Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

Seite: 177
Zitierlink: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1910/0097
Lizenz: Freier Zugang - alle Rechte vorbehalten Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE

Verlag von E. A. SEEMANN in Leipzig, Querstraße 13
Neue Folge. XXI. Jahrgang 1909/1910 Nr. 12. 7. Januar.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur »Zeitschrift für bildende Kunst« monatlich dreimal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfaßt 40 Nummern.
Die Abonnenten der »Zeitschrift für bildende Kunst« erhalten die Kunstchronik kostenfrei. — Für Zeichnungen, Manuskripte usw., die unverlangt
eingesandt werden, leisten Redaktion und Verlagshandlung keine Oewähr. Alle Briefschaften und Sendungen sind zu richten an E. A. Seemann,
Leipzig, Querstraße 13. Anzeigen 30 Pf. für die dreispaltige Petitzeile, nehmen außer der Verlagshandlung die Annoncenexpeditionen an.

EIN WORT DER ABWEHR IM FLORASTREITE
Von Karl Koetschau
»Der Zeitungsstreit hat hoffentlich ausgelärmt, die
ruhige Diskussion der Gelehrten kann also beginnen«.
Mit diesen Worten, denen gewiß jeder an der Streit-
frage beteiligte Fachmann freudig beipflichtete, schloß
der Herausgeber der »Kunstchronik« eine Reihe von
Aufsätzen zur Florafrage ab, die er in der letzten
Nummer seiner Zeitschrift zusammengestellt hatte.
Aber bei näherem Zusehen mußten mancherlei Zweifel
an der baldigen Erfüllung seines Wunsches auftauchen.
Denn die »ruhige Diskussion der Gelehrten« wurde
weder durch Dehios noch durch Paulis Artikel ein-
geleitet.

Am wenigsten durch den Paulis, der übrigens
fast gleichzeitig im »Cicerone« einen zweiten und in
den »Bremer Nachrichten« zur Beruhigung der irre-
geleiteten öffentlichen Meinung seiner Stadt einen
dritten Aufsatz geschrieben hatte, damit nur ja der
böse Gegner mausetot geschossen würde. Wie die
Tagespresse bemühte sich Pauli eifrig, alles, was ihm
in dem Kampfe tadelnswert erschien, den Verteidigern
der Flora zuzuschieben, die Redlichkeit der englischen
Angreifer ins hellste Licht zu rücken und auf die Ge-
sinnung der deutschen Angegriffenen so viel Schatten
fallen zu lassen als irgend möglich. Wohl verstanden,
in allererster Linie auf die Gesinnung. Bode und,
wie die Tagespresse oft gesagt hat, »die um Bode«,
denen übrigens von vornherein das Recht der freien
Meinungsäußerung bestritten wurde, als wäre ein jeder
Untergebener ein feiler Knecht, Bode und die Seinen
wurden des »leichtherzigen Ignorierens sehr beachtens-
werter Zeugnisse und Tatsachen« geziehen, obwohl
sie sich bemühten, auf jeden Einwurf der Gegner
einzugehen und die geforderten Untersuchungen willig
anstellten. Und was wurde nicht alles verlangt. Aber
sie achteten, um keinen Einwand der Gegner als von
vornherein für sie nebensächlich erscheinen zu lassen,
der gewichtigen Bedenken nicht, die sie als Museums-
beamte vor folgenschweren Eingriffen in die Existenz
des Kunstwerkes haben mußten, Bedenken, die gerade
ein Museumsdirektor wie Pauli zu würdigen verstehen
sollte. Doch wir hätten uns wehrlos erschlagen lassen
müssen. Daß wir in England Nachforschungen über die ■
Glaubwürdigkeit der gegen uns aufgestandenen Zeugen
vornehmen ließen, war ein schweres Unrecht gegen diese
Braven, und der damit Beauftragte, Hans Posse, muß

denn dafür auch im »Cicerone« von Pauli sich
strafen lassen. Lucas und Whitburn sind wahrheits-
liebende, unbeeinflußte, von einander unabhängige
Zeugen, Tolfree aber, der für uns spricht, ein leerer,
verdächtiger Schwätzer. Wird Pauli auch dann noch
auf seine englischen Zeugen bauen, wenn er die Zu-
verlässigkeit der von Cooksey Gelenkten so vortreff-
lich beleuchtet sieht, wie es sich bei der oft zitierten
malerischen Vorlage nunmehr herauszustellen scheint.
Vielleicht macht sich Kollege Pauli selbst die Freude,
der Literatur über dieses Bild nachzugehen. Aber:
»Tut nichts, der Bode wird verbrannt«. Wir müssen
leichtsinnig gewesen sein trotz des Aufwandes von
Zeit und Mühen, die wir uns es kosten ließen, alles
und jedes nachzuprüfen. Nur die anderen haben alles
peinlich untersucht — bis auf die Aussagen der Eng-
länder. Die konnte man ja ohne weiteres beschwören.

Doch weiter. Wir haben »eine nichtamtlich be-
stätigte kaiserliche Äußerung rasch verbreitet«. Wer
forderte doch das kaiserliche Wort? Wir oder die
Presse? Die Zeitungen stehen zur Verfügung, in
denen laut darnach verlangt wurde. Und als der
Kaiser in Gegenwart des zuständigen Ministers die
Büste gesehen und seinem Wohlgefallen an dem
Kunstwerk und seiner Überzeugung von ihrem Alter
und ihrer Echtheit Ausdruck gegeben hatte, sollten
wir dann die vorher so laut ausgesprochene Frage
unbeantwortet lassen? Was würde man gesagt haben,
wenn wir geschwiegen hätten?

Weiter. Wir haben »die öffentliche Meinung
tendenziös durch die Presse bearbeitet, haben die be-
droht und beschimpft, die nicht an unsere Hypothesen
glauben wollten«. Tendenziös bearbeitet? Allerdings,
nachdem man in der Presse gelärmt hätte, warum
wir uns nicht hören ließen, mußten wir auch vor
dem Forum Rede und Antwort stehen, vor das wir
gefordert worden waren. Wir hätten wahrhaftig gerne
geschwiegen, bis wir die Untersuchung vollkommen
hätten durchführen und sie in der Fachpresse, voran
im Organ der Kgl. Preußischen Kuustsammlungen,
hätten veröffentlichen können. Aber Artikel auf Artikel
erschien und schloß mit höhnenden Fragen. So
mußten wir, uns selbst zum Schaden, das Stillschweigen
brechen und stückweise die Untersuchung einem übel-
wollenden Urteil preisgeben, selbst auf die Gefahr hin,
daß wir dabei einmal einen falschen Weg einschlugen.
Bekannten wir das ehrlich, so hieß es, wir versuchten
loading ...