Verband der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein [Editor]
Die Rheinlande: Vierteljahrsschr. d. Verbandes der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein — 5.1902/​1903

Page: 75
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/rheinlande1902_1903/0108
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile

k>iok. Wilk. Irübnsr
Frankfurt
Xlostsr 8sson in
Obsrbs^srn.
^.ns 6sr vierten
l akrssansstelinnK
von Werken I^rank-
kurter Xünstler.

^.N8 eLneni Vortrag: ^Va.8 18t äeut8e1ie Xuii8t?
Von W. 8teinbausen.

^ede Kunst ist ein krinnern!
Qiebt nns die Musil: mit der kmpbndung
den (Gegenstand xurück, so die Malerei rnit dein
(Gegenstand die kmpbndung vergangener 8tunden.
Was wir saken, clas liebten wir, darum sncbten
wir, es sestxubalten und es der enteilenden 2eit
xu entreissen, blun lebt es nns irn Dilde weiter
und ^anbert nns die kmpbndung des ersten
Wakrnebmens, die Öberrascbung von etwas nen
Entdecktem xurück. *
Oer Oentscbe bat den 8inn für das kleine
und kleinste wie für das Qrosse und Orosste.
Dürer liebte die kleinen Blumen am Wegsrande,
es mackte ibm Freude, das Oebeder eines Vogels
mit unxäbbgen kleinen Dinselstricben wieder-
xugeben oder die Leidenbaare eines Bäscbens,
die Barniscbe und Wallen mit ibren 8cbns11en
und 8piegelungen, die l'ürmcken und krker einer
Burg, das Innere eines Zimmers mit allen (Ge-
räten und all die tausend Dinge des täglicben
Debens. blicbts war ibm xu prosaiscb und
weniger sekens- und abbildenswert, l_lnd docb
ging seine Bbantasie weit darüber binaus:
Kümmel und Hölle, l'od und leuiel xog er in
seine Darstellung binein. 8icktbar wollte er die
gebeimnisvollen, die 8eele ersckütternden Bilder

der T^pokal^pse macben. Ibn drängte es, durcb
die Bvangelistengestalten seine innerste Öber-
xeugung von der Wabrbeit des Evangeliums
allen kund xu tbun, und um nicbt missverstanden
xu werden, scbrieb er Worte voll Kraft unter
die Bilder. *
Ond nocb Btwas stebt gross vor der 8eele
des Künstlers: blicbts kannst du verbergen, deine
8acbe wird in deinem Bilde, deinem Werke
verbandelt; darum aber, um dicb selbst geben
xu können, obne einer Anklage gewärtig xu sein,
musst du selbst dick rein süblen, deiner Ver-
antwortung bewusst. Denn ^eder Künstler ist
entweder ein Wobltbäter oder ein Verlukrer
des Volkes.
blun ist vielsacb bei uns durcb den kunst-
gewerblicben Biniluss die dekorative Wirkung
des Bildes xum ausscblaggebenden Baktor ge-
macbt worden. Dieses Llement ist sreilicb das,
was den Bescbauer xuerst in Bescblag nimmt,
ibn xuerst fesselt — aber aucb am scbneUsten
wieder loslässt; und icb meine, es liegt dem
deutscben Bmpknden am fernsten. Wir wollen
mit unserem ganxen Menscben, aucb wenn wir
scbauen, beteiligt sein — und wir merken bald,
wo wir xu kurx gekommen sind.

75
loading ...