Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 20.1909

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Aus Florenz

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demmia deutlich zeigt, wie in diesem römischen Bild-
hauer die unsterbliche alte Tradition in voller Blüte
wieder auflebt. Es ist nicht die kalte treue Nach-
ahmung der Antike, wie sie Canova und Thorwaldsen
betrieben, sondern einfach ein im Sinne des antiken
Schönheitsgefühls Durchbilden moderner, lebender
Formen. Dieser Richtung gehört unter den jüngeren
Künstlern, die ausgestellt haben, auch Guido Calori
an, der einen riesengroßen, großartig gedachten Dia-
dumenos modelliert hat. Wie in der Malerei, so
auch in der Bildhauerkunst verlassen die Italiener
immer mehr die Richtung des krassen Naturalismus,
zu dem nur noch einige Veraltete halten und der
junge geistvolle Giovanni Prini. Glicenstein hat gute
Porträts ausgestellt von dem Maler Herzemberg und
von seiner Tochter, Hans Lerche eine Serie von Majo-
liken, die etwas gar zu phantastisch dekoriert sind,
und eine lebendige Statuette des knienden Papstes
Pius X. Der alten naturalistischen Richtung und der
raschen, vernachlässigten Technik gar zu treu zeigt
sich noch immer Graf Trubetzkoy, dessen Plastiken
aber doch mit ihrer sprühenden Lebendigkeit fesseln.

Dieses Jahr, zum ersten Male nach langen Jahren,
hat die Aquarellistengesellschaft sich von der großen
Ausstellung zurückgezogen und eine Sonderausstellung
eingerichtet im Casino delU Orologio an der Piazza
di Siena in Villa Borghese. Die Ausstellung ist
schwach ausgefallen, aber es fehlen nicht die wirklich
guten Kunstwerke darin. Vor allen die kräftigen mit
Aquarellfarben getönten Radierungen von Attilio Ste-
fanori; mit gesundem Natursinn im feinen poetischen
Gefühl stellt er die wilden Pinienwälder der römi-
schen Küsten dar, und seine Nadel ist ungemein ge-
schickt in der Wiedergabe der interessanten Wolken-
himmel, die sich mit den großen Kronen der Pinien
und dem dürren Geäst der winterlichen Laubbäume
zu einem phantastischen Bild vereinen. Sartorio, Noci,
Petiti, Echena stellen feine Landschaften aus. In
einem Saal sind viele Aquarelle aus dem Nachlaß
der beiden verstorbenen Maler Roberto Bompiani und
Ettore Rösler-Franz vereint und Rösler-Franz's junger
Schüler Augusto Scarpelli zeigt sich seines Meisters
würdig durch eine Anzahl von Aquarellen und Kohle-
zeichnungen, in denen sich sein poetischer Sinn offen-
bart. FED. H.

AUS FLORENZ
Die Uffizien erwarben ein hübsches Kabinett-
stück in einem kleinen Bildchen, das Conte Gamba
dem Lorenzo Leonbruno zuschreibt (Rassegna d'Arte,
Februarheft des laufenden Jahrgangs, S. 30 mit Abb.).
Das feine, sauber gemalte Werk läßt die ver-
schiedenen Einflüsse, denen der Künstler sich nach-
einander hingab (vgl. Gambas Artikel in der Ras-
segna d'Arte VI, S. 65 u. go), deutlich erkennen. Es
hat ausgesprochen ferraresische Farbentöne (seit 1507
ist Costa in Mantua) und die Figuren gehen auf
Mantegna zurück. Die schlafende Nymphe ist die
aus dem Moceto-Stich wohlbekannte Figur, die Leon-
bruno auch sonst verwendet hat, während der hinter
ihr kniende Götterbote — er trägt die Attribute des

Merkur zugleich mit einem Bischofsstab und der
Märtyrerpalme — der Figur des Gottes rechts unten
auf dem allegorischen Stich von Zoan Andrea nach-
geahmt ist, worauf mich Kristeller hinwies. Gemalt
ist es ungefähr wie ein Frühwerk des Correggio.

Wichtiger im historischen Zusammenhang der
Galerie ist das zweite Bild, das neu aufgenommen
wurde, nicht als Erwerbung, sondern aus altem Be-
stand, doch bisher in einem Depot verborgen. Es
ist ein großes Bild von Rosso, darstellend Moses, der
die Hirten vertreibt und den Töchtern Jethros hilft,
die Schafe zu tränken. Wahrscheinlich jenes Werk,
das nach Vasari für Giovanni Bandini gemalt wurde,
obwohl der Autor den Gegenstand als »Moses er-
schlägt den Ägypter« bezeichnet. Ein allerdings be-
greiflicher Irrtum, denn man sieht im Vordergrund
eine Reihe von Körpern übereinander und einen
Mann, der mit Macht dreinschlägt: nur hätte nach
dieser Fassung Moses nicht einen, sondern drei oder
vier Ägypter getötet. Ein paar Schafe, die über den
Körpern sichtbar werden, und die Frauengruppe links
führen wohl auf die rechte Deutung. Wie dem aber
sei: es ist eines der beachtenswertesten Bilder des
reifen Florentiner Cinquecentos und zeigt uns Rosso,
dieses Stiefkind unter den Florentinern dieser Epoche,
von seiner allerbesten Seite. Man bekommt ihn in
Florenz sonst nicht gut zu sehen. Sein großes Altar-
bild in San Lorenzo ist trotz schöner Einzelheiten
nicht recht erfreulich; das große Bild aus Santo
Spirito ist im Palazzo Pitti totgehängt (wieviel besser,
man hätte es an Ort und Stelle belassen!); und sein
herrliches Meisterstück, die »Kreuzabnahme Christi«,
ist, weil an entfernter Stelle — im Dom von Volterra
— wenig bekannt.

Indem ich versuche, eine Beschreibung zu geben,
sehe ich die Aussichtslosigkeit dieses Unternehmens
ein. Denn es ist so wild bewegt in den Figuren,
die in gesuchten Verkürzungen gegen den Beschauer
hin liegen, die Körper und die Gesten greifen so
herb und originell hinüber und herüber, daß nur die
Abbildung — die ich ein andermal hoffe darbieten
zu können — davon eine Vorstellung geben kann.
Im reizendsten Gegensatz zu dem Gewirr von Leibern
steht eine erschreckte holde Mädchenfigur weiter ent-
fernt. Die Farben sind so eigentümlich und so fein
abgewogen — lichtblau, granatrot, dann dunkelblau
und dunkel violett; vorn die hellen Leiber, im Grunde
der tief gefärbte Himmel —, daß auch koloristisch
diesem Werk ein hoher Rang gebührt. Man sollte
endlich einmal diesen merkwürdigen späteren Floren-
tinern etwas Aufmerksamkeit schenken: Botticini, Sel-
lajo und die diversen »Compagni« in allen Ehren!

Für die Sammlung des Bargello wurde von Bar-
dini eine große Holzfigur eines Bischofs, sienesisch
gegen 1400, erworben. Sie ist als Skulptur nicht
eben bedeutend, ausgezeichnet aber durch die reiche
Bemalung, besonders des Gewandes. — Erwähne ich
zum Schluß, daß ein Paar Künstler, meist Fremde,
für wenige Tage ihre Arbeiten ausstellten — neben
trefflichen neuen Radierungen von Goff waren Ra-
dierungen von Mazzoni - Zarini und kuriose kleine
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