Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — 5.1889

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güllung eineS KaminofenSv Florenz, Ende dcs lö. JiihrhundertS. Kgl. Kunstgewerbcinnscnm in Verliu

Lin deutscher Porträttöpfer des ^6. ^ahrhunderts.

!)on A. v. Drach.

Seitdem das Verständnis für die Kunst-
leistungen unserer Vorfahren in den Zeiten der
Gotik und der Renaissance sich uns wieder mehr
und mehr eröffnet hat, haben wir nicht nur
deren Freude an bunter Farbenpracht als etwas
durchaus Berechtigtes anerkennen gelernt, son-
dern uns auch nach und nach daran gewvhnt,
diese gesunde Freude selbst einigermaßen nach-
zuempfinden: die in unseren Wohn- nnd Fest-
räumen bislang herrschende Nüchternheit und
Monotonie ist im Verschwiuden bcgrisfen, und
das Bestreben, solche dnrch farbenreiche Deko-
ration zu beleben, hat in immer weiteren Kreisen
Eingang gefunden. Während früher nur der
kalte Marmor oder toter Gips als geeignete
Stoffe zur Herstellung von mancherlei plasti-
schen Kunstwerken, wie nnmentlich von Porträt-
büsten der Zeitgenossen erscheinen konnteu, tritt
jetzt eine solche Betonung des Materials und
der bloßen Form mehr und mehr in den Hinter-
grund und der neuerdings gemachte Versuch
einer wirklich künstlerischen Wiedergabe von
Persönlichkeiten durch plastische Bildwerke mit
natürlicher Farbenzier konnte sich einer bei-
fälligen Beurteilnng erfreuen. Mitteilungen
über einen deutschen Bildhauer der Re-
naissancezeit, welcher bemalte Porträtbüsten
aus gebranntem Thon hergestellt haben soll,
dürften deshalb gerade jetzt nicht ohne Jnteresse
sein; es geht aus ihnen hervor, daß damals
die Farbe als etwas zum Ganzen notwendig
Gehörendes angesehen worden ist und daß eine
^echnik, worin italienische Meister der Früh-

renaissance so Bewundernswertes geschaffen und
uns hintcrlassen haben, nuch diesseits der Alpen
nicht ungciibt geblieben ist. Viclleicht könnten
unsere Mitteilungen außcrdem dazu führen,
Werke diescr Art, welche jener Künstler ge-
schaffen, der Vergessenheit zu entreißen.

Die Notizen über den Meister, welche nach-
stehend znm Abdrnck gelangen, sind dem Bries-
wechsel entommen, welcher im Jahr1582 zwischen
Wilhclm IV. von Hessen-Kassel, dem ülte-
sten nnd Georg I. von Hessen-Darmstadt,
dem jüngsten Sohne Philipps des Großmütigen
gesührt wordcn ist; zur Aufklärung haben wir
nur weniges vorauszuschicken.

Jm Zusammenhang mit der Nenbefestigung
seiner Hauptstadt Kassel, deren Wälle während der
Gefangenschaft des zuletzt genannten Landgrafen
nach dem unglücklichen Ausgang des Schmal-
kaldischcn Krieges geschleist wordeu waren, hatte
dieser Fürst nach seiuer Befreiung auch cinen
Neubau des dortigen Nesidcnzschlosses begonnen.
Er erlebte die Vollcnduug nicht mehr und es fiel
diesclbe daher seincm Nachfvlger in den nicdcr-
hessischcn Landcn, dcm vorher gcnannten Wilhclm
zu, welcher schon bci Lcbzcitcn Philipps dcr
eigentlichc Leitcr des Banes gewesen war.

Wir haben in diesen Blättern und ander-
wärts') Gelegenheit gehabt, auf Wilhelms feineS

1) Kunstgewerbeblatt, 3. Jahrg., S. 36 und
S. 128 ff.; Ältere Silberarbeiten in den kgl.
Sammlungen zu Kassel ic. von C. A. v. Drach.
Marburg 1888. S. 11, 19 fs., 27; Bayerische Ge-
werbezeitung. I. Jahrg. S. 292 ff.
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