Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — 5.1889

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Aunstgewcrbeblatt. 5. Iahrgang.

Uo. 8.

Vrientalische ^ayencen mit Lüsterverzierung.

von Vtto von ^alke.

Mt Abbildungen.

Die Verzierung von Fayencen mit metallisch
glänzenden Farben, dem sogenannten Lüster, —
rotlöt mölnlligus '— ist als eine Spezialität des
spanisch-manrischen Geschirres nnd der Majo-
liken von Pesaro, Deruta und Gubbiv allge-
mein bekannt. Es ist auch der modernen Jn-
dustrie schon seit längerer Zeit gelungen, das
Geheimnis der Herstellung dieses prächtigen
Dekors wieder aufzndeckcn, und sowohl englische
als französische und italienische Keramiker haben
davon reichen Gebrauch zu machen gewnßt. Nach
den Mitteilnngen des Pariser Keramikers Th.
Deck bestehen die Lüsterfarben in ihren Haupt-
bestandteilen aus Schwefelkupfer, Schwefeleisen
nnd Ocker. Sie werden auf das fertige, bereits
glasirte Gefäß aufgetragen und haften auf der
Glasur nach einem besonderen Brande in äußerst
dünner Schicht. Eine Politur nach dem Brande
läßt den Metallglanz in seiner vollen Reinheit
hervortreten. — So groß die Beliebtheit ist,
deren sich diespanischen und italienischenFayencen
mit Goldlüster erfreuen, so gering ist die Auf-
merksamkeit, die man den verwandten Erzeug-
nissen der muhammedanischen Keramik des
Mittelalters zugewendet hat; in Dentschland
vielleicht darum, weil diese orientalischen Arbeiten
nnr sehr selten in unseren Sammlungen ver-
treten sind. Sie verdienen aber volle Beachtung
schon deshalb, weil ihnen zweifellos das Ver-
dienst zukommt, diese eigentümliche und wirkungs-
volle Dekoration der Fayence dem Abendlande
iiberniittelt zu haben. Der Ursprnng dieser
Technik ist im Orient zu suchen; von Ägypten
aus brachten sie die Araber nach Spanien und
Sicilien, und die Erzeugnisse dieser Länder

Kunstflewerbeblatt. V

waren es, die den Meistern von Pesaro, Dernta
und Gubbio als Vorbilder gedient haben.

Als die ursprüngliche Heimat der Fayencen
mit Metallreflex betrachtet man gewvhnlich
Persien, weil dort lüstrirte Fliesen als Wand-
bekleidung mittelalterlicher Moscheen noch zahl-
reich erhalten sind, während in den westlichen
Ländern des Jslam derartige Denkmäler fehlen.
Jn vielen Fällen wird die Annahme, daß die
Araber ihre technischen Kenntnisse in knnstge-
werblichen Dingen von den Persern übernommen
haben, das Richtige treffen; hier aber ist ein
Beweis dafür nicht zu erbringen. Es sind im
Gegenteil mehrfache Gründe vorhandcn, welche
Ägypten den Vorrang zuweisen, obwohl durch
Jnschriften festgestellt ist, daß manche der per-
sischen Fliesen noch aus dem Beginne des
13. Jahrhunderts herriihren. Für eine hoch-
entwickelte Fabrikation der Fayence mit Gold-
glanz in Ägypten haben wir als litterarischen
Nachweis schon für das 11. Jahrhnndert das
Zeugnis des persischenReisenden Nassiri Chosrau
vom Jahre 1048. Unter den industriellen Er-
zeugnissen Ägyptens, die er der Erwähnung sür
wert hält, erregen seine besondere Bewunderung
die goldig schimmernden Fayencen von Misr,
einer Vorstadt von Altkairo oder Fostat. Jm
Schutte dieser Stadt Fostat, in der Nähe des
heutigen Kairo, die im 12. Jahrhundert gänz-
lich zerstort worden ist, haben sich zahlreiche
Bruchstücke von Gefäßen gefunden, die mit
Tieren nnd menschlichen Figurcn, mit Blatt-
werk nnd Schriftzeichen in Goldlüster verziert
sind. Dies sind die nachweislich ältesten Reste
derartiger Fayencen, und die Beweise zngleich


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