Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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Ausstellungen — Sammlungen

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Faktum, daß hier eine unliebenswürdige Schöpfung der
Natur in einer ihrer wenigst schönen Formen vorliegt: die
eingefallenen Wangen, die alten erschöpften Augen, die
harten Linien um den Mund, der verwelkte Nacken und
die fleischlosen Brüste. Die Statue wurde in Rom 1907
in dem Keller eines alten Gebäudes, das abgerissen werden
sollte, gefunden. Der hervorragende Archäologe des Me-
fropolitanmuseums, Edward Robinson, schreibt darüber in
dem Novemberbulletin dieses Museums: Alle in diese
Klasse gehörigen Werke stammen aus der Periode des
Niederganges, da technische Virtuosität an die Stelle der
früheren höheren Ideale getreten war. Sie sind typisch
für die Phase des hellenistischen Zeitalters, die mit dem
Tode Alexanders des Großen begann und bis zur römischen
Eroberung der Stätten griechischer Zivilisation dauerte.
Leichte Spuren von Bemalung lassen sich noch sehen und
man muß froh sein, daß die Bemalung so weit geschwunden
ist. Denn in ihren ursprünglichen Farben muß das alte Weib
von erschreckender Häßlichkeit gewesen sein. — m.

Die russischen Kunstforschungen in Saloniki.
Das russische archäologische Institut hat neuerdings einen
Bericht über die in den Jahren 1907 und 1908 in Saloniki
vorgenommenen kunstwissenschaftlichen Untersuchungen
veröffentlicht. Die Menge sowohl wie der Wert der in den
drei Kirchen St. Demetrios, Sa. Sophia und St. Georg ent-
deckten Überreste lassen Saloniki direkt hinter Ravenna für
byzantinische Kunst rangieren. Die unter der Kontrolle
des Institutes durch seinen Direktor Uspenskij gemachten
Forschungen waren in erster Linie auf die Demetrioskirche
konzentriert. Zur Zeit der türkischen Eroberungen waren
die Mosaiken in der Kirche mit einem Bewurf verdeckt
worden. Vor einiger Zeit ließ die türkische Regierung
einige Reparaturen vornehmen, und bei dieser Gelegenheit
kamen die Mosaiken wieder zum Vorschein, allerdings nur
für kurze Zeit. Als Uspenskij sich damit zu beschäftigen
begann, hatten die Arbeiter bereits einen Teil der Mosaiken
wieder zugedeckt; nur in dem Schiff, im nördlichen Tran-
sept und in den Seitengängen konnte er noch detaillierte
Untersuchungen vornehmen. In allen Kompositionen ist
der heilige Demetrios, der Patron von Saloniki, die Haupt-
person. Er kommt ungefähr ein Dutzend Mal in verschiede-
nen Stellungen vor. Einmal ist er in einer muschelförmigen
Nische stehend dargestellt; er trägt ein weites Gewand, das
mit Gold eingefaßt und mit einem breiten Band verschnürt ist.
Nahe dabei erscheint der heilige Demetrios in einer Gruppe
von drei Personen. Zu seiner Rechten stets der illyrische
Präfekt Leontios, zu seiner Linken Eusebios. Auch Bilder
der heiligen Jungfrau sind an verschiedenen Stellen zu
sehen. Sie sind von ganz besonderem Interesse, da sie
die ältesten Darstellungen der Mutter Christi in Erinne-
rung bringen, wie z. B. der Madonna in der Kirche von
Kitti bei Larnarka auf Cypern. Die Panaghia kommt in
allen Gruppen vor, die von dem heiligen Demetrios vor-
genommene Wunderkuren darstellen, obwohl die Legende
hier von einer Intervention der Jungfrau nichts erwähnt.
Im Hintergrund der Gruppen sind Landschaften, Architektur-
details und Kultusobjekte zu sehen. Auch findet sich eine
Serie von Medaillons mit Heiligendarstellungen. — Die
Annalen von Saloniki berichten, daß die Basilika des heili-
gen Demetrios im 7. Jahrhundert durch Feuer zerstört
wurde; so müßte man eigentlich annehmen, daß die nun-
mehr entdeckten Mosaiken in die Zeit des Wiederaufbaues
der Basilika zu setzen sind. Uspenskij aber gibt Gründe
dafür an, daß man viele dieser Mosaiken in eine frühere
Zeit setzen kann; so muß auch die Zerstörung der Türken
eine nur partielle gewesen sein. Eine Inschrift gibt als Datum
der Wiederherstellung die erste Hälfte des 8. Jahrhunderts,
die Regierungszeit Leos des Ikonoklasten an. Das Charakte-

ristikum der Salonikianer Mosaiken ist ihre Realistik. Die
Szenen sind aus dem wirklichen Leben genommen, Mystik
und Symbole fehlen ganz und gar. Die Zeichnung ist klar
und kräftig, und die in voller oder Dreiviertelansicht ge-
gebenen Gesichter sind charakteristisch. Der Hintergrund
ist meistens von Blau gebildet, Silber ist für den Nimbus
gebraucht, Perlmutter fehlt für die Kleider. Für die Mo-
saiken sind Würfelchen benützt, die für die Gesichter in
noch kleinerem Format als für den übrigen Teil der Kom-
position gebildet sind. M.

Das syrische Heiligtum auf dem Janiculum. Im
Anschluß an die ausführlichen Mitteilungen über die außer-
ordentlich wichtigen Entdeckungen Gaucklers auf dem
Janiculum beim alten Hain der Furrina oder der Furrinae,
wo Gaius Gracchus den Tod fand (s. Kunstchronik XX Sp.
877/8), entnehmen wir noch dem Bulletin de l'art ancien
et moderne folgendes. Das rätselhafte Idol — eine Sta-
tuette in vergoldeter Bronze — lag in einer Art dreieckiger
Höhlung, die ausgemauert war. Die Höhlung selbst war
in der Mitte einer octogonalen Cella hergerrichtet, deren
Form die Baptisterien der ersten Christen in Erinnerung
rief. Man darf in dieser Cella einen für die Feier der
Mysterien und die Einweihung der Mysten in den syrischen
Kult bestimmten Raum sehen. Das Idol ist eingewickelt
wie eine Mumie; ein Drache mit gezacktem Schopf ist
siebenmal um ihn gewunden. In die Windungen des Un-
geheuers waren sieben Henneneier in fortlaufender Rich-
tung niedergelegt. Durch den Moder sind sie zersprungen
und ihr Inhalt hat sich nach rechts und links entleert.
Gauckler nimmt nunmehr an, daß man in dieser Statuette
nicht, wie man angenommen hatte, einen mithriatischen
Chronos — sondern eine aus dem Ei schlüpfende Atar-
gatis sehen muß. Wie Arnobius berichtet, glaubten die
Syrier ihre Götter Hadad und Atargatis aus dem Ei ent-
sprungen. Dazu wäre jedoch zu bemerken, daß die Viel-
zahl der Eier doch mehr für die früher geäußerte Ansicht
spricht, daß die Eier mystisches Futter für die Schlange
sind. Auch die anscheinend weibliche Natur der Statuette
spricht nicht gegen Chronos; Firmicus Maternus nennt die
schlangenumwundene Statue des Zeitgottes geradezu weib-
lich und der persische Zeitgott Zurwän = Chronos ist mann-
weiblich. Oft ist die Darstellung geradezu absichtlich so,
daß das Geschlecht nicht unterschieden werden kann.

_ M.

AUSSTELLUNGEN
München. In der Graphischen Sammlung sind
zurzeit zwei neue Ausstellungen veranstaltet. Die eine
umfaßt graphische Blätter neuerer Meister. Neben Werken
von Otto Greiner, neueren Lithographien von Fritz Boehle
und einigen großzügigen Zeichnungen des erst durch die
diesjährige Sezessionsausstellung bekannt gewordenen
Karlsruhers Hermann Braun (f) fallen die temperament-
vollen Arbeiten einiger jüngerer Münchener Künstler wie
E. L. Euler, Max Mayrshofer,. Daniel Staschus vorteilhaft
auf. Ferner sind vertreten die Stuttgarter Radierer Alex.
Eckener und Hans Barthelmeß, sowie die Weimarer Holz-
schneiderin Marg. Geibel. Besondere Aufmerksamkeit ver-
dienen die prächtigen Radierungen des Amerikaners Sion
Wenban (f 1897). — Der zweite Saal enthält als 5. Serie
der Gesamtfolge eine übersichtliche Zusammenstellung des
gestochenen Werkes Martin Schongauers.

SAMMLUNGEN

Ein großes Provinzialmuseum wird in Würzburg
erstehen. Die Stadt hat dem Fränkischen Kunst- und
Altertumsverein für seine Sammlungen das bisherige
Chemische Laboratorium zur Verfügung gestellt, das mit
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