Zeitschrift für christliche Kunst — 3.1890

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377

1890.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST

Nr. 12.

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In welchem Stile sollen wir unsere Kirchen bauen?1)

iiederholt ist in dieser Zeitschrift die
Frage gestreift und klar zu machen
versucht worden, dafs der gothi-
sche Stil für kirchliche Neubauten
für die Folge allein mafsgebend sein dürfe.
Zuerst war es kein Geringerer als der für das
Aufleben der christlichen Kunst so hochver-
diente Kunstkenner, Herr Appell.-Gerichts-
rath A. Reichensperger, der in einem Artikel
des IL Jahrg. Sp. 124/25 mit scharfen Worten
für die Alleinberechtigung des gothischen Stils
eingetreten ist. Damals wurde schon von Seiten
des Herausgebers dieser Zeitschrift auf die Ver-
tretung einer gegentheiligen Ansicht hingewirkt,
und hätte man erwarten können, dafs ein an-
derer Kunstgelehrter sich der so tief herunter-
gesetzten nichtgothischen Stile, speziell des ro-
manischen Stiles, angenommen hätte; es ist
dies jedoch nicht erfolgt. Nachdem nun von
Seiten eines praktisch thätigen Künstlers
im III. Jahrg. Sp. 167/68 für die einseitige Ver-
wendung der Gothik bei kirchlichen Neubauten
auch noch eine Lanze eingelegt wurde, dürfte es
vielleicht die Leser dieser Zeitschrift interessiren,
in einem besondern Artikel die obenstehende,
bis jetzt nur beiläufig berührte Frage behandelt
zu sehen, wobei der Verfasser von vornherein
erklärt, nicht auf dem extremen, für die Gothik
allein eintretenden Standpunkte zu stehen.

Bis zum Anfange dieses Jahrhunderts wurden
fast allgemein die Kirchen im herrschenden Stile
ihrer Zeit gebaut und die damals bauenden
Meister und Behörden haben ebensogut den
Erfordernissen, die an ein christliches Gottes-
haus gestellt wurden, Rechnung zu tragen ge-
glaubt, wenn sie im VI. bis VII. Jahrh. im alt-
christlichen-byzantinischen Stile oder im XVII.
bis XVIII. Jahrh. im Barock, Zopf oder Rococo
arbeiteten. Dafs sie nicht wahrhaft das Herz

') Die gelegentlichen Bemerkungen, welche in die-
ser Zeitschrift in Bezug auf die Kirchenbaulen über die
Stilform gefallen sind, haben für den gothischen Stil
eine Superiorität auch über den romanischen in An-
spruch genommen. Wenn in dem vorliegenden Artikel
eine abweichende Anschauung zum Ausdrucke kommt,
so soll diese hier nicht als gleichwerthig eingeführt wer-
den, wohl aber als Anregung zu einer gründlichen
Behandlung dieser wichtigen Frage, deren so vielfache
unklare Beurtheilung weniger verhängnifsvoll wäre,
wenn sie nicht in praktischer Hinsicht so manche be-
klagenswerthe Folgen hätte. D. H.

und Gemüth auch heute noch höher stimmende
Werke auch in jener Zeit, deren Stilrichtung
jezt für kirchliche Bauten geradezu als verpönt
gilt, zu liefern im Stande waren, die namentlich
für den praktischen Gebrauch von ganz beson-
derm Werthe waren, zeigen zur Genüge bei
uns zu Lande die zahlreichen Jesuitenkirchen
des XVII. Jahrh., die in dem blühendsten Ba-
rock erbaut, doch was praktische Ausnutzung
des Raumes sowohl, wie akustische Wirkung an-
belangt, meist ihres Gleichen suchen.

Dies ging so bis zur Zeit der grofsen Revo-
lution, die wie so manches Edle auch die kirch-
liche Kunst fast vollauf erstickte. Als nun nach
Beendigung der grofsen Kriege im Anfange un-
seres Jahrhunderts einmal soviel Ruhe eintrat,
dafs dieselbe auch wieder zu ihrem Rechte kom-
men konnte, da trat die Frage auf, an was sollen
wir anknüpfen? Sofort spaltete sich die ganze
Kunstwelt in zwei grofseLager; das eine erblickte
im Klassizismus, das andere in der Gothik allein
das Heil für die Zukunft. Beide Richtungen
haben sich langsam in ihren Härten abgeschliffen,
Vertreter beider Extreme im Sinne damaliger Zeit
dürfte es wohl nicht manche mehr geben. Mit
den sechziger Jahren beginnend, kamen dann aur
dem Gebiete der Profanbaukunst die verschie-
denen Arten der Renaissance, auf dem Gebiete
der Kirchenbaukunst die andern mittelalterlichen
Stilarten neben der Gothik immer mehr zur Gel-
tung. Aber soviel Mühe die Architekten auch
aufbieten mögen, genau den Charakter der Zeit
wiederzugeben, in welcher sie zu schaffen stre-
ben, immerhin bleibt es ihnen, auch den Vertre-
tern der strengsten Richtungen, nicht erspart,
dafs ihre Werke doch durch das eine oder andere
verrathen, dafs sie Kinder des XIX. Jahrh. sind;
den Errungenschaften der neuern Zeit auf dem
Gebiete der Konstruktion gegenüber sich voll-
ständig zu verschliefsen, ist ihnen eben unmög-
lich. Selbst die bewährtesten Gothiker unserer
Tage haben nur eine Gothik des XIX. Jahrh. zu
Wege gebracht, und wenn einmal der Zahn der
Zeit die Werke unseres Jahrhunderts fast gleich
so angegriffen haben wird wie die des XII.,
XIII. und XIV. Jahrh., so wird kein Kunstfor-
scher je im Zweifel sein können, ob das betref-
fende Werk dem XII. oder XIX. Jahrh. angehört.

Es gilt heute als ziemlich ausgemacht und
der Standpunkt läfst sich auch rechtfertigen, dafs
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