Zeitschrift für christliche Kunst — 3.1890

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Abhandlungen.

Spätgothisches Glasgemälde in der
Pfarrkirche zu Drove.

Mit Lichtdruck (Tafel IX).

er kleine freundliche Ort Drove un-
weit Düren besitzt in seiner katho-
lischen Pfarrkirche ein sehr be-
achtenswerthes Denkmal deutscher
Glasmalerei, welches wohl verdient, Freunden
mittelalterlicher Kunst näher bekannt zu werden.
Da das Fenster, einer sehr dringenden Restaura-
tion bedürftig, herausgenommen werden mufste,
so war es mir vergönnt, dasselbe eingehender zu
betrachten; und mögen diese Zeilen mit dazu
beitragen, dafs selbiges in der verdienten Weise
gewürdigt werde. Wie aus der beifolgenden
Lichtdrucktafel ersichtlich, ist das Fenster durch
einen Steinpfosten in 2 Theile geschieden, die
sich aus je 5 Feldern und Spitze zusammensetzen.

Die Kreuzigungsgruppe, welche dem Be-
schauer entgegentritt, ist ungemein lebendig und
charakteristisch komponirt und dürfte die Art
und Weise, wie der Künstler, in einem für
solche Darstellungen ungünstigen Räume, seine
Aufgabe gelöst hat, kaum je übertroffen worden
sein. Der Heiland am Kreuze, dessen Haupt
etwas stark gedrückt, im Uebrigen jedoch gut
gezeichnet ist, tritt als Mittelpunkt des künst-
lerischen Gedankens aus der Gruppe der übrigen
Figuren merklich hervor. Recht lebendig auf-
gefafst sind die heiligen Frauen; der Kopf der
Frau zunächst dem Kreuze verdient wegen sei-
ner Feinheit besondere Erwähnung. Die Gestalt
des hl. Johannes ist, bis auf die etwas unklare
Stellung der Füfse, vortrefflich gezeichnet und
von echt dramatischer Wirkung; auch die übrigen
Figuren, die Soldaten und die das heilige Blut
auffangenden Engel, sind geschickt dem Räume
angepafst und tragen mit der im Hintergrunde
befindlichen Landschaft viel zu der trefflichen
Gesammtwirkung bei.

Die Darstellung gehört im Grofsen und
Ganzen noch der Stil-Epoche der letzten Zeit
der Spätgothik an; — die Inschrift zeigt die
Jahreszahl 1538 — doch trägt der untere Theil

mit dem Bilde des Stifters und dem wapperi-
haltenden Engel schon ganz den Charakter der
Renaissance, was besonders bei den ornamentalen
Parthieen und bei der Engelfigur deutlich her-
vortritt. Diese Thatsache legt die Vermuthung
nahe, dafs dieser Theil erst später, wahrschein-
lich nach dem Tode des Stifters, dem oberen
Fenster zugefügt worden ist. Bemerkt sei hier
noch, dafs die Figur des Stifters infolge scharfer
Abwaschungen von unberufener Hand, gänzlich
verloren schien, und nur durch die sorgfältige
Restauration wieder kenntlich gemacht worden
ist. — Was dem Fenster noch eine ganz beson-
ders feierliche Stimmung verleiht, ist die vor-
züglich gelungene Wirkung des Goldgelb (Silber-
gelb), welches sich vom hellsten Goldton bis
in's tiefste Orange steigert und wohl nirgendwo
besser anzutreffen ist.

Bemerkenswerth ist ferner noch, dafs das
Fenster zu etwa */r, aus weifsem Glase mit auf-
getragenem Silbergelb und etwas Ziegelroth, und
nur aus 1/6 farbigem Hüttenglase besteht.

Kann das Werk in Bezug auf Technik auch
nicht mehr mit den Fenstern im nördlichen
Seitenschiffe des Kölner Domes, sowie mit denen
von S. Maria im Kapitol in Köln und anderen
auf gleiche Stufe gestellt werden, so ist dasselbe
doch in Komposition und Farbe noch als eine
ganz vorzügliche Leistung dieser Zeit anzusehen.
Freilich tragen alle Fenster dieser Periode nicht
mehr den rein monumentalen Charakter, wie
diejenigen aus der Zeit des XIII. und XIV. Jahrh.,
wo Architektur, Malerei und Skulptur ein ein-
heitliches Ganze bildeten. Die Darstellung er-
trägt nur widerwillig die ihr auferlegten Hemm-
nisse in Stab- und Mafswerk und bildet ein
Kunstwerk für sich. Von dem Glasmaler unserer
Zeit sind daher auch Fenster dieser Periode
nur mit grofser Vorsicht als Vorbilder zu ge-
brauchen. In kleineren spätgothischen Kirchen
und Kapellen, besonders da, wo die Lichtver-
hältnisse keine günstigen sind und die Lösung
monumentaler Aufgabe weniger in Betracht
kommt, werden Fenster in der Art des Drove-
schen ihre günstige Wirkung nie verfehlen.
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