Zeitschrift für christliche Kunst — 3.1890

Page: 41-042
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Abhandlungen.

Zwei spätgothische Figurenstickereien
der kölnischen Schule.

Mit Lichtdruck (Tafel III).

;ide hier abgebildete gestickte Ma-
donnenbilder gehören der spät-
gothischen Periode und der
kölnischen Schule an; beide
ragen hervor durch gute
Zeichnung, saubere Ausfüh-
rung und mannigfaltige Tech-
nik; beide scheinen zur Aus-
stattung je einer Kasel gehört
zu haben, deren Kreuzmittel sie wohl ursprüng-
lich bildeten. Die nähere Beschreibung der-
selben an der Hand ihrer sehr getreuen Ab-
bildungen, welche auch die Farbenunterschiede
deutlich erkennen lassen, dürfte der heutzutage
leider arg vernachlässigten, bezw. unrichtig und
ungeschickt gepflegten kirchlichen Figuren-
stickerei einige beachtenswerthe Winke bieten.
Das kleinere Bild hat eine Höhe von 21,5
cm, eine Breite von 19 cm, welche durch den
Strahlenkranz, die Gloriole gewonnen wird, ein
aufser den Heiland nur noch seine hl. Mutter
auszeichnendes (an die Beschreibung des apo-
kalyptischen Weibes anknüpfendes) Attribut.
Dasselbe ist hier durch nebeneinandergelegte
metallische Goldfäden gebildet, welche durch
weifsliche Ueberfangstiche festgehalten sind. In
derselben Weise, ja durch dieselben Goldfäden-
reihen ist auch der Mantel hergestellt, bei dem
schwarze Linien die Konturen, röthliche und
bläuliche Ueberfangstiche die Schatten bilden
in einer Art von Lasurtechnik, bei welcher der
Goldgrund zu wirkungsvoller, weil schillernder
Geltung kommt. Durch Goldkördeichen, Gold-
fäden und Goldschlingen ist der Mantel kräftig
eingefafst, dessen Hermelinflitter durch Falten-
umschlag mehrfach, um Farbenwechsel zu er-
reichen, zu T^ge tritt, theils, und zwar in den
kleineren oberen Parthien, in Plattstich einge-
tragen, theils in Applikationsmanier behandelt.
In dieser ist auch das rothseidene Untergewand
ausgeführt mit sporadisch durchgestickten Gold-

fäden und mit einzelnen im Zopfstich einge-
tragenen farbigen Linien. Durch Applikation
weifslicher Atlasseide sind auch sämmtliche
Karnationstheile gewonnen, in welchen dün-
nere braune Linien die Zeichnung, stärkere
Fäden die Umrisse bilden. Die Haare variiren
in gelben und braunen Plattstichzügen und
rahmen die durch ganz dünne Unterlage flach
gehobenen Köpfchen vortrefflich ein. Die Mond-
sichel zu Füfsen der Gottesmutter ist durch über-
stickte Silberfäden mit Silberkördeichen gebildet.
Gedrehte, von schwarzen Linien umzogene Gold-
kördelchen verschiedener Stärke haben vornehm-
lich den Zweck, das liebliche Bild vom Sammet-
oder Seidengrunde abzuheben.

Das gröfsere Bild ist 28,5 cm hoch, 26 cm
breit, so dafs also der goldene, von rothen
Kördeichen umsäumte Strahlenkranz nahezu
einen Kreis beschreibt. In seiner Mitte thront
über der mächtigen, aus blau und weifs lasirten
Silberfäden zusammengesetzten Mondsichel die
Gottesmutter, nach der etwas derben, aber
sinnigen Darstellungsweise des Mittelalters ihr
Kind nährend. Die Karnationstheile sind wie-
derum durch das Aufnäh-Verfahren gewonnen,
durch welches hier sonst nur noch das grün-
liche Sitzkissen für die Madonna gebildet ist.
Ihr röthlich schillerndes Untergewand, wie der
bläuliche Mantel mit seinen weifsen Lichtern
und dessen bräunlicher Futterumschlag zeigen
nur den Figurenstich, den sehr starke schwarze
Konturen durchschneiden, wie überhaupt die
für die Zeichnung mafsgebenden Linien beson-
ders betont sind im Interesse der figuralen Wir-
kung. Den Mantel fassen auch hier Goldkördel-
chen und Goldfäden in breiter Umsäumung ein.
Der dreifarbige Lichtkranz, der die Gottesmutter
mandorlenartig umgibt, besteht aus Flockseide,
welche übergelegte Goldfäden festhalten.

In beiden Bildern, welche mithin neben den
vielen übereinstimmenden Eigenschaften nicht
minder zahlreiche Verschiedenheiten aufweisen,
kommt Alles: Zeichnung, Ausführung, Technik
zusammen, um eine herrliche, geradezu muster-
gültige Wirkung zu erreichen. Schnütgen.
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