Zeitschrift für christliche Kunst — 3.1890

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1890. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 10.

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tem nicht die "Virtuosität, zu welcher sich die
Schmiedekunst in der späteren Zeit, besonders
dem Rococo, emporschwang. Wenn die mo-
dernen Kunstschmiede auch sehr Recht daran
gethan haben, sich die Leistungen der letzteren
als Muster vorzusetzen, und wenn sie, wie man
mit Genugthuung feststellen kann, mit bestem
Erfolg bei den Meistern von Würzburg, Nan-
zig etc. in die Schule gegangen sind, so schei-
nen uns für das moderne Kirchengeräth doch
die strengeren Vorbilder der gothischen Periode
empfehlenswerther. Die straffere und verhält-
nifsmäfsig gesundere Formengebung dieser letz-
teren werden sie um so leichter erreichen, als
ihre Hand ja an schwierigen Aufgaben geschult

ist. Um so mehr möchten wir aber die häu-
figere Verwendung des Schmiedeeisens für un-
sere moderne Kirchenausstattung empfehlen, und
dabei den Wunsch aussprechen, dafs auch die
farbige Behandlung der alten Vorbilder beachtet
werden möge. Gerade bei seiner geringen Kör-
perlichkeit erträgt und fordert sogar das Schmiede-
eisen-Geräth eine Behandlung mit kräftigen, leb-
haften Farben und Gold, die ja hierbei nie der
Gefahr ausgesetzt sind, in grofsen Flächen stö-
rend zu wirken. Schon sind in dieser Hinsicht
in niederrheinischen und belgischen Kirchen
schöne Anfänge gemacht; möchten sie Beach-
tung und Nacheiferung finden.

Frankhirt a. M.

F. Luthmer.

Der Bildercyklus in der ehemal. oberen Vorhalle des Domes zu Hildesheim.

Mit 3 Abbildungen,
ur in wenigen Theilen zeigt die Dom

kirche zu Hildesheim, welche nach
verschiedenen Wechselfällen von
Bischof Hezilo neu erbaut und 1061
geweiht wurde, die ursprüngliche Formgestal-
tung. Zahlreiche Um- und Anbauten aus älterer
und neuerer Zeit, sowie die im vorigen Jahr-
hundert durch die Italiener Rossi, Caminada
und Bernardini erfolgte Ausstattung der
Innenräume mit barokker Stuckverzierung und
Malerei, haben dem Gotteshause das Gepräge
eines romanischen Baues in seiner äufseren und
inneren Erscheinung fast gänzlich genommen,
während der Grundrifs die alte Anlage noch
klar erkennen läfst. — Bis gegen die Mitte
unseres Jahrhunderts war es anders.

Da ragte über der mehrgeschossigen weiten
Vorhalle noch der einfache, massige, von seit-
lichen offenen Arkadenhallen flankirte West-
thurm empor, durchaus charakteristisch im Stadt-
bilde wirkend, das Vorbild für eine Reihe von
Thürmen, wie beispielsweise desjenigen am Dome
zu Minden. Er mufste wegen allzugrofser und
stetig zunehmender Baufälligkeit bis auf die
Grundmauern abgetragen werden. Ueber diesen,
welche verstärkt und mit Cement vergossen
wurden, hätte der Thurm in der alten Gestal-
tung ohne besondere Schwierigkeiten solide wie-
der errichtet werden können. Jedoch man wollte
in den vierziger Jahren davon nichts wissen, und
schuf das nüchterne Thurmpaar, welches mit

der Vorhalle zusammen heute noch ein architek-
tonisch nicht gerade anziehendes Bild gewährt.

Mit dem Abbruch der Thurmanlage ver-
schwand auch ein Denkmal frühmittelalterlicher
Wandmalerei, welches einen Rückschlufs auf
die sonstige Ausschmückung des Innern der
alten Domkirche gewähren konnte: der Bilder-
cyklus an der Decke der oberen Vorhalle.

Diese befand sich über dem östlich durch die
Bernward'schen Erzthüren- geschlossenen Para-
diese, zwischen den beiden Stiegenhäusern des
Westthurmes, in einer Höhe von 8,18 m über
dem Kirchenfufsboden, hatte eine Länge von
3,85 m, eine Breite von 5,15 m, war mit einem
halbkreisförmigen, im Scheitel 7,60 m hohen
Tonnengewölbe überspannt, und öffnete sich
nach dem Langschiffe des Domes durch einen
auf Säulen ruhenden Rundbogen. Ein gleicher
wird sich aller Wahrscheinlichkeit nach auch in
der Westwand der oberen Vorhalle befunden
haben; denn von hier aus pflegte der Bischof an
hohen Festtagen dem auf dem Platze vor dem Pa-
radiese versammelten Volke den Segen zu spen-
den, ein Gebrauch, welcher jedoch schon gegen
die Mitte des XII. Jahrh. in Abnahme kam.

Um diese Zeit vergröfserte man das Para-
dies, die untere Vorhalle, und baute auch gleich-
zeitig der oberen einen weiteren Raum vor, so
dafs deren Deckenbilder von Aufsen nicht mehr
sichtbar waren. In den späteren Jahrhunderten
sind letztere vielfachen Beschädigungen ausge-
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