Zeitschrift für christliche Kunst — 3.1890

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1800.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 11.

358

thie sind. — Das Elfenbein ist von tadelloser
Struktur und Färbung; Spuren von Kolorit habe
ich nicht daran gefunden; vielleicht hat der
Künstler wegen der liebevollen Durcharbeitung,
die er seinem Schnitzwerk hat angedeihen lassen,
und namentlich wegen der Tiefe, die er ihm ge-
geben hat, auf die Anwendung der Farbe ver-

zichtet, welche ja bei den Elfenbein- wie bei den
Marmorfiguren hauptsächlich den Zweck hatte,
deren Gewandparthien um so klarer und voller
zur Wirkung zu bringen.— Möge diese Figur den
kirchlichen Bildhauern wiederum zeigen, welche
erhabene Schönheit die gothische Plastik ihren
Gebilden mitzutheilen vermag. Schnutgen.

Holzgeschnitzter Baldachin, flandrisch. Anfang XVI. jahrh.

Mit Abbildung.
Aus der Blüthezeit der flandrischen Holz- aus, eine spielende Beherrschung der Formen,
schneidekunst stammt der hier abgebildete Bai- Hier ist dem Holze und seinen Stilgesetzen voll-

dachin, der sich im Privat-
besitz zu Köln befindet.
Er ist, wie alle flandri-
schen Schnitzwerke die-
ser Zeit, ganz aus Eichen-
holz gebildet und war ur-
sprünglich polychromirt.
Der vergoldete Kreide-
überzug hat sich an den
durchbrochenen Mafs-
werkfüllungen des Hinter-
grundes noch vielfach er-
halten und das Gewölbe
des untern wie des obern
Baldachins weist noch
vollständig die ursprüng-
liche blaue Färbung auf,
die bei letzterem durch
vergoldete Gurten und
Rosetten netzartig ver-
ziert ist. Im Gegensatze
zu den auffallend einför-
migen Mafswerk-Durch-
brechungen herrscht in
den Blattornamenten eine
grofse Mannigfaltigkeit,
die sich an den Konsolen
und Krabben des obern
Baldachins in den dort
zahlreich angebrachten
phantastischen Thierge-
stalten zu einem ganz au-
fsergewöhnlichen Reich-
thum erhebt. In diesen
auf die Vergoldung berechneten und trotzdem
mit der gröfsten Sorgfalt geschnitzten Gebilden
spricht sich eine bewunderungswürdige stili-
stische Gewandtheit und technische Fertigkeit

kommen Rechnung ge-
tragen. Hier ist an dem
untern und fast noch mehr
an dem obern Baldachin
in konstruktiver und or-
namentaler Beziehung
Alles im Sinne des Ma-
terials so vortrefflich ge-
ordnet und ausgeführt,
dafs es als mustergültig
bezeichnet werden kann.
Diese beiden Baldachine,
denen später die durch-
brochene Rückwand mit
ihren sonderbaren Was-
serschlägen zum Verbin-
dungsgliede geworden ist,
rühren wohl aus einem
grofsen flandrischen Altar-
aufsatze her, in welchem
sie kleineren Figuren resp.
Gruppen als Bekrönung
dienten. Zahlreiche Altar-
werke, die namentlich im
Norden Deutschlands aus
den flämischenFabrikenin
Brüssel, Lierre,Antwerpen
Eingang gefunden haben,
zeigen diesen Wechsel an
gröfseren und kleineren
Figuren und Gruppen, die,
im Schmucke ihrer mit
Glanzgold überreich ver-
sehenen Polychromie, eine
sehr mannigfaltige und farbenprächtige Wirkung
ausüben, zumal in Verbindung mit der sie um-
gebenden Architektur und mit den sie flanki-
renden Flügelgemälden. Sehn tu gen.
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