Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — 5.1889

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Nokokotapeten,

Man sagt, ein Wiener Baumeister sei ge-
sragt worden, in welchem Stil er sein neues
Gebäude aufführen werde. Er soll geantwortet
haben: das weiß ich nicht, ich werde bauen, wie
ich es fnr richtig halte. Solche Worte er-
mutigen zu der Hoffnung, daß die Nachahmerei
aufhöreu wird und daß die Zeit einer neuen
Kunst begonnen hat. Wenn aber ein Akademie-

direktor erklärt, daß in den italienischen Galerien
alte Scharteken hängen, die er nicht zu kennen
brauche, dann fallen alle Hoffnungcn wieder zu-
sammen. Wenn derselbe Akademiedirektor sich
dessen rühmt, daß ihm ein soldatischer Reiter-
stiefel mehr Mühe mache, als ein nacktes Beiu,
dann steckt die neue Kunst noch in den Kinder-
socken.

o k o k o t a p e t e n.

Von Gcorg Bötticher.

Wer in unseren Tagen die Mnsterkarte
eines Tapetenhändlers durchblättert, der wird
eine Menge buntfarbiger, schwer-plastisch und
unruhig wirkender Muster von schnörkelhaftem
Aufbau gewahr werden, bei deren Anblick sich
ihm die Frage aufdrängt: welche Art von Leisten,
welche Möbel, Bilder und Stoffe mögen im
stande sein, gegen eine derartige Tapete (die
doch als solche einen ruhigen Hintergrund für
all diese Dinge abgcben sollte) in der Wirkuug
aufzukommen?

„Das sind Rokokomuster. Ganz echt im
Stil", sagt der Händler. Aber bei aller Ach-
tung vor dieser Autorität: solche Tapeten-
muster kannte die Stilepoche, die wir
uns gewöhnt haben, „Rokoko" zu neunen,
nicht.

Wie zu jeder Zeit gab es auch im Rokoko
— und bei der Prachtliebe der damaligen Höfe
vielleicht in reicherem Maße als früher — die
verschiedensten Arten von Wandbekleidungen:
Gobelins, vergoldete, gepreßte und bemalte
Ledertapeten, Seiden- und Wollendamaste, be-
druckte Baumwollzeuge und Papiere in allen
Behandlungsweisen, sogar niit Wollstaub, aber der
Genre, den wir heutzutage als „Rokokotapeten"
vorgelegt erhalten, dieser — zur Ehre des
künstlerischen Geschmacks jener Epoche sei es
gesagt! — fiudet sich uicht darunter.

Die Kartuschen, die Mnschelmotive, die
Schnörkel nnd zerflatterten Blumen, kurz all
jene Dinge, die der Laie schlechtweg als Kenn-
zeichen des Rokoko ansieht und von jedem Zier-
gegenstand jener Zeit fordert, sie sind wohl der
Plastik des Rokoko eigen, anf Tapeten-
mustern fiuden sie sich nicht vor oder doch

erst zu einer Zeit, wo es mit dem Rokoko
schon zn Ende geht, und auch da nur in künst-
lerischer Anpassung an den Charakter des Flach-
musters, keineswegs in der grob-plastischen
Weise der modernen Rokokotapeten. Tapeten-
muster aus jener Epoche, welche die Formen
der Plastik auf den Stoff übertragcn zeigen,
sind von großer Seltenheit.

Die Blütezeit des Nokoko aber hält streng
auf Sonderuug des Plastischen und Flachen und
erzielt gerade damit nicht die schlechtesten ihrer
Wirkungen. Man betrachte nur in dcn Zimmern
des Bruchsaler Schlosses die schönen einfarbig-
roten, blauen oder olivefarbeuen Seidendamaste,
welche die Wände schmücken und beachte, wie
reizvoll gegen diese ruhigen, echten Wandmuster
mit ihrcn breiteu, gleichseitig entlvickelten For-
men das prickelnde Muschelschnitzwerk, das weiß
ünd golden getönte Stuckoruament dcr Umrah-
mung in sciner scheinbaren Negellosigkeit sich
abhebt! Nicht diese uachahmensiverten Seiden-
damaste, nicht die Tapeten des Rokoko,
nein, wunderlicherweise die geschnitzte und
bemalte Umrahmnng derselben hat sich die
moderne Tapetenfabrikation zum Vorbild ihrer
Rokokomuster genommen. Sie überträgt die
anspruchsvolle Plastik derselben, die ja an den
Füllungen, Pilastern, Simsen und Thüreinsätzen
der alten Rokokozimmer vortrefflich an ihrem
Platze ist, mit allen Schatten- und Lichteffekten,
Farben- und Formcnkontrasten auf die Wand-
släche und schasft daniit Muster, die durch die
Wucht und Unruhe ihrer Wirkung für das Auge
jedcs formgebildeten Mcnschen einfach unerträg-
lich sind und ein Zimmer unleidlich machcn
müssen. Sie giebt gleichzeitig dnmit den Stil-
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