Verband der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein [Editor]
Die Rheinlande: Vierteljahrsschr. d. Verbandes der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein — 5.1902/​1903

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8a1to mortale.
Novelle von ^akob Losskart.
I.

r war von einem Zirkus
gefallen, wie etwaLinge
von einern Larren rut-
scben und irgendwo
am Wege liefen klei-
den. Line Anzeige irn
il'agblatt^ sükrte idn in
die Lcklauckgasse, in
die Lacbwoknung eines Koben, alten Hauses,
2U der Witwe Veline Lädeli, bei der er ein
sedr descdeidenes Ltübcben mietete, mit einem
Lett, einem lüscbcben, zwei Ltüblen, einer
Lommode, die als Wascbtiscb dienen musste,
und einem tannenen Lasten, alles abgenutzte
Lade, mit Llölsen in Lack und Larbe, mit
Lissen und Lücken und sogar mit Lrandwunden:
jedes Ltück musste eine lange, sckmerzücke
Qescbicbte baden.
Lr sab über diese Lcbäden gleicdgültig binweg,
er zeigte sür jegücben Luxus die Veracbtung der-
jenigen, die entscblossen sind, mit Lägeln und
Zäbnen den Lamps ums täglicke Lrot auszu-
secbten. Lnd wer idn ansab, den seltsamen
Mann, süblte wobl die Lntscblossenbeit in ibm
arbeiten. Lrwar mittelgross, bager, eckig in den
Lormen, aber gescbmeidig in den Lewegungen.
Lein Lopf scbien nicbt gewacdsen, sondern von
ungescbickter Land ins Qrode gescbnitzt: Ltirne,
Lase, Lackenknocben, Linn, alles stacb kantig
und trotzig bervor, dazu gesckaifen, Ltösse aus-
zusangen und zu vergelten, und über das ganze
Oesicbt zog sicb eine ausgelaugte Laut, wie
man sie bei Lcdauspielern siebt. Lis dunkeln
^ugen staken ties in dem Lnocbengedälk drin
und lauerten beständig aus gut Olück; sie konnten
mild sein wie Ocbsenaugen, aber in unbewacb-
ten Momenten stecken trotz einem Lorn. MitWor-
ten war er sparsam, aber wenn er sprack, so
tbat er es immer zwielacb, mit den Lippen und
mit den deweglicben ausdrucksvollen Länden.
Valentin Läderle liess sicb der wunderlicbe
Mann nennen. Leiner Lpracbe nacb musste seine
Wiege irgendwo im Lcbwadenland gestanden
baden; das war aber aucb alles, was man von
seiner Jugendzeit mit Licberkeit erscbliessen
konnte: seine Lücke waren nacb vorn, aus Lrot
und Zukunst gericbtet; was binter ibm lag, war

sür ibn tot und adgetban, davon liess er kein
Wort verlauten.
Linstweilen batte er in einer Leitanstalt sür
die Vormittagsstunden Lescbältigung und damit
ein kärglicbes Lrot gesunden, ^eden l'ag, zur
Lommer- wie zur Winterzeit, verliess er das
Laus um secbs Lkr morgens, nacbdem er sicb
von der Lrau Zöbeü eine l'asse Milcbkaksee batte
reicben lassen. Die Mittags- und ^bendmablzeiten
genoss er, obne zu deren Zubereitung fremde
Lände in ^nsprucb zu nebmen, aus seinem Ltüb-
cben, in dessen Wänden und Möbeln sicb nacb und
nacb ein satter Qerucb nacb Läse, Lnoblaucbwurst,
Laucbspeck und andern Magenstoplern eingenistet
batte. Zuweilen, wenn es den Lerrn Valentin
Läderle nacb etwas Leimatücbem gelüstet batte,
drang der Oerucb von Limburgerkäse selbst in
die Wobnstube der Lrau Leüne Zöbeli ein, die
dann wobl etwa die Lase rümpfte und ibr ärger-
ücbes ,Llui Luckuck!* ausstiess, jedocb an zweck-
dienlicber Ltelle keine Linspracbe erbob. Oenn
sie war im übrigen mit ibrem „Zimmerberrn"
reckt wobl zufrieden: er war anständig und
begück pünktück je am Lrsten des Monats seine
Lecknung, wobei er nie vergass, zu dem gedul-
digen Lümmcben ein Zwanzigrappenstück als
Zeicken seiner Zufriedenbeit binzuzulegen.
Leüne Zöbeü war eine geplagte Lrau. Lie
verdiente ibren Lebensunterbalt meist aus den
Lnieen, als Lutzerin in fremden Läusern. ^.m
Morgen, nacbdem die Lausgescbäste zur Lot
besorgt waren, kastete sie fort, kebrte um Mittag
scbneü in ibre Wobnung zurück, um ibre Linder
zu speisen, und verscbwand dann wieder wie
ein Lcbatten. Leben der Last der Arbeit trug
sie nocb den Lummer um ibren toten Wilbelm
und die scbmerzücbe Lrinnerung an ein paar
gute ^abre mit sicb Kerum, und darunter litt
sie sckwerer, als unter dem andern.
Ibr Mann war Weicbenwärter im Labnboke
gewesen und batte vor drei ^sabren zwiscben
zwei Qüterwagen einen Augenblick der Lnacbt-
samkeit oder den Lebler eines andern mit dem
Leben bezaklt. Lie Qeseüsckast bot der Witwe
eine kleine Lntscbädigung an, ein Almosen, denn
sie glaubte beweisen zu können, dass Zöbeü sein
Lnglück selbst verscbuldet und ibr zudem grossen


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