Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — 5.1889

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Aunstgewerbeblatt. 5. ^ahrgang.

No. u-

Thronbehang des Königs ^lathias Torvinus.

Von E. Radisics von Autas.

INit Abbildungen.

u den wenigen Überresten ein-
stiger Pracht, welche nns aus
der glanzvolten Epoche des
kunstsinnigen Königs Aca-
thias Corvinus erhalten ge-
blieben, reiht sich seit knrzem
ein prachtvolles Gewebe, wie es selbst zur Zeit
der Renaissance nur wenige gegeben haben mag:
cin Behang ans Goldfaden gewebt, mit grünem
Sammet und farbiger Seide durchwirkt und
geschmückt mit dem Wappen llngarns und des
Königs Mathias Corvinus.

Jm Jahre 1876, auf der zn Gunsten der
Überschwemmten Ungarns veranstalteten Aus-
stellung, erregte eine Kasel, die am Rückenteil
das vorerwähnte Wappen trng, gerechtes Auf-
sehcn. Dieselbe wnrde vom jetzigen Minister
Benjamin v. Küllay im Franziskanerkloster zu
Fojnicza in Bosnien gefunden und auf seine
Veranlassung znr genannten Ausstellnng ge-
schickt. Diese Kasel, (Abbild. 1) wnrde später
dank H. v. Küllays Bemühungen für den un-
garischen Kronschatz erworben nnd befindet sich
jetzt in der Hofkapelle zu Ofen.

Als nun zehn Jahre später das ungarische
Landesknnstgewerbemuseum den kunstgewerb-
lichen Nachlaß des weiland Bischof Arnold
Jpolyi, eines Vorkämpfers und Begründers der
kunsthistorischcn Litteratur Ungarns, zur ösfent-
lichen Ausstellung brachte, wurde die Kasel
ebenfalls hcrbeigezogen, da der Verstorbene die
Jdee zur gegenwärtigen Bestimmnng derselbcn
gegeben hatte. Nach kurzer Untersuchung ward
klar, daß das Gewebe ein größeres, viereckiges
Stück gewesen, die Komposition ein in sich ab-
geschlossenes Ganze mit stark betonter vertikaler

Kuustgcwerbeblatt. V.

Achse bildet, und das Gewand aus einzelnen
Stücken zusammcngesetzt sei.

Eine Wiederherstellung mit Benutzung nnd
anf Grund der vorhandenen Reste (Abbild. 2)
wurde von mehreren Seiten, doch ohne sonder-
lichen Erfolg versucht nnd schon jede Hosfnung auf
eine befriedigende Ergänzung aufgegeben, als
unerwartet ein Behang des Grafen Franz ganz
Erdödy zu Galgöcz bekannt wurde; der Be-
hang war dem Stoffe der Kasel vollkommen
ähnlich, ja identisch, aber frei von jeder Ver-
stümmelung, wohlerhalten und sogar mit einer
Bordüre versehen, von der auf der Kasel keine
Überreste vorhanden waren. Nur sah man an-
statt des ungarischen Wappens, in der Mitte
ein rundes, ganz ähnlich gearbeitetes Stück
Stoff, das Wappen des Kardinals Tomas Bakücz
(tz 1521), nnter welchem, dem Meßgewand ent-
sprechend,das ungarischeWappen gefunden wurde.
Abbild. 3 veranschanlicht den Behang, dessen
Hvhe 2,65 in, Breite samt der aufgenähten Bor-
düre von 33,5 1,67 w mißt.

Die Komposition des Behanges indes,
trotzdem ihr gewiß mit Recht ein Mangel an
organischem Zusammenhang vorgeworfen werden
kann, gehört mit zu den geschicktest gezeichneten,
welche uns aus der Renaissance erhalten ist;
besonders bewunderungswürdig ist die unge-
zwungene Anpassung der einzelnen Elemente in
den gegebenen Raum.

Die cigentliche Basis bildet ein perspekti-
visch anfgefaßter, in Vierecke eingeteilter Boden,
auf dem ein Postament und darauf eine reich-
gegliederte Vase ruhen. Letzterer, gcfüllt mit
Granatäpfeln, cntspringen nach rechts und nach
links zwei gewnndene Füllhörner, zwei sich ab-

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