Zeitschrift für christliche Kunst — 3.1890

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1890. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 7.

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Der ehemalige frühromanische Kronleuchter in der Klosterkirche zu Korvey.

n ganz Deutschland sind bislang nur

vier romanische Kronleuchter (co-

ronae, rotae) nachgewiesen:*) alle

übrigen sind der Habsucht oder dem

veränderten Geschmack zum Opfer gefallen.

Die beiden ältesten noch vorhandenen Kron-
leuchter befinden sich in dem Dome zu Hildes-
heim, ein gröfserer von 6,69 m Durchmesser zu
72 Kerzen2) und ein um die Hälfte kleinerer zu
36 Kerzen;3) beide sind Werke aus der Zeit
des Bischofs Acelin (1044 bis 1054). Den nächst-
ältesten, um ein Jahrhundert jüngeren, besitzt
die Klosterkirche zu Comburg.4) Derselbe hält
bei einem Durchmesser von 5,02 m die Mitte
zwischen der grofsen Krone von Hildesheim
und dem Radleuchter im Münster von Aachen,
welcher im Durchmesser 4,16 m mifst und
48 Kerzen trägt. Dieser Kronleuchter, ein Ge-
schenk Kaiser Friedrich Barbarossa's, ist wahr-
scheinlich in den Jahren 1166 bis 1170 angefertigt,
somit der jüngste in der Reihenfolge der noch
erhaltenen Exemplare.5)

Von den nicht mehr auf unsere Zeit ge-
kommenen Lichterkronen scheint die muth-
mafslich aus der ersten Hälfte des XII. Jahrh.
stammende, welche Gelenius noch in der zweiten
Hälfte des XVII. Jahrh. mitten im Kreuzschiff
von St. Pantaleon zu Köln bewunderte, eine
der prächtigsten gewesen zu sein.6] Um ein Jahr-
hundert älter als diese war der Kronleuchter
in dem Dome zu Speier. Die unstreitig form-
schönste und kunstreichste Lichterkrone, die das
nördliche Deutschland noch bis zum XVII. Jahrh.
besafs, befand sich in der von dem grofsen
Bischof Bernward erbauten St. Michaelskirche
zu Hildesheim. Dieser kunstliebende Kirchen-
fürst hatte sie unter Beihülfe seiner Schule im

') Bock »Der Kronleuchter des Kaisers Friedrich
Barbarossa im Münster zu Aachen und die formver-
wandten Lichterkronen zu Hildesheim und Comburg«
(1864); Otte-Wernicke »Handbuch der kirchlichen
Kunstarchäologie«, 5. Aufl. I. (1883), S. 158.

2) Abbildung bei Kratz »Der Dom zu Hildes-
heim, seine Kostbarkeiten und Kunstschätze« (1840),
II. Taf. 5; ferner bei Bock a. a. O. Taf. 3.

3) Abbildung bei Kratz a. a. O. Taf. 8, Fig. 2;
danach bei Otte-Wernicke a.a.O. S. 158.

*) Abbildung bei Bock a. a. O. Taf. IV.

5) Ausführlich beschrieben und reich illustrirt bei
Bock a. a. O.

6) Bock a.a.O. S. 36.

Jahre 1020 mit eigener Hand angefertigt. Am
30. Mai 1662 wurde dieselbe unter dem Vorwande
vernichtet, dafs sie die Kirche verdunkele.7)

Die Kronleuchter von Hildesheim und Com-
burg sind einfach rund gebildet, der Aachener
dagegen besteht, wohl in Rücksicht auf die Acht-
eckform des Münsters, aus acht gleich grofsen
Kreisabschnitten. Im Uebrigen zeigen alle diese
Leuchter ein formverwandtes System; sie ver-
sinnbilden nach den auf ihnen angebrachten aus-
führlichen Inschriften das himmlische Jerusalem:
der grofse Reif, der auf seinem Kamme die Licht-
teller trägt, bezeichnet die Mauer der Gottesstadt;
die durchbrochen gearbeiteten laternenartigen
Thürmchen, in welchen Standbilder der Apostel
und Propheten angebracht waren, ihre Thore.

Nicht nur der Zeit nach älter, sondern auch
in der Form von den genannten abweichend war
ein Kronleuchter, der sich bis in die zweite Hälfte
des XVII. Jahrh. in der Abteikirche zu Korvey
befand. Da weder Bock noch Otte-Wernicke
desselben gedenken — nur von Tophoff wird er
nebenbei erwähnt8) — so dürften die folgenden
Mittheilungen, trotz ihrer Dürftigkeit um so mehr
Interesse verdienen, als es sich um eines jener
seltenen Werke der Metalltechnik handelt, die
noch dem vorigen Jahrtausend angehören.

Im Königlichen Staatsarchiv zu Münster be-
findet sich ein durch den Notar Henricus Stockeil
aufgenommenes „Inventarium, was an dem Stifft
Corvey Anno 1641, den 16. Decembris befunden
und vorhanden gewesen". Unter den dort auf-
geführten Gegenständen befindet sich „eine grofse
Messingskronen".9) Es fehlt jede weitere An-
gabe, doch unterliegt es keinem Zweifel, dafs
hiermit der grofse Kronleuchter gemeint ist.
Ausführlicher sind glücklicherweise die Angaben
eines andern, demselben Jahrhundert angehörigen
Manuscriptes, welches ebenfalls im Staatsarchiv
zu Münster sich befindet. Dort heifst es: Post
tempora belli, pace jam anno 164.8 composita,
adhuc inveniebatur in desolato inferiori templo
nostro Corbejensi ad murum reclinata Corona

') Kratz a. a. O. S. 100 bis 103. Ueber die Kron-
leuchter, welche früher in Frankreich und Belgien vor-
handen waren, vgl. Bock a. a. O. S. 39 ff.

8) Tophoff »DieKirche der ehemaligen gefiirsieten
Reichsabtei Korvey an der Weser« (Organ für christl.
Kunst 1872, 22. Jahrg.), S. 192 ff.

») Kopialbuch, Msc. I A. 144.
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