Zeitschrift für christliche Kunst — 3.1890

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1890.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 5.

152

Vorgänger Otto IL und Nachfolger Heinrich IL,
der Heilige, waren eifrige Büchersammler und
Förderer christlicher Kunst. Der letztgenannte
fromme Herrscher stattete am Palmsonntag 1003
der Stadt Hildesheim, die er als eine heilige
Stätte betrachtete, und ihrem Bischof S. Bernward
einen Besuch ab, wobei er dessen kirchliche Stif-
tungen mit Privilegien ausstattete, sowie mit Ge-
schenken reich bedachte. Sollten unter diesen
nicht auch vielleicht solche sich befunden haben,
welche, wie die Kirchenbücher, bestimmt waren
zur Verherrlichung des Gottesdienstes?

Es sind dies alles jedoch lediglich Vermu-
thungen, da jeder Anhalt und jede Nachricht
über die Herkunft unserer Bilderhandschrift fehlt.
Diese zu erforschen, ihre gottesdienstliche Be-
stimmung klar darzulegen, sowie die künstle-
rische Seite des Ganzen erschöpfend zu würdigen

und zu beurtheilen, steht- noch aus. Zweck die-
ser Zeilen ist, die Blicke derer, welche so dank-
barer Aufgabe näher zu treten berufen sind, auf
dieses wenig bekannte, ikonographisch wie litur-
gisch gleich interessante und künstlerisch hervor-
ragende Werk des Mittelalters hinzulenken.3)

Köln. F. C. Heimann, Stadtbaurath.

s) Ich will diese Abhandlung nicht schliefsen, ohne
dem verehrlichen Vorstande der Beverinischen Biblio-
thek zu Hildesheim für das zur Ermöglichung des Stu-
diums und zum Zwecke der Vervielfältigung des bild-
nerischen Inhaltes der Handschrift bewiesene Entgegen-
kommen, den Herren Bibliothekaren zu Bamberg, Sig-
maringen, Donaueschingen, Beuron, Einsiedeln und
St. Gallen für die bereitwilligst gestattete Inaugen-
scheinnahme der Schätze in den betreffenden Biblio-
theken, bezw. für gütigst ertheilte einschlägige Nach-
richten auch an dieser Stelle verbindlichen Dank ab-
zustatten.

Können Gesichte und Offenbarem

gemacht

n meiner 1862 in zweiter Auflage
erschienenen Schrift über Cäsarius
von Heisterbach machte ich S. 87
darauf aufmerksam, dafs auch visio-
näre Vorstellungen, wenn sie sich auf Kunst-
gegenstände beziehen, als Rückerinnerungen an
wirklich Geschautes für Kunstgeschichte nutz-
bar gemacht werden könnten, und verwies als
Belege für diese Behauptung auf Dial. mirac.
VII 20, VIII 5 und 7. Dieser Wink blieb
meines Wissens unbeachtet; erst Aem. W. Wij-
brands in seiner 1871 erschienenen Studie über
den Dialogus') griff den Gedanken auf und er-
weiterte zugleich den hier zunächst in Betracht
kommenden Bilderkreis, d. h. Gemälde und Sta-
tuen, indem er auf die szenischen Darstellungen
in den Mysterien2) hinwies, da jedenfalls ein
künstlerischer Zusammenhang dieser lebenden
Bilder mit den Werken der Maler und Bild-
hauer bestanden hat.

Ich erlaube mir noch einmal auf den Gegen-
stand zurückzukommen und denselben eingehen-

1) In den „Studien en Bijdragen op't Gtbied der
hist. Theologie", von Moll und de Hoop Scheffer,
Th. II Stück 1 S. 1—102.

2) Dafs solche auch in den Rheinlanden üblich
waren, erfahren wir durch Cäsarius: „In Parascheve,
die scilicet in qua eius passio specialiter repraesen-
tatur (Dial. VIII 24).

gen für Kunstgeschichte nutzbar

werden ?

der zu besprechen, als dies seiner Zeit von mir
und Wijbrands geschehen ist.

Zu Ende des XII. und Anfang des XIII.
Jahrh. herrschte im Klösterlein der Cisterziense-
rinnen zu Walberberg ein reges mystisches Leben,
und gerade in den Gesichten einiger Mitglieder
jener Klostergemeinschaft glauben wir ein paar
der schlagendsten Beweise für unsere Behaup-
tung gefunden zu haben. Zur gleichen Zeit
hatten sich im benachbarten Köln die darstel-
lenden Künste schon zu einer bedeutenden
Bliithe entfaltet, und somit liegt es nahe, die
in den Gesichten der Klosterdamen von Wal-
berberg vorkommenden Schilderungen künst-
lerischer Natur auf wirkliche Kunstwerke zurück-
zuführen, welche sich in Köln befanden oder
daselbst für Gotteshäuser und Klöster in den
Rheinlanden angefertigt worden waren.

Unter den Begnadigten zu Walberberg nimmt
Christina von Volmuntstein (Volmarstein an der
westfälischen Ruhr) die erste Stelle ein. Ihr,
heifst es bei Cäsarius, haben Gott und die hl.
Gottesmutter manche Geheimnisse offenbart, und
so gefiel es auch dem Herrn, sie durch die Er-
scheinung seiner Geburt zu erfreuen. Er „zeigte
sich ihr in Windeln gewickelt und in der Krippe
liegend, nebst seiner Mutter und dem hl. Joseph.
Seine Tücher waren von weifser Wolle und
unterschieden sich in nichts von dem Tuch,
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