Zeitschrift für christliche Kunst — 3.1890

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1890.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST _ Nr. 7.

228

Bücherschau.

Die Munster in Ulm und in Bern betreffend.

Im Anschlufs an das Wirken des Komites zur
Vollendung des Ulmer Münsters ist seitens des Münster-
baumeislers A. von Bayer und des Gymnasialdirektors
F. Presse! in Heilbronn unter dem Titel: »Münster-
Blätter« eine Reihe von Publikationen erschienen,
welche sehr schätzbare Beiträge zur Kunstgeschichte,
namentlich Schwabens, enthalten. Das jüngst er-
schienene (i. Heft fuhrt noch die besondere Aufschrift:
Festgrufs zum 25. Juni 1889, dem Jubeljahre des
Königs von Württemberg, welchem dasselbe gewidmet
ist. Prächtig ausgestattet bringt es aufser dem Titel-
bilde, welches das vollendete Münster darstellt, 7 Bild-
tafeln, von welchen 4 das Münster in soviel verschie-
denen Stadien seines Wachsthums zeigen, nebst 3 dem
Text einverleibten Figuren aus einem Entwurf zu einem
Oelberg von Mathäus Böbliuger aus dem Jahre 1474,
wovon eine Kopie zu den gedachten 7 Bildtafeln zählt.
Aufser den von Illustrationen begleiteten Abhandlungen
bietet das Heft noch eine sehr eingehende, von Pfarrer
Dr. Probst unter dem Titel: »Ueber eine Nachblüthe
der mittelalterlichen Kuust in Oberschwaben. «• Mit
Hülfe der Kostümkunde, auf deren Gebiet der Ver-
fasser sich besonders bewandert zeigt, stellt derselbe
die, bis dahin im Dunkel gebliebene Entstehungszeit
einer gröfseren Anzahl von Gemälden, wenigstens sehr
annähernd, fest. So ergiebt sich u. A., dafs noch bis
in die Mitte des XVI. Jahrh. „ein inniger Anschlufs
an die Kunstperiode des vorhergehenden Jahrhunderts"
sich bemerklich macht. Hervorzuheben ist eine 80 cm
hohe Doppelbildtafel, ein Aufrifs des Münsterthurmes
in seiner Vollendung, nach dem Rifs des Mathäus
Böblinger für die Ausführung bearbeitet vom Münster-
baumeister Bayer. Von autoritativer Seite wird die
Weiterfuhrung des Thurmes, welche weit mehr Schwie-
rigkeiten darbot, als die der Kölner Domthürme, als
eine durchaus gelungene gepriesen. Die über die
Spätgothik geringschätzig Urtheilenden, welche die
Achsel zucken, sobald sie einer sog. Fischblase an-
sichtig werden, können unmöglich den Thurm des
Münsters und die innere Ausstattung des letzteren
betrachtet haben, falls es ihnen nicht überhaupt an
Schönheitssinn vollständig gebricht.

Wie der Fortbau des Kölner Domes den Anstofs
zu dem des Ulmer Münsters gegeben hat, so ward in
der Hauptstadt des Schweizerlandes, gewissermafsen
von Ulm aus, der Gedanke ins Leben gerufen, den
dort in halber Höhe stehenden Münsterthurm, so zu
sagen ein Zwillingsbruder des Ulmer (beide Thürme
sind Schöpfungen Böblinger's) gleichfalls zu vollenden.
Nicht geringe Schwierigkeiten verschiedenster Art sind
zu überwinden gewesen, bevor der Gedanke That zu
werden begann. Wie gewöhnlich in solchen Fällen,
waren es zunächst Wenige, worunter, dem Vernehmen
nach, ein Notar Karl Howald besonders hervortrat,
welche, allen Hemmnissen Trotz bietend, unbeirrt dem
Ziele zuschritten. Eine Hauptschwierigkeit bot die
Frage dar, wer mit dem Entwerfen des endgültigen
Planes zu beauftragen sei. Der Wunsch lag sehr nahe,
dafs ein Berner oder doch ein Schweizer Architekt

dazu ausersehen werde. Man kann es als einen rühm-
lichen Akt der Selbstverleugnung bezeichnen, dafs
schliefslich Professor Bayer, dessen vollendete Meister-
schaft das Ulmer Münster bekundet, den in Rede
stehenden Auftrag erhielt, während der in Bern woh-
nende Architekt Eugen Slettler mit der Ausführung
des Planes betraut ward. Die Sorge für die Beschaf-
fung der aufzuwendenden Mittel hat ein, im November
1887 gegründeter Münsterbauverein übernommen, an
dessen Spitze die Herren Professor Zeerleder als Präsi-
dent und J. Sterchi als Sekretär stehen. Der Rechen-
schaftsbericht des Vereinsvorstandes für 1888 ergiebt
schon eine Zahl von mehr als 800 Mitgliedern, wo-
runter ein Ungenannter mit einem Beitrag von 50000
Franken. Die Stadt- und die Bürgergemeinde sowie
die Zünfte haben sich mit je 1000 Franken betheiligt.

So bildet denn das der Stadt Bern zu hoher Ehre
gereichende Unternehmen ein neues Glied in der
grofsen Reihe ähnlicher Unternehmungen, welche, das
Wiederaufleben unserer grofsen nationalen Kunstweise
bekundend, gegen die, zur Zeit leider noch herrschende
prinzip- und charakterlose Stilmengerei ankämpfen —
hoffentlich mit stets steigendem Erfolge.

Köln. A. R ei c h ensperger.

Die Bau- und Kunstdenkmäler im Kreise
H e r z o g t h u m L a u e n b u r g. Dargestellt von Prof.
Dr. Richard Haupt und Friedrich Weisser,
Architekt in München. Herausgegeben im Auftrag
der Kreisstände. Nebst einem Ergänzungshefte,
(gr. 8<>.) Ratzeburg 1890.
Die vorstehend bezeichnete Veröffentlichung reiht
sich an die Statistik der Kunsldenkmäler der Provinz
Schleswig-Holstein, dieselbe zum Abschlufs bringend,
an. Das in gegenwärtiger Zeitschrift (Bd. I S. 291/292)
im Allgemeinen in Bezug auf diese Statistik Gesagte
gilt auch für die vorliegende Arbeit. Mit allem Fug
kann sie als mustergültig, sowohl hinsichtlich der An-
ordnung, als der Durchführung im Einzelnen bezeich-
net werden. Die sehr zahlreichen, dem Texte ein-
gefügten Abbildungen gewähren auch den auf dem
Kunstgebiete nicht Bewanderten volles Verständnifs
der Beschreibungen. Letztere geben eine sorgfältige
Benutzung der Quellen und der sonstigen Hülfsmittel
zu erkennen. Die Kunst des Mittelalters hat in diesem
Theile Norddeutschlands ihre ganze Gröfse und Pracht
nicht zu entfalten vermocht; Einzelnes nur gibt davon
Zeugnifs. Ausgangspunkte für die Kunslübung waren
die Städte Lüneburg und Lübeck; eine weitgreifende
Bauthätigkeit beginnt erst am Ende des XII. Jahrh.
Dem alphabetisch geordneten Verzeichnifs der Kunst-
denkmäler ist auf 23 Seiten ein Abrifs der Landes-
geschichte vorangeschickt, welcher einen Ueberblick
über das künstlerische Schaffen und dessen Wandlungen,
sowie über die darauf geübten Einflüsse innerhalb des
Herzogthums gewährt. Besonders dankenswerlh ist
das die Arbeit abschliefsende, ins Einzelnste gehende
Sachen-, Orts- und Namens-Register; keine derartige
Statistik sollte es an einem solchen fehlen lassen. Die
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