Verband der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein [Editor]
Die Rheinlande: Vierteljahrsschr. d. Verbandes der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein — 5.1902/​1903

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OLsariuZ von Hoistordaeli als Nira^olor^äkler.
Vortrag ^skLltsn sut äer Osnsralversarrirrilun^ äss kistoriscken Vereins 5ür äsn I^lisäerrkein arn 14. v^ai 1902.
Von Professor Or. ^.1. Meister.

Läsarius von Kleisterbacb ist beute einer der
bekanntesten und beliebtesten Lcbriftsteller des
Mittelalters.
bliebt immer bat rnan ibn xu würdigen ver-
standen; nocb ist die 2eit nicbt allxu fern, da
sab rnan in ibrn nnr den Ort^pus des „bnsteren
Mittelalters", den klassiscbsten beugen stupidesten
Aberglaubens einer geistig tiekstebenden 2eit.
Zeine Oeicbtgläubigkeit ist in der l'bat so un-
glaublicb gross, der Wust von Aberglaube rnannig-
facbster ^rt so auldringbcb und die Wunder-
sucbt bei ibrn in so unendlicber Oülle aus-
geprägt, dass selbst kircblicbe Kreise sieb von
ibrn abwandten. Vor der Qemeingefäbrlicbkeit
seiner ^.lbernbeiten wurde gewarnt, und sein
Oialogus Miraculorurn Karn sogar in Spanien
auf den Index.
Wir fragen uns erstaunt: wober der Om-
scbwung? Wie Karn es, dass ein Mirakelerxäbler
in unserem erleucbteten Zeitalter wieder in Mode
kommen konnte? Das bangt in erster Oinie
damit Zusammen, dass wir beute sckon dem
Mittelalter ein viel grösseres Verständnis entgegen-
bringen, als das nocb vor einigen ^abrxebnten
der Kall war. Oie Orforscbung der viel ge-
sckmäbten und — allerdings aucb oft mils-
braucbten und mifskandelten Kulturgescbicbte
bat diesen Wandel gescbalfen. Zeitdsm sie
sieb immer breiteres l'errain eroberte, seitdem
sie bebarrlicb eine Leite unseres Volkslebens
nacb der andern auldeckte und bineinleucbtete
in Winkel und Kalten, die bisber kein Ltrakl
unserer Erkenntnis erleucbtet batte, seitdem
seben wir so mancbes mit ganx anderen ^.ugen
an, als es früber gescbeben war.
80 erging es uns aucb mit Läsarius von
Hcisterbacb. ^e mebr wir die vielgestaltigen
Oebenserscbeinungen des Mittelalters versteben
und in ibrem innersten Wesen xu begreifen
gelernt baben, desto mebr beginnen wir den
Oeistungen dieser vergangenen ^abrbunderte auf
dem Oebiete der Kunst, der Oitteratur und des
gesellscbaftlicben Oebens gerecbt xu werden.
Wir entdecken an den Produkten und an den
l'rägern der geistigen Kultur Leiten, denen man
früber keine Oeacbtung scbenkte, und so rücken
sie unversebens in eine neue, oft der trüberen
geradezu widersprecbende Oeleucbtung. Läsarius
ist jetxt unsere Oreude, er ist ein Oiebling des
Kbeinländers.
Was uns beute xu ibrn binxiebt, das ist das
Bewusstsein, dass wir in ibm das Lpiegelbild
eines bestimmten ^eitcbarakters voller lebrreicber
und interessanter 2üge erblicken. Leine Werke
sind für uns eine unscbätxbare Kundgrube für
Kulturgescbicbte, M^tbologie und Lagenkunde

geworden, Klat er aucb als l'beologe in Moral
und Homiletik und als gewandter Oiograpb sicb
bewäbrt, sein Oauptverdienst wird es bleiben,
dass er ein Orxäbler liebenswürdigster ^.rt ist
mit einer überaus ansckaulicken Oarstellungsgabe.
Läsarius ist wakrscbeinlicb 1170 in oder bei
Köln geboren und trat i. 1199 als blovixe in
das Oistercienserkloster Heisterbacb ein. Krst
8 ^akre stand die ^btei, seitdem sie i. 1191
von dem rauben Qipfel des Ltromberges in das
lieblicbe Waldtbal der Heister verlegt werden
musste. Oort, wo beute nocb die ernsten Ltein-
bilder des Oernardus und Oenedictus auf uns
kerabscbauen, wo jene weltberübmte Lborruine
mit webmutsvoller Kükrung unser Qemüt erfüllt,
das Wanderxiel eines endlosen Kremdenstromes
aus fern und nab, da bat all die ^abrbunderte
bindurcb die ^btei den Ltürmen getrotzt, „bis
im 19. ^abrbundert das Volk kommen musste,
das sicb so gern als l'räger der Zivilisation
rübmt, um ein erbabenes Oenkmal deutscber
Vergangenbeit xu Zerstören", ^ls das Herzogtum
Oerg an Krankreicb gekommen war, da wurden
i. 1810 durcb die dort eingesetzte franxösiscbe
Regierung die Kircbe und der darangrenxende
gotiscbe Kreuxgang mit Oulver auseinander-
gesprengt und die Lteine auf ^.bbrucb verkauft.
Oas war die Ltätte, wo Läsarius, der Orior
und blovixenmeister wurde, inmitten der jungen
Zöglinge des Klosters sals und ibnen seine
Anekdoten und Wundergescbicbten erxäblte. Ob
die träumeriscbe ^bgesckiedenbeit dieses berr-
licben Ordenbecks die Ltimmungen erzeugte und
die Kbantasie mäcbtig erregte? Wir müssen es
glauben; denn bier entstand ja aucb die von
X. Limrock in Verse gebracbte scböne Lage von
dem Möncbe, der an der Onendlicbkeit xweilelte,
mitten aus seinem Orübeln beraus dem Qesang
eines butternden Vögleins lauscbte und folgte;
und als er scblielsbcb seine Lcbritte ins Kloster
xurücklenkte, siebe da — rings um ibn lauter
fremde Oesicbter; — man bolt die Lbronik und
erfäbrt daraus, dass er vor 1000 ^sabren plötxlicb
verscbollen ist, und staunend erkennt er, dass
bei Oott ivoo ^abre einen 1?ag seien.
Läsarius tritt uns als ein überaus milder
und liebenswerter Lbarakter entgegen, als ein
feiner Oeobacbter mit einer bestrickenden Oben-
berxigkeit. Was uns an ibm missfallen könnte,
darüber baben wir nicbt mit ibm xu recbten,
das lag vielmebr begründet in der damaligen
Weltanscbauung, nocb daxu in ibrer speziellen
Lpiegelung beim Möncbtume. Läsarius selbst
ist objektiv genug, selten objektiv für einen
Möncb; sine ira et Studio betracbtet er die Welt
und urteilt über sie und über die Menscben.

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