Zeitschrift für christliche Kunst — 3.1890

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1800.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 4.

122

Die Bedeutung des Fufsbrettes am Kreuze Christi.

Mit Abbildung

n dem kürzlich eröffneten Kestner-
Museum zu Hannover befindet sich
ein aus der Sammlung des Senators
Culemann stammendes Missale, wel-
ches der Zeit Heinrich's des Löwen (1180) an-
gehört. Es enthält aufser hübschen Initialen nur

her mufste wohl als ältester Cruzifixus mit drei
Nägeln der auf dem Retabulum aus Soest gel-
ten, welches, durch C. W. Hase bei Gelegen-
heit einer Studienfahrt an's Licht gezogen, jetzt
eine Zierde des Berliner Museums ist. Obgleich
nicht datirt, wird es seiner stilistischen Eigen-

die eine Miniatur der Kreuzigung Christi, die
in unserer Abbildung getreu wiedergegeben ist.
Das Blatt ist nicht allein künstlerisch, sondern
mehr noch ikonographisch von Bedeutung. Un-
seres Wissens ist es nämlich das älteste Bei-
spiel des Gekreuzigten mit übereinander geleg-
ten, von einem Nagel gehefteten Füfsen.' ' Bis-

1) Alfred Holder in Karlsruhe macht'es höchst
wahrscheinlich, in seiner ,i„w„„„ saHetae cr„,!S, (Lei[J.
zig, Teubner), dafs Christus in Wirklichkeit nur an den
Händen, also nur mit zwei Nägeln, angeheftet, an den
Füfsen aber nur durch Stricke befestigt gewesen ist.

Schäften wegen von allen Kunstforschern ein-
müthig um 1225 gesetzt. Während dasselbe
schon den neuen (gothischen) Typus vollendet
darstellt, hat dieser hannoversche Cruzifixus trotz
der übereinander gelegten Beine noch das seit-
her übliche Fufsbrett, also eine Zuthat, die so
recht deutlich den Uebergang von dem idealen
Typus der romanischen Epoche zu dem mehr
realistischen der Gothik erkennen läfst. Es ist
aber nicht die Absicht, hierauf näher einzugehen,
sondern die Veröffentlichung des merkwürdigen
Cruzifixus im Hannoverschen Museum möge
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