Zeitschrift für christliche Kunst — 3.1890

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1890. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 9.

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Bücherschau.

Der Reliqienschatz des Hauses Braunschweig-
Lüneburg. Beschrieben von Prof. Dr. W. A. Neu-
mann, O. Cist. Mit 144 Holzschnitten von F. W.
Bader. Wien 1891, Alfred Holder, K. K. Hof- und
Universitäts-Buchhändler.
Die unter diesem oder ähnlichem Namen bekannte
und berühmte Sammlung alten kirchlichen Geräthes
hat schon zur Zeit, da sie noch in Hannover dem
Publikum zugänglich war, die Augen der Kunstfreunde
auf sich gezogen. Mehr allgemeine Beachtung hat
sie gefunden, seitdem sie im k. k. österr. Museum
für Kunst und Industrie zu Wien in zwei Vitrinen des
gleich rechts vom Eintritte gelegenen Parterre-Saales
aufbewahrt wird. Ob und wie lange sie dort verbleiben
wird, scheint noch ungewifs zu sein, die günstige und
bewährte Aufbewahrungsart aber für deren Fortdauer
zu stimmen. Trotz der grofsen Zugänglichkeit halte
der Schatz bis jetzt eine eingehende Beschreibung noch
nicht gefunden; nur einige Gegenstände desselben waren
abgebildet und kurz erläutert worden. Eine Veröffent-
lichung im grofsen Stile war aber bereits geplant, als
er sich noch in Hannover befand, und die wenigen
von der Kunstanstalt Weber & Deckers in Köln
besorgten Farbendrucktafeln (von denen mir übrigens
einige auch im antiquarischen Vertrieb begegnet sind)
liefsen eine sehr glänzende Ausstattung erwarten.

Als vor einigen Jahren verlautete, dafs der Herzog
von Cumberland diese Veröffentlichung dem Cisterzien-
serpriester Dr. W. A. Neu mann, Professor an der
Wiener Universität, übertragen habe, knüpften sich an
dieselbe grofse Erwartungen. Diese sind nicht ge-
täuscht worden; denn das nunmehr vorliegende Pracht-
werk ist in Bezug auf die Ausstattung wie
auf den Text eine vorzügliche Leistung, die
Frucht der eingehendsten, mühevollsten Studien und
ohne Zweifel auch bedeutender finanzieller Opfer. DeD
letzteren gegenüber mag der Wunsch, dafs der eine
oder andere Gegenstand (namentlich das auch kolo-
ristisch so wirkungsvolle Kuppelreliquiar) in Farben-
druck reproduzirt wäre, nur schüchtern zum Ausdrucke
gelangen. Sämmtliche Illustrationen bestehen nämlich
in Holzschnitten, welche in den Text aufgenommen
sind. Dieselben sind in grofsen Dimensionen, wie das
Folioformat sie gestattete bezw. verlangte, auf Grund
von photographischen Aufnahmen, sehr korrekt und
klar, sehr sauber und vornehm ausgeführt und wie
die Art, in der sie sich dem Texte eingliedern, schon
das Auge des Laien in hohem Mafse befriedigt, so
sind ihre sehr bestimmten Linien und Umrisse, ihre
Lichter und Schatten sehr geeignet, dem Blicke des
Kenners die richtige Vorstellung von der Eigenart
der einzelnen Gegenstände zu vermitteln. Dafs ihre
Zahl diejenige der beschriebenen 82 Gegenstände fast
um das Doppelte übersteigt, hat theils und vornehm-
lich darin seinen Grund, dafs manche derselben von
mehreren Seiten bezw. auch im Detail abgebildet sind;
theils aber auch darin, dafs verschiedene frappante
Vergleichsobjekte auch abbildlich herbeigezogen (wie
das Velletrikreuz und das Darmstädter Kuppelreliquiar)
und mehrere Initialen dem in demselben Besitze be-

findlichen Evangeliar Heinrichs des Löwen entlehnt sind,
dem eine besondere Veröffentlichung vorbehalten bleibt.

Wie eingehend die Untersuchung ist, wie ausgiebig
die Behandlung, beweist schon der Umstand, dafs
ihnen 368 Folioseiten gewidmet sind mit Ausnahme
des kurzen Vorwortes von Jakob von Falke, aber mit
Einschlufs des Registers.

In der „Einleitung" gibt der Verfasser einen
kurzen Ueberblick über die Vorarbeiten, d. h. über
die früheren Abbildungen und Beschreibungen des
Schatzes. — Der „allgemeine geschichtliche
Theil" bringt Beiträge zur Geschichte des Domes,
wie des Kollegiatkapitels St. Blasii, behandelt die Ent-
stehungsgeschichte des Schatzes, seine Aufbewahrungs-
art, seine Verwendung vor und nach der Reformation,
sowie im Besitze der hannoverischen Linie des weifischen
Hauses, endlich seine Bedeutung für Archäologie
und Kunstgeschichte. — Dieses letzte, besonders
instruktive Kapitel bildet den Uebergang, eine Art
von Einleitung zu dem „speziellen beschreiben-
den Theil", der nacheinander vorführt die Kreuze

— Tragaltäre — Reliquien Schreine, Kistchen,
Büchsen — Tafeln und Bucheinbände — Büsten
oder Kopfreliquiarien — Arme — Ostensorien,
Monstranzen — die ciborienförmigen Gefäfse

— Agnus Dei, Phylakterien — Diversa (Holz-
statuette, Hörn des hl. Blasius etc.) und zuletzt das
Armreliquiar des hl. Blasius (im Museum zu Braun-
schweig) beschreibt. Urkundenbeilagen, Anmerkungen
und Berichtigungen, alphabetisches Register bilden den
Schlufs des Werkes.

Der Ursprungszeit nach gehören mindestens zwei
Dutzend der Reliquiavien dem XII. Jahrh. bezw. einer
noch etwas früheren Zeit an und diese bilden den
eigentlichen Schwerpunkt des Ganzen, defswegen auch
den weit überwiegenden Theil der wissenschaftlichen
Untersuchung. Alles Uebrige, namentlich die Osten-
sorien, Phylakterien, die meisten Arme und Kreuze
entstammen der gothischen Periode, dem XIII., XIV.,
XV. Jahrh. Die letzteren werden wohl zumeist im
Lande entstanden sein, jene wohl vorwiegend am
Rhein, einige im Orient. In Bezug auf kein Objekt
ist die Heimalh urkundlich festgestellt, was dem Ver-
fasser vielleicht auch nicht gelungen wäre, wenn er
seine örtlichen Untersuchungen länger hätte fortsetzen
können. Er mag sich damit trösten, dafs bis jetzt
trotz der zahlreichen allerorts nachgewiesenen Künstler-
namen nur von ganz wenigen Metallgeräthen des
deutschen Mittelalters, zumal der romanischen Epoche,
die Fabrikationsstätte urkundlich hat nachgewiesen
werden können. Gerade in dieses noch so dunkle
Gebiet der so glänzenden Thätigkeit deutscher Gold-
schmiede und Emailleure im XII. Jahrh. hat der Ver-
fasser keine Mühe gescheut, mehr Licht hineinzu-
bringen. Was Andere in dieser Beziehung beobachtet,
erforscht, vermuthet haben, ist ihm bis in die kleinsten
Einzelheiten bekannt. Ein scharfer Beobachtungssinn,
eine feine, stellenweise fast allzu kühne Kombinations-
gabe stehen ihm zur Seite. Gewifs ist ihnen manche
schätzenswerthe Konjektur, mancher wichtige Finger-
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