Zeitschrift für christliche Kunst — 3.1890

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1890. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 12.

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Nachrichten.

Die malerische Ausstattung der
Kirche zu Anholt.

Anholt, bekannt als Residenz des Fürsten Salm-
Salm, liegt zwischen Emmerich und Wesel, etwa l'/4
Stunde von der Station Empel, an der Yssel.

Im Jahre 1851 wurde in dieser kleinen Stadt der
Grundslein zu einer neuen Pfarrkirche gelegt, deren Plan
und Vollendung dem durch seine Publikationen über
Trier's Baudenkmale in weitern Kreisen bekannten Archi-
tekten Schmidt alle Ehre macht, weil sie wohl eine der
gelungensten neuerer. Bauten romanischen Stiles ist. Ein-
fache Verhältnisse des Aeufsern bei reicherer Ausführung
des Innern, mafsvolle, aber gut berechnete Ornamente
bei kräftiger Betonung der architektonischen Glieder er-
zielen einen sehr vortheilhaften Eindruck. Das Mauer-
werk besteht nur aus Ziegeln, welche im Aeufsern herr-
schen, während im Innern der Haustein, woraus die Pfei-
ler, Kapitale, Gesimse und Fensterverzierungen gefertigt
sind, zu den verputzten Wänden gut passen. Eigenthüm-
lich ist der ganzen Anlage die auffallende Vertheilung
der Fenster. Die halbrunde Apsis ist fensterlos; von den
beiden vor ihr liegenden, mit je einem Kreuzgewölbe
versehenen Räumen, hat nur der östliche auf jeder Seite
ein Fenster, während sich zum westlichen die beiden
fürstlichen Logen öffnen. Das grofse dreitheilige Chor
erhält durch jene beiden, überdies verhältnifsmäfsig klei-
nen romanischen Fenster wenig Licht. Im Gegensatz
zum ziemlich dunkeln Chor empfängt das aus drei Qua-
draten bestehende Querschiff durch zahlreiche Fensler
überreiches Licht. Den Seitenschiffen geben halbkreis-
förmige, durch kleinere an die Peripherie stofsende Halb-
kreise verengte, dem Mittelschiff langgestreckte Fenster
mäfsiges Licht. Bei einer malerischen Ausstattung
mufste ein verständiger Künstler sich vor Allem die
Frage stellen: Wie werde ich die mangelhafte Beleuch-
tung des Chores mit der überreichen der Querarme in
Einklang bringen? Es lag nahe, dem Chor nur helle
Farben zu geben, um so dessen Beleuchtung zu ver-
mehren. Der Maler, Herr Friedrich Stummel zu Ke-
velaer, hat mit Glück einen andern, ebenso unerwar-
teten als erfolgreichen Weg einzuschlagen gewagt. Er
gab den als Hintergrund dienenden Wandflächen und
den Gewölben eine tiefe, schwarz-blaue Farbe und setzte
darauf helle und farbige Figuren. Letzlere treten nun
durch den Gegensatz vom dunkeln Grund leuchtend
hervor und verleihen dem lichtarmen Chor ein freund-
liches Aussehen. Der Erfolg ist indessen nicht allein
dieser neuen und geistvollen Farbenvertheilung, sondern
auch der Gröfse der Figuren zuzuschreiben. So mifst
das Bild des im kugelförmigen Gewölbe der Apsis
thronenden Heilandes nicht weniger als 4,50 m.

Der Herr sitzt dort in gewaltiger Majestät in einer
kreisförmigen Aureola, in Mitte der Zeichen der Evan-

gelisten, auf einem goldenen, mit hoher, runder Rück-
lehne versehenen, reich verzierten Thron. Sein rother
Mantel fällt in zahlreichen Falten von den Schultern
über die Kniee und bedeckt die weifse Tunika fast
vollständig. Die Rechte erhebt Christus im Gestus der
Rede und des Segens, während er die Linke auf das
Buch des Lebens stützt, dessen Inschrift sagt: Si di-
Hgitis nie, mandata mea strvate.

Nicht einmal die halbe Gröfse des Bildes des thro-
nenden Heilandes erreichen die vier neben ihm stehen-
den Figuren. Zur Rechten finden wir Maria in weifsem
Mantel, rothem Kleide, das Haupt demuthsvoll ge-
neigt, bittend die Hände erhebend. Hinter ihr steht
Joseph als Patron der katholischen Kirche, seine Lilie
und eine ihn als Zimmermann kennzeichnende Säge tra-
gend. Auf der andern Seite erblicken wir den Täufer,
Maria gegenüber, wie sie, ehrfurchtsvoll die Hände zum
Herrn erhebend, hinter ihm eine jugendliche Gestalt
in weitem, gelbem Mantel mit Palme und Schwert: den
hl. Pankratius, den Patron der Anholter Kirche.

Die das Gewölbe der Apsis tragende Wand ist
durch ein horizontales Band in zwei Abtheilungen zer-
legt, von denen jede durch fünf flache, kleeblattförmig
geschlossene Nischen belebt ist. In den obern Nischen
befinden sich fünf ebenfalls etwa 3 m grofse Vorbilder
des oben iin Gewölbe thronenden Herrn. Es sind:
David mit der Harfe, Abraham seinen Sohn zum Opfer
führend, Moses, der seine Gesetzestafeln gerade unter
dem das Buch haltenden Herrn zeigt, Melchisedech
als Hoherpriester, endlich Noe mit der Arche und der
Friedens-Taube.

In den acht Zwickeln der beiden Chorgewölbe
schweben, knieen oder stehen auf dem schon erwähn-
ten dunkeln Grunde sechszehn lichte Engel in weifsen
oder gelben Gewändern, mit goldenen Nimben und
rothen Flügeln. Sie tragen Leidenswerkzeuge des
Herrn. Die Seitenwände unterhalb jener beiden vier-
theiligen Gewölbe zeigen sechs Szenen aus der Voll-
endung des Lebens Christi: sein Kreuzigungsopfer,
seine Grablegung, das Niedersteigen zur Vorhölle, die
Stiftung der Kirche durch Uebergabe der Schlüssel an
Petrus und die Himmelfahrt. Die schwierige Aufgabe,
zwei jener Szenen in den engen, um die Fenster er-
übrigenden Raum hineinzuzeichnen, ist glücklich gelöst.
So schwebt z. B. auf der einen Seite der zur Vorhölle
eilende Messias frei über dem Fenster, während die
Erzväter, denen er seine Hand entgegenstreckt, in dem
unten neben dem Fenster bleibenden schmalen Raum
zusammengedrängt sind.

Es würde zu weit führen, die kleineren Figuren und
Figürchen zu nennen oder gar zu beschreiben, welche
die Fensterwandungen und anderen Plätze hier und da
füllen. Das Wichtigste ist und bleibt bei jeder ma-
lerischen Ausstattung einer Kirche die Wahrung der
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