Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — 5.1889

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Vücherschau.

IX.

LerdincmdQlthmcr, Gold und Silbcr. Hcind-
buch dcr Edelschmiedckuiist. Bcit 53 Ab-
bildungeiu 272 S. 8". Lcipzig, E. A. See-
iiinim. Br. 3-60 M., gcb. 4.50 M.

Dcis Erscheiuen cines uciieii Secmciimschen
Kniisthcmdbnchcs ist sür die bcteiligtcn weiten
Krcise ein Ereignis. Keine cindcre Publi-
kation komnit dem dringenden Bedürfnisse ein-
gehender Belchrnng durch Schrift und Bild
nnf dem Gcbiete des Kunsthandwerkes in so
eminent praktischer Weise entgegen, wie diese.
Der dritte Band dieser Reihe, der nns jetzt
borliegt, schliestt sich seinen beiden in meister-
hafter Weise von Professor F. S. Meyer be-
arbeiteten Vorgiingcrn über Ornamentik und
Schmiedekunst gut an. Er ist verfaßt von
Professor Ferd. Luthmer, dem seingebildeten
Künstler und geschmackvollen Schriftsteller, dem
wir gerade auf dem Gebiete, das er hier be-
handelt, schon wertvolle Arbeiten verdanken.

Jn einer Einleitnng, die ungemein klar
nnd lichtvoll gearbeitet ist, bespricht der Ver-
fasser die verschiedenen technischen Prozeduren
— läßt auch die neuesten Errnngenschaften auf
diesem Gebiete, wie das ömail ü jonr, nicht
aus — nnd giebt das Wichtigste über den
Schliff dcr Edelsteine. Er versucht für die
verschiedenen Techniken die Ausdrücke zu prä-
zisiren und benennt u. a. das freie Blattwerk
an den silberncn Pokalcn, für das man lange
einen passenden Ausdruck gesucht hat, mit dcm
englischen Worte sorollcvorlc. Von dem eigen-
tümlichen Qnerschnitt, den man beim Tanschiren
der ausgehobenen Metallrinne giebt, sagt er, dast
er „hinter sich gehe"; daß er schwalbenschwanz-
formig sei, wäre vielleicht besser gesagt. Beim
Nicllo ist die Bemerknng gewiß richtig, daß das
Wiederanflebcn dieses Knnstzweiges in Dentsch-
land, obgleich er im Mittelalter und zur Zeit
der Renaissance bei uns heimisch war, dennoch
dnrch ausländische Anregung erfolgt ist, nnd
zwar ist die russische „Tulaarbeit", deren Be-
kanntschast wir anfjden Weltausstellungen ge-
macht haben, der Ansgangspnnkt gewescn.

Kunstgwerbeblatl. V.

Nebenbei sci aber bemcrkt, daß dns älterc Ccntrum
dieser Technik nicht Tnla ist, sondern Weliki
Ilstjng im nordlichcn gi'ußland. Eine alte Zunft-
ordnung verlangte dort, daß das Niello so sest
am Mctall hafte, dnß es nicht springt, wcnn
die Metallplatte dnrch Hämmern ansgedehnt
wird. Jn Bezng anf das Email macht dcr
Verfasser die treffliche Bemerknng, daß man aus
altcn noch erhaltenen Nissen besser als aus den
„gründlich gereinigten" Originalen erkennen
kann, mit welcher Decenz die alten Bieister in
der Polychromirung ihrer Silbergeräte vor-
gingcn. Wenn es dem Verfasser vergönnt ge-
wesen wäre, in seinem Bnche eine Farbentafel
nach jenem herrlich leicht mit Farben angelegten
Pokale zn bringen, der sich, ich glaube, in der
Jamnitzermappe des Städelschen Jnstitutes be-
findet, so würde das für unsere Meister eine
treffliche Belehrnng gewesen sein. Auch ich
glaube, wie der Verfasser, daß es sich in diesen
und in ähnlichen Fällen iim „kaltes Email"
handelt, d. h. um Lackfarben. Nachdem Drach
neuerdings aus alten Niederschriftcn festgestellt
hat, daß man in früheren Jahrhundertcn Schmelz
für das (geschmolzene) Email gesagt hat, könneii
wir vielleicht mit diesen beiden Worten: Schnielz
und Lack auskommen nnd branchen die Be-
zeichnung „kaltes Email" gar nicht mehr.

Jn Bezug anf die geschnittenen Steine
wäre ein Hinweis auf die vorzügliche Arbeit
von Fnrtwängler im Jahrbuch des Archäolo-
logischen Jnstitnts von 1888 wohl besser am
Platze, als auf die „Fachlitteratur", ohne Angabe
eincs Namens.

Den historisch zn behandelnden Stoff greist
Luthmcr sehr geschickt von zwei Seiten an. Er
trennt den Schmnck von den Gefäßen, wie wir
ja heute gemeinhin zwischen Juwelier- und
Silberarbeit unterscheidcn, nnd giebt zunächst
einen Überblick über das Geschmeide, in welchem
ich nur ungern die sür unsere heimische Kunst-
geschichte so wichtigen Schmnckfnnde ans der
Merovingerzeit vermissc. Abbildungen dieser
hochinteressanten Denkmäler hättcn mit größter
Leichtigkeit ans dem Lindciischinitschen Hand-

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