Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 21.1910

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE

»»A3 ES"*

Verlag von E. A. SEEMANN in Leipzig, Querstraße 13
Neue Folge. XXI. Jahrgang 1909/1910 Nr. 38. 2. September.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur »Zeitschrift für bildende Kunst« monatlich dreimal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfaßt 40 Nummern.
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OSTASIATISCHE MALEREI IM BRITISH MUSEUM
Seit dem Jahre 1888, wo ein Teil der einige Jahre früher
erworbenen Anderson Collection in einer Ausstellung der
Öffentlichkeit vorgeführt wurde, ist die sehr umfangreiche
Sammlung ostasiatischer Gemälde im Department of prints
and drawings des British Museum dem allgemeinen Pu-
blikum ziemlich unzugänglich gewesen. In diesem Sommer
hat sich die Abteilung endlich wieder zur Ausstellung eines
kleinen, aber wohl des besten Teiles seines ostasiatischen
Besitzes entschlossen — offenbar in der löblichen Absicht,
die japanische Regierungsausstellung, die in einem stillen
Winkel der Japan-British Exhibition in Shepherds Bush
die feinsten wie die mächtigsten Meisterwerke altjapani-
scher Malerei vereinigt, angenehm zu ergänzen, vor allem
aber wohl, um die Schätze chinesischer Malerei vorzuführen,
welche die Abteilung in der Sammlung der Frau Olga Julia
Wegener erworben zu haben glaubt. Man wird sich erinnern,
daß diese Sammlung im vorletzten Winter in der Berliner
Akademie der Künste ausgestellt war und in der merkwürdig
sachverständigen deutschen Presse reichen Beifall, in den
Berliner Museen aber nicht den erwarteten Käufer fand. Im
Laufe des letzten Winters gelang es dann Sidney Colvin,
dem Direktor des Londoner Kupferstichkabinetts, den Wege-
ner-Pelion auf den schon etwas erschütterten Flora-Ossa
zu türmen, und einen Teil, hoffentlich den besten, der Samm-
lung für sein Museum zu erwerben. Während die ost-
asiatischen Kenner den Berliner Museen ihren Glückwunsch
zu diesem Mißerfolge aussprachen, brauste ein trefflich
inszenierter Jubel über diese neue Niederlage des »still
redoubtable Dr. Bode« durch den englischen Blätterwald,
und die Kenner chinesischer Malerei in der deutschen
Tagespresse stellten mit derselben schönen Objektivität,
die sie sich im Florastreite den nationalen Museen gegen-
über bewahrt haben, die »Vorurteile und Eilurteile« der
Berliner Museumsverwaltung, d. h. ihres Generaldirektors,
an den Pranger, denen diese »versäumte Gelegenheit« zur
Last fiele. Wäre wirklich, wie diese Entrüsteten behaupten,
die »schreckliche Deutschland-in-der-Welt-voran-Stimmung«
an der Ablehnung schuld gewesen — an der Ablehnung
der Sammlung einer deutschen Dame! — so wäre ihre Rüge
natürlich völlig berechtigt. Denn gute chinesische Bilder
gehören sicherlich zu dem kostbarsten künstlerischen Be-
sitze der Menschheit, und sie sind in Europa mehr als
selten. Eine Sammlung von Hunderten solcher Bilder aus
nichtigen Gründen abzulehnen, wäre unbegreifliche Torheit.

Betrachten wir aber die Erwerbungen ostasiatischer
Gemälde durch das British Museum an der Hand der Aus-
stellung etwas näher. Von vornherein müssen wir freilich
die äußerst interessanten buddhistischen Gemälde aus-
scheiden, die Aurel Stein in dem vermauerten Tempel von
Tun-huang (Turkestan) gefunden hat. Sie stehen ganz ab-
seits von dem übrigen chinesischen Besitze des Museums,

bilden vielmehr mit den Funden Pelliots in derselben Höhle

— jetzt im Louvre — und den großartigen Ergebnissen
der preußischen Turfanexpeditionen ein Ganzes. Ihre Echt-
heit und ihr Alter steht ebenso unzweifelhaft fest, wie ihr
provinzialer Charakter. Allerdings sei es erlaubt, an den
anscheinend rein gefühlsmäßigen Datierungen des Kataloges
zu zweifeln, der einzelne Stücke bis ins 7. Jahrhundert zu-
rückdatiert, während das einzige zeitlich genau fixierbare
Bild das Datum Chien-lung 4 = 963 trägt. Der künst-
lerische Wert ist im allgemeinen geringer als bei der Pelliot-
schen Höhlenbeute; immerhin sind die hübsche Reitergruppe
der Tempelfahne Nr. 7 und die Landschaften der Nr. 5 und 6
interessant.

Im übrigen verzeichnet der von L. Binyon zierlich einge-
leitete Katalog der Ausstellung 83 chinesische, 126 japanische
Gemälde, vondenen46derSammlungWegener,i45derSamm-
Iung Anderson, 18 gelegentlichen Käufen und Geschenken
entstammen. So gering diese Zahl im Verhältnis zu den über
4000 ostasiatischen Gemälden des British Museum scheint, so
stattlich istsie, wenn wir erfahren, welchen Meistern die Bilder
zugeschrieben werden. Die Sammlung mit ihrem Minchö,
Yukihide, Söami, Dasoku, Shügetsu, Sötatsu, Körin, Chao
Ch'ang, Chao Chung-mu, ihren drei Sesshü, drei Motonobu,
acht Sesson, sechs T'ang Yin, drei Ch'iu Ying, zwei Wu Wei,
drei Lü Chi, zwei Lin Liang, zwei Wang J6-shui, drei Chao
Meng-fu und vollends ihrem Han Kan und Ku K'ai-chih

— um nur die allerersten Namen zu nennen —, wäre auch
in Ostasien gigantisch: keine der großen japanischen Samm-
lungen ist ein solcher Kongreß von Königen, ja ein halbes
Dutzend und mehr der größten würden zusammen noch
nicht den Wettstreit mit der einen Londoner aufnehmen
können. Ein europäisches Museum, das eine solche Fülle
ostasiatischer Schätze in kaum 25 Jahren zu vereinigen ge-
wußt hätte, und sein Leiter wären der höchsten Bewun-
derung und der größten Dankbarkeit aller europäischen
Freunde ostasiatischer Malerei würdig und gewiß.

Taufwasser allein tut's freilich nicht. Jeder, der sich
nur etwas mit ostasiatischer Malerei beschäftigt hat, weiß,
daß Originale bekannter Meister auch in ihrer Heimat von
der äußersten Seltenheit und in Japan nur mit bedeutenden
Opfern, in China anscheinend überhaupt nicht zu erringen
sind. Hier wie dort bemühen sich einheimische Sammler
von großem Reichtume mit schönem Eifer um wirk-
liche Meisterwerke: noch vor wenigen Monaten hat eine
winzige Tuschskizze des Yüeh-shan, eines nicht übermäßig
bedeutenden Meisters der Yüan-Zeit für etwa 70000 Mark,
ein besonders hervorragendes Bild des ganz modernen und
keineswegs genialen Malers Ganku für etwa dieselbe Summe,
eine Rolle des großen Kpetsu für etwa 100000 Mark unter
Japanern den Besitzer gewechselt. Die wirklichen Meister-
werke der älteren japanischen und noch mehr der chinesi-
schen Maler sind heute aber sämtlich in festen Händen
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