Zeitschrift für christliche Kunst — 3.1890

Page: 277-278
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1890.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 9.

278

Eine namenlose Kapelle in Trier.

Mit 11 Abbildungen.

enn sich ein abseits der grofsen Kul-
turlinien verstecktes Dorfkirchlein
dem forschenden Auge der Kunst-
historiker entzieht, so ist das eben
nichts Aufsergewöhnliches; dafs ich aber nach-
folgend ein interessantes, bislang völlig unbe-
achtetes Bauwerk zur Darstellung bringen kann,
das mitten in einer kunsthistorisch so bedeut-
samen und viel durchforschten Stadt wie Trier
liegt, dürfte doch einigermafsen auffallend er-
scheinen. Es ist eine Kapelle, der aufser dem
Rufe auch noch ein Name fehlt: man weifs
nicht, welchem Heiligen sie ursprünglich ge-
weiht war, und dem Volke ist sie derart aus
den Augen gerückt, dafs es zu einer neuen
Benennung keine Veranlassung gefunden hat.
Die Kapelle liegt auf der Nordseite des
Domes und bildet ein Zubehör jener Domkurie,
die früher von dem Domkapitular Boner und
gegenwärtig von dem Domkapitular Seul be-
wohnt wird. Ihr Grundriß (Fig. 5 u. 6} setzt
sich zusammen aus einem einschiffigen, 6,40 m
langen, im breiten Langhause und einem gerade
schliefsenden quadratischen Chor von 2,70 m
Weite. Die auf der Nordseite des letzteren be-
legene Sakristei hat eine ebenfalls quadratische
Grundform von 1,65 m Weite. Das Gebäude
ist in allen seinen Theilen, und zwar, wie Fig. 3
und 4 zeigen, mit Kreuzgewölben überspannt.
Nur das Chorgewölbe hat Stich, die Gewölbe
des Langhauses sind mit geraden Kappen aus-
geführt. Die Gewölbe sind rippenlos, aber mit
Schlufssteinen ausgestattet. Durch Wandpfeiler
mit Gurtbögen ist das Langhaus in drei Joche
getheilt. In Folge dieser engen Theilung über-
trifft die Länge der Gewölbefelder ihre Breite
fast um das Doppelte; die starke Stelzung,
welche für die Schildbogen hierdurch bedingt
wird, macht sich indefs durchaus nicht störend
bemerkbar, sie fügt sich vielmehr recht wohl
ein in die Architektur der Wände, welche sich
in dreifacher Gliederung aufbaut. Die unterste
Abtheilung wird gebildet durch eine Bankanlage,
welche sich in einer Höhe von 0,45 m über
dem Fußboden hinzieht Dieselbe ist vor die
Mauerfläche um 8 cm vorgekragt, so dafs die
Sockel der Wandpfeiler sich darauf aufsetzen
können. Die erforderliche Bank-Tiefe von 28 cm
aber wird dann weiter noch gewonnen durch

Nischen, welche 15 cm tief in die Mauer einge-
lassen und rundbogig überdeckt sind. Es mufs
als eine Besonderheit hervorgehoben werden,
dafs eine dieser Nischen, und zwar die Ostnische
der Südwand, mit einer kleinen Fensteröffnung
ausgestattet ist, wie dies aus Fig. 1 u. 5 hervor-
geht. Ueber diesen Nischen erheben sich die
Fenster, welche im Lichten 1,20 m hoch und
45 cm breit sind. Da dieselben im Aeufseren
nur eine Laibung von 20 cm haben, die Mauern
aber 70 cm dick sind, so wird für das Innere
eine beträchtliche Laibungs-Tiefe gewonnen.

Wie die Zeichnungen darthun, fallen — ab-
gesehen von dem Mittelfelde — die Axen der
Fenster nicht mit denen der äufseren Wand-
felder zusammen, sondern weisen recht bedeu-
tende Verschiebungen auf. Die Erklärung liegt,
wie ein Blick auf den Grundriß (Fig. 6) zeigt,
darin, daß der Architekt die Fensteraxen auf die
Mitten der Gewölbefelder gerichtet, also von
Innen nach Außen gebaut hat, ohne Rücksicht
darauf, welche Stellung Thür und F'enster da-
durch in der Aufsen-Architektur erhielten. Diese
Verschiebung stört aber nicht im Geringsten.

Die Detailausbildung bewegt sich in den
edlen Formen des ausgebildeten romanischen
Stiles. Die Basen der Wandpilaster sind in der
steilen attischen Form gebildet; während die
Kapitelle der Chorbogenpfeiler mit einem schup-
penartig angeordneten Blätterkranz versehen
sind, haben die Wandpilaster ein fließendes
Akanthuslaub. Das kräftig profilirte Deckge-
sims besteht aus Platte und Karnies. Die Schluß-
steine zeigen Knäufe in abwechselnder Aus-
bildung.

Besonders zierlich ist das Aeußere behan-
delt. Die Wandflächen werden durch Lisenen.
welche unten auf einem Sockel aufsitzen, oben
in einem Bogenfries endigen und 8 cm vor-
springen, in einzelne Felder zerlegt. Das feine
attische Profil der Lisenen-Basis hat, wie Fig. 7
zeigt, mit dem zwischenliegenden, nur aus
Platte und Schmiege bestehenden Sockel die
Unterlagsplatte gemeinsam. Auf jedes Feld ent-
fallen fünf Bogen; dieselben sind am Chore und
im Mittelfelde spitzbogig, sonst überall rund
gebildet. Die Konsolen, auf welche sie auf-
setzen, sind auf der Nordseite einfacher als auf
der Südseite gehalten. Mit solchen, welche nur
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