Zeitschrift für christliche Kunst — 3.1890

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1890.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 1.

machen, als solche, die eine einfache, schlichte
Dorfkirche oder ein gewöhnliches Privathaus so,
wie diese in alter Zeit gebaut worden, planen
könnten. Das mag vor Allem wohl darin sei-
nen Grund haben, dafs die kunstgeschichtlichen
Werke, an denen unsere Litteratur so reich ist
und die ein wichtiges Hülfsmittel für das Studium
unserer Architekten sind, sich vorwiegend mit
den gröfseren Denkmälern der Kunst beschäf-
tigen und, wie dies leicht erklärlich ist, ihnen
mit Vorliebe ihre Abbildungen widmen. So
kommt es, dafs in jedem Handbuch der Kunst-
geschichte selbstverständlich Bilder des Kölner
Domes, der grofsen Kathedralen von Mainz,
Strafsburg, Freiburg, Ulm u. s. w. nicht fehlen
dürfen, während man Pläne von schlichten Dorf-
kirchen dort vergebens sucht.

Dem entsprechend gelten die Studienreisen
der meisten Architekten ebenfalls an erster Stelle,
und leider oft genug fast ausschliefslich, den
mittelalterlichen Gebäuden ersten und zweiten
Ranges; nur selten verläfst man dabei die grofse
Hauptstrafse, um auch einmal auf dem Lande
sich umzuschauen und auch dort den Spuren
der alten Kunst nachzugehen. Dazu kommt
dann auch der wichtige Umstand, dafs unser
Klerus, der beim Kirchenbau doch eine so
wichtige Stellung einnimmt, ebenfalls aus jenen
Kunstgeschichten vorwiegend seine Kenntnifs der
alten Baustile schöpft und dafs daher auch er
die reichen und bestechenden Formen, die ihm
hier vor Augen geführt werden, vielfach als die
wesentlich zu einem im alten Stil entworfenen
Bau erforderlichen ansieht. Gewifs wirkt dann
be! denjenigen Mitgliedern der Kirchenvorstände
und Gemeindevertretungen, die mit den Geist-
lichen bei Kirchenbau-Fragen besonders thätig
sind und einen mafsgebenden Einflufs ausüben,
jener wohlbekannte Zug unserer Zeit, auch auf
dem Lande Alles möglichst städtisch zu gestalten,
dazu mit, dafs man auch für die Dorfkirchen
begehrt, sie dürften in ihrer äufseren Gestaltung
nicht hinter denen der Städte zurückbleiben.
Wie selten findet man jetzt in unsern Dörfern
neue Häuser, die wirklich auf den von Manchen
sehr geringschätzig ausgesprochenen Namen von
Bauernhäusern Anspruch machen können, wäh-
lend doch das mittelalterliche Bauernhaus sich
semer Bestimmung keineswegs schämte, son-
dern so recht als das aufzutreten pflegte, was
es im Unterschied vom städtischen Wohnhause
sein sollte.

Schwerlich wird es unsern Malern einfallen,
je ein auf dem Lande in modernem Geiste er-
bautes Haus zum Mittelpunkt eines Landschafts-
bildes zu machen, während die alten Bauern-
häuser unerschöpflichen Reichthum der schön-
sten Motive darbieten. So findet man auch heute
sehr selten eine neugebaute Dorf kirche, die wirk-
lich auf diesen Namen Anspruch machen könnte.

Gewifs sind wir überaus weit von der Idee
entfernt, als wenn für das Land nicht ebenso
gut schöne Kirchen pafsten, als für die Stadt,
oder als wenn es zu tadeln wäre, wenn kirch-
lich gesinnte Dorfbewohner ihre Freude daran
haben, alles ihnen Mögliche zur Errichtung eines
möglichst schönen und würdigen Gotteshauses
aufzubieten; aber damit ist gewifs nicht gesagt,
dafs Eines sich für Alle passe und dafs es im Inter-
esse der religiösen Kunst liege, für das so über-
aus wichtige Gebiet der Kirchenbauten irgendwie
die Schablone gelten zu lassen. Am nachdrück-
lichsten ist dies zu betonen, wenn es sich nicht
darum handelt, auf dem Lande oder in irgend
einer kleinen Stadt einen Bau zu errichten, der
mit den grofsen Kirchen des Landes im Reich-
thum der Formen wetteifert, der aber in ge-
sunder Einheitlichkeit im Geiste alter, schöner
Vorbilder entworfen ist, sondern wenn man das
Wetteifern mit den reichen, an grofsen, wohl-
habenden Orten sich findenden Bauten in aller-
hand Nebensächlichem sucht, während der Bau
an sich durch die Macht der Verhältnisse nur
ein ganz einfacher sein kann.

Möge eine wohlhabende Landgemeinde
immerhin sich eine recht grofse und stattliche
Kirche bauen: nur wird bei derselben dann
auch der Aufrifs zum Grundrifs stimmen müssen.
Die Entwicklung des Thurmes mufs mit der der
Giebel und des ganzen äufsern Aufbaues Hand
in Hand gehen, wie aus dem Grundgedanken
wieder alle Details hervorzugehen haben. Wie
viele Beispiele aus neuerer und neuester Zeit
könnten wir aber anführen, bei denen Solches
durchaus nicht der Fall ist! Bald wird der
Architekt gedrängt, doch ja auf einen recht
hohen Thurm bedacht zu sein, da in der Nach-
barschaft Thürme vorhanden seien, hinter denen
man doch nicht zurückbleiben dürfe, bald findet
man einen Giebel doch gar zu einfach, und
es wird begehrt, ein „schönes" Portal doch an
demselben anzubringen, bald meint man, die ein-
fachen Strebepfeiler seien so gewöhnlich, und
es wäre so hübsch, wenn sie oben statt der
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