Zeitschrift für christliche Kunst — 3.1890

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1890.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST. — Nr. 10.

322

Italienische Renaissance-Monstranz im Privatbesitz zu Köln.

Mit Abbildung.

ie umseitig abgebildete, im Besitze

der Herren Gebr. Bourgeois zu
Köln befindliche silbervergoldete
Monstranz hat eine Höhe von 58 cm.
Dem Fufse (21 cm im Durchmesser) ist eine
sehr reiche Ausbildung zu Theil geworden, die
in den konstruktiven Theilen mit ihren Strebe-
pfeilern und der Profan-Architektur entlehnten
Rundthürmchen noch vollständig, in den orna-
mentalen Parthien noch stark von gothischen
Formen beherrscht ist. Diese sind in fast noch
höherem Mafse dem Schafte eigen, mit Ausnahme
des schon eine entwickelte Renaissance zeigen-
den Knaufes. An dem mit sehr schönem und
reichem Blatt- und Blumenwerk geschmückten
Fufse tritt die Fertigkeit des Künstlers in der
Treibtechnik zu Tage, die der Aufsatz in ge-
ringerem Mafse und nur noch in seinem Ober-
theile zeigt. Hier sind nämlich nur die die Seiten
schliefsenden Relieffiguren und der Berg getrie-
ben, auf dem die Kreuzigungsgruppe steht. Alle
anderen Verzierungen sind gegossen, sowohl die
rein ornamentalen wie die figuralen. Sechs Hei-
ligenfigürchen statten die Nischen des reich ge-
gliederten Knaufes aus, über dem auf der Vor-
der- und Rückseite Fruchtgehänge im Charnier
sich hin- und herbewegt, den Uebergang von
Unter- und Aufsatz, welcher den schwachen
Punkt an den meisten alten Monstranzen bildet,
vortrefflich vermittelnd. — Der aus dem in die
Breite gezogenen Sechseck konstruirte Aufsatz
hat zwei Etagen, von denen die untere in einer
runden Kapsel zwischen zwei Gläsern die heil.
Hostie aufnehmen soll, die obere eine Art von
Loggia bildet, welche durch die über dieGallerie
hinaufragende, also die heil. Hostie bekrönende
Figur des segnenden Heilandes in sehr anspre-
chender Weise beherrscht wird. Die Kapsel,
welche mit der Figur an ihrer Spitze ein voll-
ständiges, mittelt eines Domes leicht einzufü-
gendes Ganze bildet, ist von zwei Karyatiden
flank in, neben diesen stehen in den Bogenöff-
nungen vier nackte, Musikinstrumente tragende
Engel, die nach einem guten Modell aus der-
selben Form gegossen und nicht vergoldet sind.
Wie der Lilienfries den Aufsatz nach unten sehr
passend abschliefst, so geben schneckenartige
Gebilde, welche an die gothischen Wasserspeier
erinnern, den Ecken eine sehr befriedigende

Lösung, und auch die silbernen Engelfigürchen,
welche, mit Leidenswerkzeugen in den Händen,
auf dem Sockel der oberen Etage sitzen, sind
hier sehr wirkungsvolle Vermittler des scharf
markirten Ueberganges und der in ihm bereits
beginnenden Verjüngung. Die Kreuzigungs-
gruppe giebt mit der Bergkuppe, auf der sie
steht, dem Ganzen einen etwas plötzlichen, aber
doch nicht unharmonischen Abschlufs.

Die architektonische Anlage, die ornamen-
tale Ausstattung, zumal des Fufses, und der
Charakter der Figürchen, namentlich des Kru-
zifixus und der Engel, weisen auf Oberitalien
als die Heimath dieser Monstranz hin. Hier
hatten sich die gothischen Formen, zumal in der
Architektur und im Ornament, mit besonderer
Zähigkeit behauptet, und gerade in manchen
Gebilden der Goldschmiede jene Stilmischung
herbeigeführt, der vvir auch in unserer Monstranz
begegnen. Hier hatte gerade die Hammerarbeit,
welche in der spätgothischen Periode wieder in
Aufnahme kam, sich dieser Formen bemächtigt,
um sie nicht so bald wieder zu opfern. Im
XIV. Jahrh. sind die Füfse der kirchlichen
Metallgefäfse entweder glatt gelassen, oder mit
spärlichen Gravuren verziert, wie es in Deutsch-
land bis tief in die Renaissance-Epoche hinein
der Fall war. Im XV. Jahrh. aber fängt die
Treibtechnik wieder an, sich zu bethätigen und
namentlich in Oberitalien zeigt sie sich auf den
Füfsen der Kelche, Ostensorien, Monstranzen in
hervorragendem Mafse. Anfänglich war sie noch
mehr mit tiefgearbeiteten Gravierungen unter-
mischt, später aber erscheinen diese Füfse als
das ausschliefsliche Erzeugnifs des Hammers,
der sie in ein vollständiges Blumenbeet zu ver-
wandeln vermag. Nicht selten sind hierbei die
Reliefirungen so stark ausgebildet, dafs sie die
Tragfähigkeit des Fufses geschwächt und, wie im
vorliegenden Falle, später die Einfügung eines
eisernen Gerüstes nothwendig gemacht haben, ein
Fingerzeig, dafs sich die Treibarbeit für diese
stark belasteten Theile im Allgemeinen nicht sehr
empfiehlt. — Der im Ganzen recht klare und
harmonische Aufbau und die gute Anordnung
im Detail, empfehlen sie als Vorbild, wenn es
sich um die Anschaffung einer Monstranz für
eine Renaissance-Kirche mit einem Hochaltar
desselben Stiles handelt. Schnütgen.
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