Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — 5.1889

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Bücherschau.

bildeten Schlitten in Gestalt eines Seepferdes
mit samt dem ganzen Geschirr. Der Untierleib
ist dem Holzbildhauer nicht so ganz gelungen,
wenigstens zeigt er eine gewisse Ungelenkigkeit
in den Linien, allein der allgemeine Eindruck
ist doch immer ein höchst stattlicher nnd fast
vornehmer. Jm Jnnern ist nur Platz für eine
Dame, hinter ihr auf der Pritsche saß der fahr-
kundige Kutscher. Zur Pferderüstnng gehört
ein gewundenes uud vergoldetes,langesHorn,wel-

ches das Roß zum fabelhaften Einhorn stempeln
sollte, und das hier abgebildete Knmmetgeschirr,
dessen Hörner, der ganzen Komposition ent-
sprechend, als delphinartige Seetiere gcstaltet
sind. Die ganze Arbeit ist nachweisbar von
einem Magdeburger Meister 1780 gefertigt
worden nnd beweist, wie tüchtiges Können dcn
Handwerksmeistern einer Zeit inne wohnte, dic
sonst in so einseitiger Weise verschrien ist.

L. Clcricus.

Vücherschau.

XXI.

Friedr. Lrull, Das Goldschmiedeamt zu
Wismar. 54 u. XII S. 2 Taf. Wismar,
Hinstorff 1887.

R.— Ein großer Teil der neuerenVeröffent-
lichungen für die Geschichte der Gvldschmiede-
kunst geht insofern einseitig vor, als Denkmäler
und Urkunden meistens getrennt herausgegeben
werden. Wohl gewinnen wir dadurch eine aus-
gedehnte Monumentalkenntnis und eine gewal-
tige Urkundenlitteratur, aber die Verarbeitung
beider ineinander, welche das Material erst wirk-
lich fruchtbar macht, steht uoch aus. Versucht
man sie auf Grund der vorhandenen Litteratur
vorzunehmen, so bemerkt man bald, daß die be-
kannt gemachten Monumente und die abge-
druckten Urkunden und Akten sich nicht decken, daß
man auf zwei parallelen Linien fleißig gearbeitet
hat, die sich aber nirgends berühren, sich nicht
vereinigen zu einem deutlich erkennbaren Strich,
der einen wirklichen Gewinn für die Geschichte
der Goldschmiedekunst andeutet. Von greif-
barerem Nutzen sind diejenigen Arbeiten, in
welchen Urkunden und Denkmäler gleich in Be-
ziehung zu einander gesetzt sind. Eine solche
ist das Buch von Crull.

Auf Grund eines umfangreichen Materiales
untersucht der Verfasser alle wichtigeren Ver-
hältnisse der Wismarer Goldschmiedezunft, und
versteht es diesem eng begrenzten Gebiete ein
erhöhtes Jnteresse zu verleihen, indem er die
verwandten Verhältnisse in Lübeck, Hamburg
und Lüneburg mit in seine Betrachtung herein-
zieht und uns so ein hochinteressantes, abge-
rundetes Kulturbild entwirft.

Jn Bezug auf das erste Auftreten der

Zünfte überhaupt spricht sich der Verfasser
so aus:

„Die Zünfte so wenig wie das Rittertnm
sind von einem einzelnen erdacht oder aus legis-
latorischen Akten oder konstituirenden Ver-
sammlnngen hervorgegangen. Das Bedürfnis
führte die dnrch gleichen Betrieb verbundenen
Handwerker zusammen, und die so entstehcnden
Gruppen nahmen vermöge der Organisations-
fähigkeit der mittelalterlichen Welt alsbald fcste
Normen an und entwickelten aus ihreu Gewohn-
heiten bindende Satznngen. Gewiß, irgendwo
hat sich die erste zunftartige Vereinigung ge-
bildet, ist aber schwerlich auch das Vorbild aller
übrigen gewesen, und vielmehr der gleiche Pro-
zeß zu derselben Zeit, hier früher, dort später,
überall vor sich gcgangen."

Die älteste Erwähnung einer Zunft findet
er 1149 in Kvln, das älteste Privileg von
Goldschmieden 1231 in Braunschweig, dcn erstcn
unzweideutigen Nachweis aber eiuer organisirtcn
Goldschmiedezunft in Wismar erst 1355. Fast
ein Jahrhundert dauert es bis eine Stempelung
durch Meister- (1439) und Stadtzeichen (1441)
vorgeschrieben wird. Von diesem Zeitpunkte
an wird es nlso möglich sein, Wismarer Gold-
schmiedearbeiten mit Sicherheit nachzuweisen, und
wenn man die ältesten unter ihnen genau stu-
dirt, Rückschlüsse zn machen auf die dcr Periode
der Stempelung vorausgehenden alten Wis-
marer Goldschmiedcarbeiten; hierin eben, dnrch
Anwendung dieser induktiven Methode findet
das ganze Studium der Goldschmiedemarken
seinen wichtigsten Abschluß.

Nebcn den in dcn alten Rollen enthnltcnen
Verordnungen über die Stempeluug sind für
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