drei Doppelbildern glänzend gelöst.
In allen dreien ist Menard bei der antiken Landschaft
geblieben, die er schon öfters in kleinem und großem
Maßstabe mit so viel Glück behandelt hat, und auch
seine elegischen Harmonien von Silber und herbst-
lichem Rotgold sind uns aus früheren Arbeiten be-
kannt. Das erste der drei Gemälde zeigt uns einen
stillen Waldsee, beschattet von gewaltigen Baummassen,
ein junger Mann hält ein Roß am Zaum und lauscht
einem auf bemoostem Steine sitzenden Flötenspieler,
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