Verband der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein [Editor]
Die Rheinlande: Vierteljahrsschr. d. Verbandes der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein — 5.1902/​1903

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vu^ch die Nscht.

eine Dichtung von Detlev von Liliencron.

Zuweilen mach ich durch meine einsame Segend
Linen Uachtfpaziergang.
Um lag begegn' ich auch leiten einem Menschen
ln meinen Heiden und Leddern,
Zwischen meinen geheimnisvollen 5umpf!öchern
Und düftern Mooren.
Und das ist wundervoll.
Uder nachts - ganz ohne Menschen:
jeder stimmt mir bei: Das ist noch wundervoller.
Herbstfommer. sternenhelle. Kühle tust. Windstille.
5chon geh ich eine halbe stunde
Durch die Dunkelheit,
plötzlich springt einer
Uus dem knick auf mich zu
Und fragt mich im Latz:
„List du's, ludumurski?"
Nein, ich heitze lubumirski,
Untwort ich.
Der Kerl verschwindet brummend.
Uber ich fasse doch meinen Knüppel fester,
Und sehe, wie die Weiber das können,
tm vorwärtsgehn nach rückwärts,
keiner folgt mir.
Unendlich schöne Uacht.
lch komme einer starken Dirke,
Die ich genau kenne, vorbei,
kaum kann ich die weitze Darbe
Ihrer Korkrinde gewahr werden.
Ich bleibe stehn und lehne mich an sie.
Und dann leg ich mein Ohr an den Ztamm:
Srzähl mir aus deinem leben,
Oder wie du lebst und stirbst,
Immer wieder von neuem lebst und stirbst.
Ich horche und horche,
Ich halte meinen Utem an.
Zwei alte wackre krähen,
Die oben bäumen bis zur frühe,
Um dann weit wegzustreichen zur Usung,
51ehn klatschend auf aus den Zweigen,
höchst übelgelaunt
Uber meine unnötige Störung.
I bieth holt serr uhm Verzeihung.
Ich wandre weiter.
Ein Wiefel huscht über den weg,
Uuf feinem Raubzug von mir erschreckt.
Mille pardon, mon eher brigand.
Ich bleibe wieder stehn.
Ich versuche, irgend einen Ion zu hören.

lautlos.
Uber da ist es mir,
Uls hört ich aus ganz ungeheurer lerne
Das Stampfen von hunderttausend Pufferkolben.
Sanz, ganz leise tönt es her.
Das gleichmässige Zerstampftwerden der Mensch-
Das Semurmel der Welt. sheit.
wie ich mich wieder in Uewegung fetze,
wandern rechts und links von mir
Zwei - „Ustralleiber".
Ss sind die teutschen lgriker
lutlitut und pieplipiep.
Ich gebe ihnen sofort
Sinen tüchtigen Iritt.
5ie lösen sich, Sott sei Dank, auf.
Ich bin wieder allein.
0 unvergleichlich schöne Uacht.
Mit deinen schwarzen lüchern
Uedeckst du das leben:
Die liebe und den Hass.
lauern im Kreuzweg dort
Die Srinngen auf mich?
hör ich ihr Nüstern?
Riech ich schon den Oualm ihrer Dackeln
Und seh den 5chein der Nammen im obern laub?
schielen sie schon um die Scke?
Um, hochgeschürzt wie zum Wettlauf,
In der Rechten die neunschwänzige Katze,
Mit grässlichem Seschrei hinter mir herzujagen?
Die Srinngen sind die Dreieinigkeit
Des bösen Sewissens.
säumig sinkt die Uacht weg, die Zterne sterben,
Und die Morgenröte
Zchickt ihre ersten vedetten vor.
Ich biege aus meinen Uebenwegen ein
Uuf die Chaussee
(„Kunststrasse" kann ich leider immer noch nicht
Ulles liegt im 5chlafe. sagen.)
lutlitut und pieplipiep
könnten noch nicht die „süssen Immelein" besingen.
Märchenhaft ragt
Uber weite Stoppelfelder weg
Sin langer labrikschornftein,
5charf abgehoben
Segen einen ockergelben Himmelsstreifen.
Sin Rauch zieht daraus nach 8üden,
In durchaus wagerechter linie,


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