Verband der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein [Editor]
Die Rheinlande: Vierteljahrsschr. d. Verbandes der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein — 5.1902/​1903

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OeorA Lüelmer.

ie Qeneration, die beutxutage das Qeistes-
leben Liier wabrbaft neuwertigen IVlen-
scben umgreift, Kat nur nocb gewisse
L^mpatbien kür die Bestrebungen, denen
in den acbtrebnbundertdreiisiger und
-vierziger ^abren die fugend nacbbing, 2U der
Qeorg Bücbner gekörte — nur S^mpatbien
für das Jugendliebe, das in jenen Bestrebungen
steckte, weil rnan selbst eine Jugendliebe Qenera-
tion ist und Kämpfen muss. Oie Bestrebungen
an sieb sind uns gleicbgültig geworden und
unser Kampf ist ein gan^ anderer, rnit anderen
lVlitteln 2u anderen Zwecken wird er gefübrt.
Oarnals ging es um politisck-patriotiscbe Ideale,
und die Walle war Opposition. Beute gebt es
vorwiegend urn ästbetiscb-kulturelle Ideale, und
was rnan erstreben will, ist irn allgemeinen
eine Brböbung des Bebens, Bescbleunigung des
l'empos, in dein es gebt, Verzierung der Stadien
und Stunden, in denen es einmal rubt. Soweit
der Staat dabei entgegen-
kommt, killt oder sogar
selbst die Bübrung über-
nimmt, lässt man es sieb
dankbar gefallen. Soweit
er aber bemmen sollte,
versucben sollte 2U bem-
men, 2uckt man nur die
^cbseln und springt ein-
facb über die Knüppel
binweg, die man vor-
balten möcbte. Oie per-
sönlicbe Breibeit bat man
ja jet^t dazu. Back den
Befreiungskriegen aber,
die die Befreiung nur
nacb aussen bin bracbten,
in der ganzen ersten
Hälfte des vergangenen
^abrbunderts,jener ängst-
lieben, innerlicb bedrück-
ten 2eit batte man diese
Breibeit nickt: Das ist im
wesentlicken der Onter-
scbied. Ond der Qegner
der jungen Qeneration
von beute ist weit weni-
ger in bestimmten Stän-
den, Klassen oder gar
einzelnen Bersonen 2U
sucben, als in bestimm-
ten Stimmungen dem
Beben gegenüber, lebens-
feindlicben Stimmungen
dem Beben gegenüber,
wie sie jeder lVlenscb
jeder gesellscbaftlicben
Scbickt, vorwiegend

natürlicb der altwerdende, 2U baben vermag. In
diesem Betracbt, dass uns alles uns^mpatbiscb
ist, was sicb alt gebärdet, ist uns dann s^rnpa-
tbiscb, was sicb jung gekalten, trüber einmal
oder beute. Ond damit ist uns eben aucb der
^.cbtundvier-igert^p s^mpatbiscb, der uns sonst
nicbts mebr angebt, vor allem aber künstleriscb
nicbts. In Dingen des Bebens wie des Sckalfens
sind wir dem Qriecbentum und der Renaissance,
von späteren Bmpbndungsspbären der so durcb-
aus modernen Ooetbescben oder Lz^ronscben
verbundener als der Bpocbe, die in der 2eitlolge
unmittelbar vor uns bergebt. ^stbetisck ge-
nommen, erscbeint uns der Stil der letzteren
antiquiert und von all^u eng gebaltener Beri-
pberie, als dass wir von unserem Qeküblsleben
etwas in ibm ausgedrückt bnden könnten.
Qeorg Bücbner mackt eine ^usnabme: er ist
der l^p des ^ckt^ebnbundertvier^igers, ricbtiger
^.cbtxeknbundertdreifsigers, mit der Anlage 2um
modernen B^p; sicber
dass diese Anlage, wenn
Bücbner nickt so trüb
gestorben wäre, nocb
einmal die Bübrung über-
nommen batte; so bat
die lVliscbung von Revo-
lutionär und kosmopoliti-
scbem Weltmenscb ibn
bloss problematiscb ge-
macbt, bewirkt, dass er
2U der Binie Klinger-
Ben^, Qrabbe, Qonradi
2u 2äblen ist, ?u jenen
blaturen, in denen die
Scbeidung einer alten und
neuen Weitaus cbauung
geistige Krankbeitspro-
2esse, nickt selten ver-
fall mit der Welt über-
baupt veranlasste. Ond
wem es Aufgabe ist,
festLustellen, in welcber
Weise diese Krankbeits-
pro^esse s^niptomatiseb
sind für einen grösseren
Qesundungspro^efs der
lVlenscbbeit überbaupt,
der kann an Qeorg Bücb-
ner nickt vorüber. Oer
lVlenscb, der er gewesen,
das Wenige, das er ge-
sckaffen, giebt wesent-
licke Hinweise auf die
^.rt, in der das innere
Qesicbt des Individuums
sicb seit Kundert ^abren
gewandelt bat: durcb





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