Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 20.1909

Page: 521
DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1909/0269
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
521

Neues aus Venedig

522

Olde von Weimar, der ein gemütliches Gartenzimmer ge-
malt hat.

Damit haben wir wohl die wichtigsten Werke der
deutschen Abteilungen genannt. Die Österreicher haben,
wie dies schon üblich geworden ist, einen eigenen Saal
erhalten, den sie auch selbst echt wienerisch mit aus-
gesuchter Eigenart, schlicht aber wirksam ausgestattet haben.
Das Beste, was sie zu bieten haben, und überhaupt auch
ausgezeichnet sind die Bilder zu Märchen von H.Lefler
und J. Urban — phantasievoll, heiter und geschmackvoll,
wie man sich's nur wünschen kann. Raffinierter Geschmack
ist überhaupt das Kennzeichen der Wiener Kunst. Da ist
von F. Schmutzer eine gute Ansicht von Antwerpen, von
dem verstorbenen Rudolf von Ali ein feines Bild der Votiv-
kirche in Wien, von O. Rpux ein Motiv aus Gföhl in Nieder-
österreich und eine Pferdestudie. Auch F. Michl, L. F. Oraf,
F. Simon, W. Hampel, A. Roth und J. Mehoffer, der sich in
primitiver Stilistik gefällt, helfen erfolgreich das wienerische
Gesicht dieses Saales bilden.

Unter den Ausländern sind besonders einige Belgier
und Holländer mit charakteristischen Stücken vertreten: man
sieht unter anderen ein exzentrisches Aquarell — Englische
Brücke in Arles — von van Gogh, einige zarte symbolistische
Frauenköpfe von F. Khnopff, das lebensvolle Bild einer
Holzsammlerin von Henry Luyten und ein farbenkräftig
frisches Bild eines Waisenmädchens von Nicolas van der
Waay. Feine malerische Werte in grau hat die Kirchen-
ecke von A. Delaunois in Löwen. Auch Baseleers Marinen
sind erwähnenswert, nicht minder der sehr lebendig hin-
gesetzte Kesselputzer von /. Leempoels. Gute französische
Kunst sehen wir dann in der feinfarbigen Mühle von
E. Vuillard, in dem Flötenspieler von Oaston La Touche;
auch Boutet de Monvel sowie die Pointillisten Cross und
Signac sowie Raffaeli sind angemessen vertreten. Endlich
nennen wir noch die beiden Schotten J. Whitelaw-Hamilton
und Cameron (Abendschatten), den Schweden Larsson und
die beiden Ungarn Z. Vareeß und J. Vida; von jenem
stammt ein temperamentvoll gemaltes Mädchen vor dem
Spiegel, von diesem ein treffliches Selbstbildnis.

Auch die Plastik ist mit einigen kleineren Werken,
mehr zur Dekoration der Säle, herangezogen. Im ganzen
ist es eine Ausstellung, bei der der Kunstfreund von Ge-
schmack auf seine Rechnung kommen wird.

Die zweite diesjährige Dresdener Ausstellung beschränkt
sich auf die Dresdener Kunstgenossenschaft und wenige
eingeladene Ehrengäste. Sie zeigt, daß das Klubhaus dieser
ältesten Dresdener Künstlervereinigung sich auch zu Aus-
stellungen ganz vortrefflich eignet. Die Räume bilden ein
angenehm geschlossenes Ganzes, sie sind abwechselungs-
reich und wohl belichtet, so daß man die Ausstellung mit
Vergnügen und ohne Ermüdung durchwandelt. Bei der
Umgestaltung der Räume für die Ausstellung hat der
Architekt Bitzan ein bemerkenswertes Geschick bewiesen;
zwei kleinere Räume haben die Architekten von Mayenburg
(Gartensalon) und Voretzsch (Bibliotheksraum) eingerichtet.
Zwei eigenartige sehr wirksame dekorative Gruppen in
Sandstein, die über dem Portal angebracht sind, stammen
von Heinrich Wedemeyer, andere dekorative Skulpturen im
Innern von R. Ouhr und von dem Architekten Martin Pietsch
(Wandbrunnen). Unter den ausgestellten Gemälden herrscht
ein gewisses anständiges Mittelmaß, über das nur einzelne
Werke hinausgehen, darunter ein ausgezeichnetes älteres
Bildnis und ein gutes jüngeres Bildnis von Paul Kießling.
Von dem verstorbenen Leon Pohle sieht man hier zum
ersten Male öffentlich die Bildnisgruppe der königlichen
Prinzen von 1884. Andere tüchtige Bildnisse stammen von
Friedrich Heyser und J. Mogk. Besonderes Interesse be-
anspruchen sodann zwei große Gemälde von Richard Müller,

der offenbar im letzten Jahre energisch bemüht gewesen
ist, seiner unfehlbaren Zeichenkunst auch malerische Werte
zuzugesellen. Er hat eine Danae und einen lebensgroßen
weiblichen Akt — Die Wahrheit genannt — in rotglühendem
Lichte gemalt. Bei der Danae ist er über eine allzu künst-
lich wirkende Buntlichtfarbigkeit nicht hinausgekommen
während der Körper an sich ganz vorzüglich modelliert ist,
Der stehende weibliche Akt ist in jeder Hinsicht noch
besser, ja meisterlich durchgebildet und bis auf den nicht
ganz erfreulichen Farbton auch geschickt gemalt. Nennen
wir von den übrigen Gemälden wenigstens noch Fischer-
Gurigs frisches Bild Am Brunnen, von Schlippenbachs
Winterbild, Max Pietschmanns Abend an der Elbe und die
Landschaften von Bernhard Schröter in Meißen — nicht zu
vergessen der Ehrenmitglieder der Genossenschaft Anton
von Werner (Selbstbildnis), Eduard von Gebhardt (Braut
von Loccum) und Bruno Schmitz in Berlin (architektonische
Entwürfe). In der graphischen Abteilung ist dann noch
der bekannte Berliner Karl Köpping, bekanntlich ein ge-
borener Dresdener, hervorragend vertreten, neben ihm die
Dresdener Georg Lührig (Aktstudien), Rickard Müller und
Richard Jahn (ein treffliches Bildnis Georg Müller-Breslaus
in Schabkunstmanier). Auch einige tüchtige architektonische
Zeichnungen von dem schon genannten Architekten und
von Heino Otto sind erwähnenswert. Unter den Skulpturen
ist sogar ein vorzügliches Werk: der in sicherer plastischer
Haltung hingestellte Adonis von Richard König; nicht
minder ansehnlich ist Artur Seffners Büste des Geh. Rats
Wach in Leipzig. ^

NEUES AUS VENEDIG

Wieder ist von mehreren Neuerwerbungen für die
Galerie der Akademie zu berichten. Interessant ist ein
30 m langer und 1 m hoher bacchischer Fries von der Villa
Balbi in Vicenza stammend. Man schreibt denselben
Fogolino zu (1470—1548). In flüchtiger Freskotechnik
ausgeführt, auf Leinwand übertragen, schmückt er nun
jenen Saal, in dessen Mitte Palma Vecchios schönes Ge-
mälde »Santa Conversazione« aufgestellt ist. Der Fries
fügt sich mit seiner Farbe vortrefflich in den Raum ein.
Das dargestellte Bacchanal ist durch runde Medaillons
unterbrochen, auf welchen die Kardinaltugenden dargestellt
sind in reizend schönen Kompositionen in älterem Stile, so
daß anzunehmen ist, diese Medaillons seien von einer
älteren Hand, während Fogolino dann in flüchtiger Weise,
wenn auch vortrefflich dekorativ, alles übrige füllte. — Eine
weitere Bereicherung der Galerie ist ihr durch Überführung
eines großen Deckengemäldes von Paolo Veronese aus
dem Dogenpalast geworden. Dies Gemälde, eine »An-
betung der Könige«, schmückte ursprünglich die Decke
einer längst verschwundenen Kirche: S. Niccolö della
latuza. Dort war es umgeben von den vier Füllbildern
der Evangelisten und zwei weiteren Rundgemälden, Dar-
stellungen aus der Legende der genannten Heiligen. —
Das große Mittelbild war bei Aufhebung der Kirche im
Dogenpalast in die Decke jenes Raumes eingesetzt, in
welchem die Schaustücke der Marciana seinerzeit ausgestellt
waren. Die vier Evangelistenbilder, als Füllbilder, von
unregelmäßigem Format, wurden unbarmherzig zu zwei
Bildern umgestaltet, rechtwinklig gerahmt, und der
Akademie so übergeben.

Da nun in neuester Zeit die ehemaligen Räume der
Marciana umgebaut wurden, so übergab man nun das
genannte große Deckenbild ebenfalls an die Akademie,
teilte die zwei Evangelistenbilder wieder in ihre ursprüng-
liche Vierzahl und vereinigte nun diesen ganzen Bilder-
schmuck an einer der großen Wandflächen des Paolo
Veronese-Saales. — Jetzt erst kommen die prächtigen Ge-
loading ...