Zeitschrift für christliche Kunst — 3.1890

Page: 181-182
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1890.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. G.

182

deckt (velum, deutsch „Schleier", man/ile pro
integauiis cancellis oder pro communicantibus);
jedoch werden auch rothseidene erwähnt.

Die Altarkissen (cussinus,pulvinar), Un-
terlagen für die Mefsbiicher, waren mit ver-
goldetem Leder oder mehrfarbigem Seidenstoff,
violettem Atlas u. dergl. überzogen.

Schliefslich mögen auch noch die Fasten-
t ü c h e r (auch Hungertücher, vela oder velamina
quadragesimalia) genannt werden. Dafs sie,
wie anderswo, zur Abschliefsung des ganzen
Chorraumes von dem Hauptschiffe der Kirche
gedient hätten, läfst sich für den deutschen Nord-
osten nicht erweisen. Dies war auch nicht gut
möglich, da die allermeisten Kirchen keinen

besonderen ausgebauten Chorraum hatten. Sie
waren nur dazu bestimmt, die Altäre in der
Fastenzeit zu verhüllen, wie es in den meisten
Inventarien auch ganz klar ausgedrückt ist:
Velamina altarium in quadragesima — v.
quadrag. ad tegenda altaria — v. quibus in
quadragesima solent altaria obduci — vela pro
altaribus. Gewöhnlich waren sie aus schwarz-
gefärbter Leinwand (tela nigra, auch ex Grob-
grin rubra et viridi et flavo) und auf der einen
Seite mit einem weifsen, auf der andern mit
einem rothen Kreuze, oder auch aus weifser
Leinwand und dann mit schwarzem und rothem
Kreuze bezeichnet. (Schlufs folgt.)

Braunsberg. Dr. Fr. Dittrich.

Durchbrochener Metalldeckel als romanische Buchverzierung.

Mit Abbildung.

.ehr mannigfaltig waren die
Materialien, mit welchen das
M ittelalter, zumal in der roma-
ni sehen Kunstperiode, seine
Buch-Denkmäler zu Halt und
Schmuck umgab. Mit Elfen-
bein, Knochen, Hörn, mit
Leder, Pergament, Seide, mit
Gold, Silber, Kupfer wurden
die Deckel überzogen, und
sämmtliche Verzierungstech-
niken, über welche die auch in dieser Hinsicht
so ungemein produktive Zeit verfügte, halfen
jenen Schmuck vervollständigen. Wiederholt ist
bereits in dieser Zeitschrift von solchen kunst-
vollen Einbänden die Rede gewesen, und in
dem ersten Hefte derselben ist ein Einband
abgebildet und beschrieben, dessen Verzierung
durchbrochene Metalldecke] bilden. Ein ähn-
licher Deckel, der aber nicht, wie jener, aus
Silber, sondern aus vergoldetem Kupfer besteht,
und nicht, wie jener, der frühgothischen, son-
dern der spätromanischen Stilepoche angehört,
befindet sich im Musee de Cluny zu Paris. Er
ist hier auf Grund der offiziellen photographi-
schen Aufnahme mit Genehmigung des Vor-
standes, in circa zwei Drittel seiner natürlichen
Gröfse abgebildet und verdient wegen seiner
einfachen und klaren Anordnung, wegen seiner
interessanten Darstellungen und wegen seiner
vorzüglichen Zeichnung besondere Beachtung,
und zwar nicht nur archäologi-* he, -andern auch

kunstgewerbliche, indem er für die Nachahmung
manche dankbare Gesichtspunkte bietet.

Sein eigentliches Gerippe bildet der äufsere
Rand mit der Inschrift und das innere Kreuz
mit dem sein Mittel bildenden Rund. Aus
diesem ist das Lamm Gottes ausgeschnitten,
dem hier zu Füfsen der sonst öfters verkom-
mende Kelch mit dem Blutstrahl und im Nim-
bus das Kreuz fehlt. Die Umschrift lautet:
+ CARNALE SANCTUS TULIT AGNUS HIC

HOSTIA FACTUS.
Die vier Rechtecke enthalten die Figuren der
vier Paradiesesflüsse, welche durch die Ueber-
bezw. Unterschrift als

GYON • PHISON • TYGRIS • EVFRATES
bezeichnet sind. Die beiden ersteren sind jugend-
lich und bartlos, in sanfterer Bewegung dar-
gestellt, die beiden anderen älter, bärtig, in
wilder Geberde, alle auf Bögen sitzend und
nicht, wie bis dahin die (der Antike entlehnte)
Regel war, Urnen, sondern dickbauchige Flaschen
haltend, aus denen sie die Ströme ausgiefsen.
Ihre Bedeutung an dieser Stelle, d. h. auf dem
Deckel eines Evangeliars, verräth die Inschrift
der beiden Längsseiten:

FoNS PARADISIACVS ¥(per) FLVMINA

OVATVO(r) EX(it),
IIEC OUADRIGA LEVIS TE XPE (Christe)
£(per) OMIA(omnia) VEXIT,
welche als Viergespann des Evangeliums überall-
hin Christus fahren läfst, der Paradiesesquelle
vergleichbar, die in vier Ströme auseinandergeht.
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