Zeitschrift für christliche Kunst — 3.1890

Page: 169-170
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Abhandlungen.

Altar-Aufsatz von Stein
in der Abteikirche zu Brauweiler.

Mit Lichtdruck (Tafel VIII).

er hier abgebildete Altar - Aufsatz
befindet sich in der alten Abtei-
kirche zu Brauweiler, in deren rech-
tem Seitenschiffe er unlängst vor
einer Nische neu aufgemauert wurde. Gemäfs
der oben angebrachten Tafel mit der Inschrift:

„Anno domini MDLii reverendvs in
Christo pater dominvs D Hermannvs

A BOICHVM HUI' MONASTERII AßBAS IN R.E-
FORMATIONE sextvs Fvndatione vero

TRICESIMUS QVARTVS HOC OPVS EXSCVLPI
FECIT." liefs der Abt Hermann von Boichum
(dessen Wappen: Adler mit Abtsstab, oberhalb
der Tafel angebracht ist) ihn im Jahre 1552
ausführen, und gemäfs dem Zusätze: „RENO-
VATVM 1789" erfuhr er im Jahre 1739 eine Er-
neuerung. Die letztere hat wohl nur in einer
Wiederherstellung der Polychromie, sowie in
einer Veränderung des oberen Kreuzfufses be-
standen, der sich in der jetzigen Gestalt eines
vortretenden Hügels der Abschlufskonsole nicht
recht organisch eingliedert. Mit Einschlufs die-
ses Kreuzes hat der Aufsatz eine Höhe von
*> *n 45 cm bei einer Breite von 2 m und einer
uefe von 25 cm. Aus weichem französischem
Sandstein gebildet, zeigt er in der Mitte die fast
vollrunde, daher vor die Hache Nische etwas
vortretende Standfigur des hl. Abtes Antonius
zwischen den Reliefstatuen der „MARIA• MAG-
DALENA" und der „SANCTA • CHATARINA"
einerseits, der „MARIA • EciPCIACA" und der
„Sancta-Barbara" anderseits. Darunter er-
scheinen die Relief-Brustbilder von ..s. \ikd.\r-
DVS.EPIS.« ns. NICOLAUS.EWS.« „S. MAR-
TINUS • Ki'is." und ;;S_ BENEDICT'. ABBAS." —
Diese sämmtlichen Figuren haben einen ganz
ausgesprochenen Renaissancecharakter, wie das
S1e in den Nischen und auf den Lisenen um-
gebende Ornament. Das letztere, welches in
streng stilisirtem Ranken- und Blattwerk, sowie
in eingestreuten Thierfigurationen zur Erreichung

einer teppichartigen Musterung besteht, ist von
grofser Feinheit und Vollendung. Die Figuren
sind sehr vornehm in der Haltung, sehr edel
in der Bewegung und von schlanken Verhält-
nissen, die Köpfe sind sehr ausdrucksvoll, die
Hände sehr zart, die Gewandungen äufserst
geschickt und mafsvoll trotz der Freiheit, mit
der sie behandelt sind; überall verrathen sie den
engen Anschlufs an vorzügliche spätgothische
Figuren, ohne irgendwie als Nachbildungen der-
selben zu erscheinen. Die Polychromie, welche
durch die Erneuerung im Jahre 1739 offenbar
sehr Vieles an Feinheit und Frische eingebüfst
hat, zeigt eine sehr geschickte Hand. Der Grund
ist blau, von dem sich die Goldornamente auf
den Höhen, die Silberverzierungen in den Tiefen
(der Nischen) höchst vortheilhaft abheben. Die
Karnationsparthien zeichnet nicht mehr der ur-
sprünglich ohne Zweifel glänzende emailartige
Ton aus, die Gewandungen aber, die theils ver-
goldet, theils farbig gehalten sind, lassen von
der ursprünglichen vorzüglichen Wirkung, zu
welcher die reiche Lasuranwendung erheblich
beigetragen hat, noch Manches erkennen, so
dafs hier für die farbige Behandlung von Stein-
reliefs, namentlich von Altar-Aufsätzen, sehr be-
achtenswerthe Fingerzeige geboten werden. —
Der vortheilhafte Eindruck, welchen der ganze
Aufsatz macht, ist zum grofsen Theile der klaren
Eintheilung und Anordnung zu danken, die
überall noch so viele mittelalterliche Reminis-
cenzen zeigen, dafs derselbe als eine Ueber-
tragung des spätgothischen Altarschreines in das
Material des Steines und in die Formensprache
der Frührenaissance bezeichnet werden darf.

Wenn es sich um die Anschaffung eines
neuen Altars fiir eine Renaissance- oder Ba-
rockkirche handelt, verdienen die noch edlen
Formen der Frührenaissance, die sich wie über-
haupt so namentlich in den Rheinlanden, kaum
ein halbes Jahrhundert behauptet hat, besondere
Berücksichtigung, zumal bei so eleganter Be-
handlung, feiner Durchführung und harmoni-
scher Zusammenstellung, wie in dem vorliegen-
den Falle. Schnütgen.
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