Zeitschrift für christliche Kunst — 3.1890

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1800. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 1.

nigen und gemüthvollen Ausgestaltung, aus der
die warm empfundenen idyllischen Darstellun-
gen der alten flandrischen Maler heraustönen.
Flandrischen Ursprungs ist ohne Zweifel auch
das ganze Altärchen. Die Eigenart der Archi-
tektur, besonders die gewundenen schweren
Säulen und die Dekorationsbögen über den
Engeln der Seitennischen, aber auch die der
Metalltechnik verwandten, zum Theil kleinlichen
Ornamente, sprechen ebenso sehr dafür, als die
bewegten, stellenweise etwas manierirten Figuren.
Flandern behauptete ja im Anfange des XVI.
Jahrh. in der Holzplastik einen hohen Rang
und versorgte mit seinen Erzeugnissen, zumal
von deren Zentren Antwerpen und Brüssel aus,
auch vielfach das Ausland, namentlich den Nor-
den Deutschlands, der noch jetzt einen sehr
grofsen Reichthum an flämischen Altären auf-
weist. Diese sind fast alle polychromirt; nur
äufserst selten begegnen solche, bei denen blofs
die Karnationstheile bemalt, alle übrigen figu-
ralen Parthien in der Eichenholzfarbe belassen

sind. Das Glanzgold beherrscht vollständig die
Färbung und auch die niedlichen Börtchen,
welche manche Gewänder verzieren, sind in
den Lasurfarben ausgesparte oder ausgekratzte
Goldornamente, wie sie auch unser Mittel-
grüppchen aufweist. Als seine Ursprungszeit
werden wir die ersten Jahrzehnte des XVI. Jahrh.
betrachten dürfen, die Glanzzeit der Antwer-
pener Schule.

Trotz der in Bezug auf Gröfse und Ein-
richtung vorhandenen Aehnlichkeit dieses Altär-
chens mit dem im I. Bande Sp. 243—248 ab-
gebildeten und als Epitaph bezeichneten, können
wir doch für jenes dieselbe Bestimmung nicht in
Anspruch nehmen, da hierfür jeder Anhaltspunkt
fehlt, nicht blos der inschriftliche. Wir werden
es vielmehr als ein Devotions - Schreinchen zu
betrachten haben, welches, vielleicht in einer
Nische, die Wand einer Kirche oder einer Haus-
kapelle zierte. — Seine vorbildliche Bedeutung
für ähnliche Einrichtungen braucht wohl kaum
hervorgehoben zu werden. Schnütgen.

Einige Bemerkungen über den Bau kleinerer und einfacherer Kirchen.

S^g-SfTj ewifs hat unsere Zeit im Verständ-
"tifö I nifs der alten Kunst und ihrer Eigen-
thümlichkeiten grofse Fortschritte
gemacht, namentlich wenn wir an
die noch gar nicht so lange hinter uns liegenden
Jahre denken, in denen in Deutschland die Geister
zuerst sich wieder mit dem bis dahin so ver-
rufen gewesenen Mittelalter beschäftigten und
nun in demselben zu ihrer grofsen Verwunde-
rung soviel Schönes und Edles fanden. Wenn
wir heute, nachdem wir eine Reihe von Jahr-
zehnten mit jener alten Kunst uns beschäftigt
haben, dennoch keineswegs uns sagen können,
dafs wir sie völlig beherrschen und in ihrem
Geiste den alten Kunstwerken neue ebenbürtige
an die Seite zu stellen vermögen, so ist dies sehr
erklärlich. Jahrhunderte hindurch ist die Kunst
der alten Zeit entweder vergessen oder verachtet
gewesen; vielfach hat der gerade Gegensatz zu
den in ihr sich offenbarenden Regeln unum-
schränkt geherrscht und unser Kunstleben selbst
hat seit langer Zeit schon daran gelitten, dafs
in dasselbe religiöse und anderweitige Gegen-
sätze hineingetragen worden sind.

Das trug alles sehr zur Verwirrung der Geister
auf dem Gebiete der Kunst bei und zur wesent-
lichen Erschwerung einer gründlichen und all-
gemeinen Umwandlung der Anschauungen und
des Geschmacks.

Die Architektur ging in Deutschland, wie es
ihrer wichtigen Stellung gebührt, in der Rück-
kehr zur mittelalterlichen Kunstweise voran, und
nur langsam folgten ihr die anderen Künste
nach. Dennoch niufs man auch bezüglich der
Baukunst sagen, dafs noch Vieles zu thun ist,
bevor sie so recht in den ganzen Geist der
früheren Jahrhunderte eingedrungen sein und
mit vollkommenem Verständnifs ihrer Formen
und Gesetze Neues schaffen wird.

Eigenthümlicher Weise dürfte diese Bemer-
kung bei weitem mehr auf Werke von geringerer
Bedeutung Anwendung finden, als auf Kathe-
dralen und Paläste.

Man kann ruhig sagen, dafs heutzutage mehr
Architekten zu finden sein werden, die im Stande
sind, in wirklich stilgerechter Weise die Ent-
würfe zu einer grofsartigen romanischen oder
gothischen Stadtkirche oder einem Rathhause zu
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