Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — 5.1889

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Schmicdcciscriics Gittcr. Müncheii, Bayr. Natioiialmiiscuiii. Ausgcii. v. F. Liugcnfcldcr.

^ranzösischer Linband.

(Zu dcr Farbcntafele

Jean Gwlicr, ein fraiiz ösischer Ztlhlmeister
unter Franz I., Heinrich II. und Franz II.
lernte während seines dienstlichen Aufenthalts
in Jtalien die dortigen, nnter arabischem Ein-
fluß entstandenen Einbände kennen und ver-
pflanzte diese Einband- und Verziernngsweise
nach Frankreich, wo er alsbald eine Anzahl Nach-
ahmer fand, als deren Förderer sein königlicher
Herr und Freund, Heinrich II. obenan stand.
Es gehörte damals eben zum guten Ton, eine
schön gebundene Bibliothek zu besitzen, man
schätzte den Einband oft höher als das Werk.
Obgleich es durchans verkehrt ist, das Buch
ohne Rücksicht auf dessen inneren Wert kost-
bar einzubinden, so hat doch diese Liebhaberei
dcm damaligen Buchgewerbe einen bedentenden
Ansschwung in knnstlerischer Richtnng gegcben,
mehr als dies die heutige sogenannte „Gefchenk-
litteratur" im stande ist; so mancher Einband
ist hier weiter nichts, als der Sarg sür tot-
geborene Geisteskinder.

Jnsbesondere beliebten die damaligen Buch-
binder die Anwendung des sarbigen Bandorna-
ments (das in den meisten Fällen als Leder-
auflage, zuweilen aber auch als Farbenanftrag
zur Geltung kam) und die Vergoldung mit

Bogen nnd Stempeln in oricntalischcn Motivcn,
die aber nicht volle, sondern schraffirte Gra-
virung zeigen. Jn Frankreich wird noch jctzt
dicse Art der Gravirnng als „kors aiturös",
die ganze Verziernngsweise als „Oonro Orolior"
bezeichnet.

Dieser Richtnng Grolicr gehört der Band
an, von dem wir auf beiliegendcr Tafel cine
farbige Abbildung gebcn; cr ist für Franz Vvn
Lothringen, Herzog von Guise, genannt „Iw
llalakrv" gearbeitet und trägt dessen Wappc».
Er ist offenbar crst gegen Mitte des 16. Jahr-
hunderts gebnndcn, nachdem auch Grolier sclbst
seincn Höhcpunkt errcicht hatte. Wir findcn an
diesem Bandc bereits dic Spiralschnecke, die sich
gegcn Ende desselben Jahrhunderts zu dcr
etwas geschraubten „tanlars" ausbildctc, wie
sclbige von dcn beiden Eve mit Vvrlicbc an-
gewcndet wurde, und fast scheint die Lorbcer-
ranke im Mittelfelde auf eincu dicser bcidcn
Meister hinznweiscn.

Die Eckstempel in ihrer bercits stark na-
turalistischen Zcichnung passen nicht zn den
andercn Stcmpeln dcr strcngercn Richtung und
wcisen cbenfalls auf cine spätcrc Einbandzeit
hin. P. Adam.
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