Zeitschrift für christliche Kunst — 3.1890

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1890.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST

Nr. 3.

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Erfindung und Empfindung vorhanden ist, da
kann sie, wenn es sich nicht um Kunstgenufs
als solchen, sondern um Erbauung handelt, ganz
gewifs auf eine eigentlich künstlerische Aus-
führung verzichten. Es wäre doch gar schon,
wenn unsere Kirchen wieder allgemein in einem
zum Herzen sprechenden Farbenschmuck prang-
ten. —■ Und nun noch etwas, das eigentlich
nicht zur Sache gehört, sich aber an dieser Stelle
dem Schreiber unwillkürlich in die Feder drängt.
Was künstlerisch wirken soll, mufs der Ausdruck
einer künstlerischen Empfindung sein. Man
kann aber seinen Empfindungen nur in einer
Sprache Ausdruck geben, in der man denken
kann; das gilt auch von der, Formensprache.
Kein heutiger Maler stellt sich die heiligen Per-
sonen in Formen vor, die den Kunstgebilden
des Mittelalters entsprechen: kann er sie also
in gothischer oder romanischer Stilisirung malen,
ohne von seiner Empfindung Etwas — oder
vielleicht gar Alles — zu opfern? Und ist von
dem Beschauer zu verlangen, dafs er von Aeufse-
rungen ergriffen werde, die ihm in einer Sprache
vorgetragen werden, welche er nicht gelernt hat?
Man muthet den Kirchenbesuchern doch auch
nicht zu, die deutschen Lieder in mittelhoch-

deutscher oder altsächsischer Mundart zu singen.
Ich bin der unmafsgeblichen Meinung, dafs der
Stil einer Kirche nicht darunter leidet, wenn
wir an ihren Wänden die Figuren so darstellen,
wie wir sie uns vorstellen, und dafs dieses auch
in ganz einfacher Umrifszeichnung und schatten-
loser Flächenmalerei möglich ist.1)

Kasse], H. Knackfufs.

') [Der verehrte Herr Verfasser wird hier den Ein-
wurf gestatten, dafs, wie die modernen Architekten in
den Formensprachen des Mittelalters zu denken ver-
mögen, dieses auch den Malern möglich sein dürfte,
zumal diese auf eine gewisse Stilisirung, auch in ihren
Figuren, nicht werden Verzicht leisten wollen, beson-
ders, wenn es sich um religiöse, gar um kirchliche
Malereien handelt, in der Andeutung der übernatür-
lichen Wahrheiten, denen sie Ausdruck zu geben die
Bestimmung haben. In geringerem Mafse wird dieser
Verzicht statthaft sein bei der Ausstattung moderner
Gotteshäuser, während bei der Dekoration alter Kir-
chen ein Arbeiten im Geiste der Erzeugnisse ihrer
Ursprungszeit unbedingtes Erfordernifs sein sollte, im
Anschlüsse an die besten uns überlieferten Muster.
Nur auf diesem Wege dürfte zwischen der Archi-
tektur und ihrer Ausmalung die erforderliche Ueber-
einstimmung, nur so die Stimmung zu erreichen sein,
welche das fromme Auge des einfachen Beters, wie
der künstlerische Blick des geschulten Beschauers ver-
langen. D. H.]

Bücherschau.

Lübecker Malerei und Plastik bis 1530.
Von Adolph Goldschmidt. Mit 43 Lichtdruck-
tafeln von Joh. Nöhring in Lübeck. (Fol.) Lübeck
1889, Verlag von Bernh. Nöhring.
Die Kunstgeschichte Deutschlands weifs zwar von
einer Kölnischen, Fränkischen, Westfälischen u. s. w.
Schule — ein, beiläufig, nicht recht glücklicher, weil
zu falschen Vorstellungen Anlafs gebender Ausdruck
—, doch war der nördliche Theil unseres Vaterlandes
in Beziehung auf Baukunst, Plastik und Malerei bis
auf unsere Tage in Dunkel gehüllt, und es hatte das
Ansehen, als ob die gedachte Gegend das Mittelalter
hindurch, was die Künste anlangt, in tiefer Barbarei
befangen gewesen sei. Die Veröffentlichungen von
Lübke, Adler, Münzenberger u. a. haben aber gezeigt,
dafs auch die mehr nüchtern angelegte Bevölkerung
des norddeutschen Flachlandes keinesweges ohne Sinn
für die Kunst war und plastische Werke und Bauwerke
uns hinterlassen hat, welche alles Ruhmes werth sind.
Nur von Malern und ihren Werken dort zu Lande
hat man bisher so gut wie nichts gewufst, und, was
z. B. in Lübeck erhalten ist, sollte nach Hotho, soweit
es von Werth, „insgesammt aus Holland und Flandern
herübergebracht sein und nach bester Deutung nur
als Erweis verspäteten Kunstsinnes gelten, den ein-

heimische Maler nicht zu befriedigen vermochten";
von einer „einheimischen Schule" könne man nicht
reden. Diese Ansicht wird nun durch das vorliegende
Werk, welches mit wohlbegründeter Berechtigung Maler
und Bildschnitzer zusammenfafst, in dankenswerthester
Weise abgethan. Der Herr Verfasser weist nach, dafs,
wenn auch die werthvollsten Tafelmalereien in Lübeck
dort nicht entstanden, die übrigen Werke, die keines-
falls unbedeutend sind, aus einheimischen Werkstätten
hervorgingen, dafs die Entwicklung einen der west-
fälischen Kunst parallelen Gang nahm, und dafs die
Arbeiten Lübecker Maler und Schnitzer nicht blofs in
den angrenzenden Gegenden, sondern auch in der
Mark, in Livland, Schweden, Dänemark in Ansehen
standen, ja solche selbst nach Westfalen verlangt sind.
Die einzelnen Werke werden ohne Voreingenommenheit
und mit Scharfsinn charakterisiert und jedes wenigstens
der Zeit nach bestimmt. Dafs der Verfasser sich nicht
darauf eingelassen hat, Eins oder das Andere diesem
oder jenem Meister zuzuschreiben unter den 70, welche
er aufzählt, von denen jedoch wohl der älteste, der
M. Conradus pictor zu streichen sein wird, und sich
einzig an urkundliche und inschriftliche Nachrichten
in dieser Beziehung gehalten hat, verdient alle Aner-
kennung, da die Versuchung gewifs öfter nahe lag.
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