Zeitschrift für christliche Kunst — 3.1890

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1890. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST

Nr. 8.

236

I

grofsen Zartheit und Weichheit, mit der alle
Parttiien behandelt sind, ist ihnen doch die
Farbe nicht erspart geblieben, welche bei sehr
mäfsiger, ich möchte sagen, hauchartiger Anwen-
dung nur geeignet ist, die vornehme Wirkung des
im Laufe der Zeit gewöhnlich einen etwas gelb-
lichen Ton annehmenden Elfenbeins noch zu
erhöhen. An den spärlichen Stellen, an welchen
das Untergewand der Gottesmutter sein Futter
zeigt, hat dieses eine blafsgrüne Färbung, das-
jenige des Obergewandes aber, welches vielfach
und auch in gröfseren Umschlägen zu Tage
tritt, einen röthlichen Lasurton, durch welchen
das Gold des Grundes warm hindurchschimmert.
Vergoldet sind aufserdem in Linien und Punkten
sämmtliche Säume, vollständig Haare und Attri-
bute, also Blume, Krone, Leuchter. — Bei den
Engeln hat der Umschlag des Mantels ein grau-
grünes, überaus gefällig kontrastirendes Kolorit,

roth schmücken ihre Stirnbänder das goldene
Haar und aus rothen und goldenen Linien setzt
sich auch die Dekoration ihrer Flügel zusammen.
Goldene Punktrosetten beleben die Hinter-
gründe, goldene Ranken die Rahmen, goldene
Linien die Architektur, Alles in überaus zarter,
die Harmonie und Ruhe durchaus schonender
Weise. Nur an dem sockelartigen Untersatze,
dessen einfache Gestaltung lebhaftere Farben
ertragen konnte, spielen aufser Gold, welches
auf den Ecken Lilien bildet, in den Streifen-
verzierungen auch leuchtendes Roth als Lasur-
farbe und Mattgrün als Deckfarbe eine wirkungs-
volle Rolle. Offenbar haben diese aufgemalten
Bortenstücke die Bestimmung gehabt, eine Art
von Ersatz zu bilden für Börtchen von durch-
sichtigem Email, welches um diese Zeit zur Be-
lebung von Metalltafeln, namentlich in Frank-
reich, vielfach verwendet wurde. Schnütgen.

Inneres Aussehen und innere Ausstattung der Kirchen des ausgehenden
Mittelalters im deutschen Nordosten.

III.
Sakristeien und ihre Schätze.

ir haben gesehen, wie in den mittel-
alterlichen Kirchen ein Theil der
kostbaren heiligen Gefäfse, nament-
lich die Monstranz und die Oelge-
fäfse, in dem Ciborium aufbewahrt wurde. In
vielen Kirchen gab es auch noch an der Epistel-
seite in der Wand einen Schrank ebenfalls zur
sicheren Aufbewahrung kostbarer Gefäfse.

Im Frauenburger Dome existirte neben dem
Ciborium noch ein „Tabernaculum lapideum",
darin silberne Statuen oder Büsten (imagines)
von St. Petrus, Andreas, Ursula, auch ein „imago
argcntca cum capite S. Georgii, ein silberner
und vergoldeter Arm mit Reliquien", silberne
Leuchter und eisenbeschlagene Reliquien-Käst-
chen sicher verwahrt wurden. Aber meisten-
theils haben wir alle solche Kostbarkeiten in
den Sakristeien zu suchen, weshalb dieselben
denn auch stark befestigt und mit Gewölbe und
nur wenigen und kleinen Fenstern versehen
waren. Trotzdem diese Sakristeien darum natur-
gemäfs feucht und kalt sein mufsten, waren sie
doch nur selten an der Südseite, meistens an
der Nordseite angelegt, was bei dem praktischen
Sinne der mittelalterlichen Baumeister, die z. B.

an der Nordseite nur wenige, manchmal gar keine
Fenster anlegten, einigermafsen befremden mufs.

Für die Aufbewahrung der kostbaren Ge-
räthe standen in der Sakristei mehrere schwere
Kasten (cisiae) aus Eichenholz und durch eiserne
Beschläge von oft sehr kunstvoller Arbeit noch
mehr befestigt, wie sich solche noch in grofser
Zahl erhalten haben; die Paramente fanden ihren
Platz in Schränken an den Wänden herum
(armaria).

Sehen wir uns zunächst die kostbaren kirch-
lichen Geräthe etwas näher an. Unentbehrlich
für jede Kirche ist der Kelch, der Mefskelch.
Aber selbst schlichte Dorfkirchen besafsen mei-
stens mehr als einen, die gröfseren Stadtkirchen
wohl auch 7 bis 10, Kirchen wie Braunsberg 24,
etwa ebensoviele der Dom von Frauenburg. Ob-
wohl sehr viele den Kriegen, Diebstählen, noch
mehr dem Ungeschmack und Unverstand zum
Opfer gefallen sind, giebt es deren immer noch
genug, um uns ein Bild von dem Wissen und
Können der damaligen Künstler zu geben.

Die Kelche sind von nur geringer Höhe,
die älteren niedriger (in Braunsberg einer von
15 cm Höhe), die jüngeren höher, der Fufs selten
rund, meistens sechsblätterig und mit Pflanzen-
ornament, eingravirten Inschriften, zuweilen auf
vielverschlungenen Spruchbändern, mit Hei-
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