Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — 5.1889

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Zur Stilfrage.

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dieselben bestellt und wo sie gewebt wurden, renaissance aus dem glcinzenden Kreis damaliger
sowie nach sorgfältiger Vergleichung der Vor- Künstler den einen, der den Entwnrf geliefert
handcnen Kunstdenkmäler italienischer Früh- hat, mit Bestimmthcit zu ncnnen.

Zur ^ t i l f r a g e.

Von U). Aoopmann.

Jn Nummcr 5 dicscs Jahrganges des
Kunstgewerbeblattes ist dic Frage ausgeivorfe»,
weshalb immer noch ein originaler Stil im
Kunsthandwerk unserer Zeit fehle.

Es ist gewiß berechtigt, wenn das Nach-
ahmcn berühmter Stile allmählich ein Gefühl
des Überdrusses hervorrust, namentlich, wenu
man die vcrkrüppelten Formen sieht, welche an
den Fassaden des gewöhnlichen Wohnhauses und
bei der „stilvollen Einrichtung" moderner Wohn-
räume znm Vorschein kommen. Fraglich ist es
nnr, ob ein Überfluß au Kenntnissen das Hin-
dernis ist, weshalb ein neuer Stil noch nicht
gefunden ist; fraglich ist, ob wir uns zwingen
könncn, einen neuen Stil zu findeu.

Gewiß ist es logischer, in den Gewerbe-
schulen erst die Natursormen zu lehren, dann
die Stilformen, denn erstere sind das Primäre,
letztere das Abgeleitete; immerhin sind auch tüch-
tige Künstler ausgebildet, wclche zuerst die Stil-
sormen gelernt haben.

Wichtiger ist es, daß der Schüler das
Studium der Natur und das Studium der
mustergültigen Meister gründlich genug betreibt,
um geistig unabhängig werden zu können.

So groß der Rcichtum an Keuntnisscn sein
mag, welche der einzelne erwirbt, durch Kennt-
nisse allcin, welche nur ein gutes Gedächtnis
erfordern, kommt man nicht zu produktiver
Thätigkeit; Keuntnisse sind nur die Anrcguug
sür deu schöpferischeu Geist, um die richtige
Form für das kiinstlerische Empfinden des lebcn
den Geschlechtes zu finden.

Daß diese Form bisher eine unbestimmte
geblieben ist, wird wcniger Wunder nehmcn
wcnn wir uns erinnern, scit wie kurzer Zeit
erst eine zielbewußte Bewegung zur künsileri-
schen Förderung des Handwerkes ins Leben ge-
rufen ist. Seit dreißig bis vierzig Jahren

etwa haben sich Gewerbeschulcn nnd Provinzial-
museen diese Ausgabe gestellt.

Durch diese beiden Faktoren ist bereits ein
großer Umschwung in unseren Anschauungen
über Kunstgewerbe hervorgerufen. Die ein-
fachen Lebensgewohnheiten unserer Eltern waren
eine Nachwirkung der Besreiungskriege; die
deutschc Kunst liegt seit dem Dreißigjährigen
Kriege darnicder; und doch giebt es jetzt schon
kaum ein Hauswesen, das nicht durch gewähl-
tereu Geschmack wohnlicher geworden wäre.

Für stilvolle Stickereien, fiir gute Tischler-
arbeit, für Farbe und Muster der Stoffe — nm
eine besondere Sache zu nennen: für geschnittene
Lederarbcitcn — ist ein Verständnis wach ge-
rnfen, das srühcr nicht vorhanden war.

Jn großem Maßstab erkennt man die ver-
änderten Verhältnisse, wenn man die Ncsidenz
Berlin zur Zeit des Regierungsautritts Kaiser
Wilhelms I. mit der änßeren Erscheinnng der
Reichshauptstadt und dcn Lebensgewohnheiten
ihrer Bewohner beim Rcgierungsantritt Kniscr
Wilhclms II. vcrgleicht. Aber für die Ent-
wickelung eines neuen, originalen Stils sind
dreißig bis vierzig Jahre ein kurzer Zeitraum.
Allerdings leben wir in eincr schnelllebigen
Zeit und die Geschmacksrichtung der großen Ver-
kehrsceutrcn teilt sich nnmittelbar dcr Peripherie
mit. Wenn man also überall an der Vervoll-
kommnuug verschicdener Jndnstriezweige arbeitet,
wird das immer eine gewisse Wirkung haben.
Ehe dieselbe aber stark genug ist, um eine Gegen-
wirkung auf die Jndustrie auszuüben, muß ein
allgemeiu verbreitetcr Bedarf für kunstgerecht
hergefiellte Gebranchsgegenstände vorhanden sein.
Dieser Bedarf ist jedoch nicht vorhanden; die
große Mehrheit der Bevölkerung kommt kunst-
gerechten Zierformen noch nicht mit Verständ-
nis eutgegen, sie hat nicht vermocht, mit den
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