Zeitschrift für christliche Kunst — 3.1890

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Abhandlungen.

Spätgothisches Schau-Altärchen.

Mit Lichtdruck (Tafel I).

olychromirt wurden bis zum
Schlüsse des XIV. Jahrh. wie
in Deutschland, so in den
Nachbar-Ländern wohl alle
' Holzfiguren und auch bis ins
XVI. Jahrh. wurden noch die
meisten von ihnen kolorirt
mit Einschlufs der architek-
tonischen Fassung, die sie zu
umgeben pflegte. Dafs dieser
farbige Schmuck nicht nur den grös-
seren Figuren und den derber behan-
delten Ornamenten zu Theile wurde,
sondern auch den feinsten und sub-
tilsten Gebilden des Meifsels, beweist
auch das hier in Lichtdruck wieder-
gegebene Wand-Altärchen, welches
vor Kurzem in die Kunstsammlung
des Freiherrn Albert von Oppenheim
zu Köln Aufnahme gefunden hat. Dasselbe
(140 cm hoch u. 74 cm breit) ist in Lindenholz
ausgeführt und mit Glanzvergoldung versehen,
einige Theile ausgenommen, namentlich einzelne
Untergewänder von Figuren, sowie die Blenden
und Kehlen der Architektur, die theils (vorwie-
gend) blau, theils roth behandelt sind.

Der Anordnung des Ganzen liegt die Drei-
theilung zu Grunde. Die breite Mittelnische
wird durch die Darstellung der Anbetung des
neugebornen Jesukindes ausgefüllt, je ein auf
Säulen stehender Engel dekorirt die beiden
schmalen Seitennischen. Diese werden durch
je zwei stämmige Säulen eingeschlossen, die das
eigentliche Gerippe der ganzen Anlage bilden,
indem sie sich als Sockel nach unten, als Pyra-
miden nach oben entwickeln. Den beiden Innen-

Die obige Initiale ist dem Kodex XXXI der Kölner
Dombibliothek entnommen, der das S. Amhrosii Hexae-
meron und S. Hicronymi advcrsus Jovinianuw libri
duo enthält. Der im Original 16 cm hohe nur mit
Mennig ausgeführte Buchstabe zeichnet sich durch un-
gewöhnlich reiche Blattornamentik aus (XI. Jahrh.).

säulen entwächst die überaus leichte und ele-
gante Mafswerkbekrönung, sowie der rechteckige
Aufbau, der ihr als Hintergrund dient. Eine
etwas gröfsere freistehende Figur gibt dem von
zwei fliegenden Engeln belebten Ziergiebel einen
passenden Abschlufs und in je ein Engelfigür-
chen laufen auch die beiden Seitenerker aus.
Noch kleinere, nur 8Y2 cm hohe Heiligen-Sta-
tuettchen beleben, auf Miniatursockeln stehend
und von Baldachinchen iiberfangen, in zier-
lichster Anordnung den Unter- wie den Ober-
bau. Dem Reichthum, der in dieser sozusagen
Aufsenarchitektur sich kundgibt, entspricht auch
die Innendekoration, d. h. die Ausstattung der
Nischen wie des Untersatzes. ' Der letztere ist,
entsprechend den Zierbögen, mit Gewölbeanlagen
versehen, ein Beweis dafür, dafs das Altärchen
hoch genug aufgehängt werden sollte, um auch
unterwärts beschaut werden zu können. Ein Netz-
gewölbe überfängt auch die Mittelnische ent-
sprechend dem flachen Bogen, der nach unten
zum Vorhangbogen sich gestaltet und nach
oben in der geistreich spielenden Art der
spätgothischen Holzarchitektur in Mafswerkver-
schlingungen auswächst. Ihr neckisches Linien-
spiel erfährt durch den Hintergrund und seine
Gliederungen eine ähnliche Beeinträchtigung,
wie die niedrigeren Seitennischen durch die
schweren Pyramiden-Aufsätze.

Der lebendigen Architektur entspricht ganz
die flotte Behandlung der Figuren, zu denen
jene den Rahmen bildet. Das Mittelgrüppchen
ist die im späten Mittelalter so beliebte Ver-
körperung des Satzes: „Quem genuit adoravit".
Auf dem Zipfel des Mantels der knieenden und
anbetenden Gottesmutter liegt vom Strahlen-
kranze umgeben das göttliche Kind, links knieet
ein Engel, rechts hockt der hl. Joseph, dessen
Knappsack und Pilgerflasche an der Wand han-
gen. Hinter dem Kinde kauern Esel und Ochs,
über denen durch eine Nische ein Hirt den
Dudelsack bläst. Hinter dem Stalle kommen
zwei Hirten zum Vorschein, auf dessen Dach
drei andere mit ihren Schafen lagern. Die lieb-
liche Szene erscheint so in einer überaus sin-
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